ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:42 Uhr

Nachgefragt
Mit Entfernung von Berlin wächst Unzufriedenheit

Viel Land, wenig Menschen. Was sehr erholsam ist, hat mit Blick auf die Infrastruktur auch Tücken.
Viel Land, wenig Menschen. Was sehr erholsam ist, hat mit Blick auf die Infrastruktur auch Tücken. FOTO: Patrick Pleul
Cottbus. Eine rbb-Studie belegt, benachteiligt fühlen sich vor allem die Brandenburger, die nicht im Speckgürtel der Hauptstadt leben. Von Jenny Theiler

In Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut Infratest Dimap hat der RBB im April dieses Jahres eine repräsentative Umfrage durchgeführt. 1000 wahlberechtigte Brandenburger sind zu den Lebensbedingungen in ihren jeweiligen Regionen befragt worden. Zudem ist herausgearbeitet worden, welche Faktoren, die auf die Lebenssituation Einfluss haben, für Brandenburgs Bürger besonders wichtig sind. Für 61 Prozent der Befragten hat die ärztliche Versorgung in der Region oberste Priorität. Aber auch Aspekte wie öffentlicher Nahverkehr, Arbeitsmöglichkeiten, Schul- und Kita-Standorte und Einkaufsmöglichkeiten sind mit durchschnittlich über 40 Prozent von den Befragten genannt worden.

Die Entfernung von Berlin spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Nur knapp fünf Prozent, der in den Randgebieten von Berlin lebenden Bevölkerung betrachtet sich gegenüber den restlichen Brandenburgern als benachteiligt – im übrigen Brandenburg sind es ganze 32 Prozent.

Die ärztliche Versorgung bleibt Hauptproblem

Die rbb-Studie aber belegt auch: Unabhängig vom Wohnort und der Nähe zu Berlin ist die ärztliche Versorgung für alle befragten Brandenburger gleichermaßen wichtig. Die Auffassung über die Entwicklung der Ärzte-Situation im Berliner Randgebiet und im übrigen Brandenburg geht allerdings weit auseinander. 41 Prozent der Brandenburger sind der Meinung, die ärztliche Versorgungslage habe sich im Laufe des Strukturwandels der letzten zehn Jahre verschlechtert. 30 Prozent empfinden den Zustand als unverändert und nur 26 Prozent sehen eine Verbesserung. Im Berliner Speckgürtel bemängeln nur 23 Prozent die medizinische Versorgungslage und 39 Prozent sehen sogar eine deutliche Verbesserung der Entwicklung.

Der so oft beklagte Ärztemangel, scheint sich vor allem in ländlichen Gebieten besonders stark auszuprägen. Dabei sei, laut Christian Wehry von der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburgs, eine derartige Problematik nicht erkennbar: „Zwischen 2010 und 2017 haben wir in der ärztlichen Versorgungslage im Land Brandenburg einen kontinuierlichen Anstieg von 11,7 Prozent zu verzeichnen. Das ist eine äußerst positive Entwicklung.“

Auf einen Arzt kommen in Brandenburg ungefähr 1600 Menschen. Aus der Dichte der Arztpraxen und der Krankenhäuser ergibt sich ein Versorgungsradius, der in jedem Mittelgebiet im Idealfall bei 100 Prozent liegen sollte. In Cottbus sind es 111 Prozent und 1613 Einwohner, die auf einen Arzt kommen. „In Neuenhagen bei Berlin liegt der Versorgungsradius bei 81,9 Prozent. Das ist im ganzen Bundesland der niedrigste Wert“, erklärt Christian Wehry. Dennoch würden sich die Neuenhagener über diesen Umstand nicht beklagen, was auch mit den Ergebnissen der rbb-Studie übereinstimmt. „Vor allem diejenigen, die in den Randgebieten leben und in der Großstadt arbeiten, haben ihre Ärzte meistens auch in Arbeitsplatznähe. Demzufolge ist ein Versorgungsnotstand auf dem Land eher unwahrscheinlich“, erklärt Christian Wehry.

Viele Alte, wenige Mediziner

Dennoch gibt es Gründe für den von vielen Brandenburgern empfundenen, Ärztemangel. „Von allen Bundesländern hat Brandenburg die höchste Altersdichte in Deutschland, und alte Menschen sind deutlich behandlungsintensiver und müssen öfters Ärzte aufsuchen“, sagt Christian Wehry. Volle Arztpraxen und lange Wartezeiten auf Termine sind die Folge und sorgen so für unterschiedliche Wahrnehmungen in der gefühlten und der tatsächlichen medizinischen Versorgung. „Arzttermine gibt es nirgends auf Knopfdruck. Entscheidend ist, dass die Notfallversorgung entsprechend funktioniert. Wer krank wird und unangemeldet zum Arzt geht, muss dann nun mal zwei Stunden im Wartezimmer in Kauf nehmen“, erklärt Christian Wehry.