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Rechnung mit vielen Unbekannten

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Cottbus. Der Bau-Boom zieht immer mehr Menschen in die Cottbuser Innenstadt. Die Geburtenzahlen weichen von den Prognosen ab. Wie viele Flüchtlinge in der nächsten Zeit nach Cottbus kommen ist ungewiss. In dieser Phase arbeitet die Stadt zeitgleich mit dem Landkreis Spree-Neiße an einem Schulentwicklungskonzept. Sven Hering

Selbst auf die Technik war kein Verlass mehr. Als der Cottbuser Bildungsdezernent Berndt Weiße (parteilos) im jüngsten Bildungsausschuss Zahlen zur Schulentwicklung in der Stadt vorstellen wollte, spielte der Computer verrückt. Seine vorbereitete Präsentation musste Weiße deshalb schuldig bleiben. Die Szene passte zu der Situation, vor der die Schulplaner in der Stadt stehen. Verlässlich ist derzeit nur wenig.

Die Kreisgebietsreform ist dabei sogar noch ausgespart worden. "Wir planen so, als ob Cottbus kreisfrei bleibt", erklärte Weiße. Doch das ist nicht die einzige Unbekannte. Beispiel Flüchtlinge. "Wir wissen nicht, wieviele Menschen in den nächsten Jahren zu uns kommen", betonte der Bildungsdezernent.

Zudem gibt es Probleme, die eigentlich längst ausgeräumt sein sollten. So hatten Ende des vergangenen Jahres Stadt und Schulamt ein besseres Verfahren vereinbart, um Kinder aus neu angekommenen Flüchtlingsfamilien so schnell wie möglich in Cottbuser Schulen zu integrieren. Doch das Verfahren läuft längst nicht rund, hieß es im Bildungsausschuss.

Das nächste Problem: Bei der Prognose der Geburtenzahlen haben sich die Planer mächtig verschätzt. So wurden im Jahr 2008 für das Jahr 2016 rund 650 Geburten für Cottbus vorhergesagt. Tatsächlich rechnet die Verwaltung laut Weiße in diesem Jahr mit rund 800 Geburten. "Der prognostizierte Geburtenrückgang setzt später ein", so der Dezernent.

Das Stadtzentrum boomt

Ein eigentlich positiver Fakt spielt den Schulplanern nicht unbedingt in die Karten. Weiße: "Die Stadtentwicklung funktioniert, das Zentrum wird deutlich belebt." Die Menschen ziehen nicht nur innerhalb der Stadt verstärkt ins Zentrum, sondern sie kommen auch aus dem Cottbuser Umland. Das bedeutet aber, dass vor allem an den Grundschulen im Zentrum die Plätze knapp werden. Die Kästner-Grundschule sei übernachgefragt, die Nevoigt-Grundschule verzeichnet "eine hohe Belegung". Doch die Kapazitäten an den Einrichtungen sind praktisch ausgeschöpft.

Ungewiss ist, ob das Thema Schulzentren demnächst auch für Cottbus relevant wird. Ursprünglich ist dieses Modell für eher ländliche Räume entwickelt worden. Grund- und Oberschulen werden dabei an einem Ort konzentriert und miteinander verzahnt. Berndt Weiße: "Mit diesem Thema werden wir uns beschäftigen."

Bereits in vollem Gange ist hingegen die Diskussion über die Gesamtschule. Nachdem es bereits seit Jahren wesentlich mehr Anmeldungen als Plätze für diese Schulform gibt, hat die Verwaltung durch die Stadtverordneten einen Prüfauftrag erhalten. In den kommenden Jahren wird noch ein ähnlich hohes Schüleraufkommen erwartet. Damit auch Schüler aus weiter entfernten Cottbuser Stadtteilen eine Chance auf einen Platz an der Fontane-Gesamtschule haben, sollten "Szenarien zur temporären Erhöhung der Klassenanzahl untersucht werden". So heißt es in einem gemeinsamen Antrag von SPD, CDU und AUB/SUB. Untersucht werden soll, ob an der Fontane-Gesamtschule noch zusätzliche Klassen installiert werden können. Denkbar seien aber auch zeitweise Außenstellen, zum Beispiel an der Lausitzer Sportschule. Mit dem Spree-Neiße-Kreis soll dabei zusammengearbeitet werden.

Kompliziert ist auch die Situation an der Spreeschule. Die Einrichtung mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung" ist ebenfalls längst an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Der CDU-Stadtverordnete Helmut Schmidt erklärte im jüngsten Bildungsausschuss: "Es ist nicht mehr tragbar, unter welchen Bedingungen Lehrer und Physiotherapeuten dort arbeiten müssen." Lothar Nagel (SPD), selbst Schulleiter, betonte: "Ich würde dort einen Herzkasper kriegen, schon alleine wegen des Brandschutzes." Christina Gerth (CDU) forderte: "Wir brauchen einen Notfallplan." Den sollte die Stadtverwaltung schon in diesem Jahr vorlegen. Georg Simonek (AfD) kritisierte deshalb: "Ein bisschen hingehalten fühlen wir uns schon."

Zeitplan ohne Garantie

Die Diskussion im jüngsten Bildungsausschuss war nur der Auftakt für viele weitere Gespräche, die in den kommenden Monaten noch folgen werden. Bis zum Frühjahr soll das Schulentwicklungskonzept monatlich in den Fachausschüssen beraten werden. Im Mai 2017 könnte es dann durch die Stadtverordneten verabschiedet werden. Dieser Zeitplan allerdings - das ist eine Erkenntnis der Debatte - ist wegen der vielen Unbekannten ohne Garantie.