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| 19:50 Uhr

Stadtteilgespräch in Sandow
Rauer Wind mit Anstand

In einer gut gefüllten Carl-Blechen-Grundschule stellten sich Oberbürgermeister Holger Kelch (l.) und Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (M.) den Fragen von rund 140 Gästen.
In einer gut gefüllten Carl-Blechen-Grundschule stellten sich Oberbürgermeister Holger Kelch (l.) und Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (M.) den Fragen von rund 140 Gästen. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Der Bürgerdialog in Sandow zieht rund 140 Gäste an. Flüchtlinge bleiben Thema Nummer eins. Trotz hitziger Debatte bleibt’s sachlich. Von Daniel Schauff

„Eine fehlt“, sagt eine Dame im Publikum. Gerda K. meint sie, die 82-jährige Cottbuserin, die Ende 2016 in ihrer Wohnung ermordet wurde. Vor Gericht steht derzeit ein junger Syrer. „Man hört nichts“, sagt die Dame und schiebt nach: „Man hat das Gefühl, dass gar nicht gewollt ist, dass der verurteilt wird.“ Der Prozess zieht sich seit Monaten, an die Öffentlichkeit dringt so gut wie nichts. Der vermeintliche Täter war zur Tatzeit einem Gutachten zufolge minderjährig. Das Strafverfahren findet ohne Publikum, ohne Presse statt.

Rund 140 Gäste waren am Dienstag in die Blechen-Grundschule in Sandow zum fünften Bürgerdialog der Stadtverwaltung gekommen. Hauptthema: Flüchtlinge, wie bei fast allen Bürgerdialogen bisher. Die Stimmung: angespannt. Die Sachlichkeit, sagte Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) sei in den bisherigen Dialogen bemerkenswert gewesen. Auch in Sandow ist der Anstand in der gut zweistündigen Diskussion nicht abhanden gekommen – auch wenn der Wind für Kelch und Stadtverordneten-Chef Reinhard Drogla (SPD) merklich rau geweht hat.

So fragte ein Besucher, ob das Stadtfest absichtlich auf das Datum des muslimischen Zuckerfestes gelegt worden sei. Das, so der Mann, sei bereits ein Kniefall vor dem Islam. Kelch: „Wer aus Cottbus kommt, weiß, dass das Stadtfest immer am dritten Juniwochenende stattfindet.“

„Wie sicher ist Cottbus?“, fragte ein Mann, der sich in die erste Reihe der Besucher gesetzt hatte. Nach den Massenschlägereien vor und beim Stadtfest mache er sich Sorgen. Warum straffällig gewordene Flüchtlinge nicht gleich abgeschoben würden, wurde gefragt. Carsten Konzack, Leiter der Ausländerbehörde Cottbus/Spree-Neiße erläuterte: Wer in Deutschland straffällig wird, muss sich in Deutschland verantworten, kriegt in Deutschland seine Strafe. Ob danach eine Abschiebung folgt, hänge vom Herkunftsland ab. Nach Syrien, so Konzack, gebe es keine Abschiebungen. Nach Tschetschenien wohl – daher kam ein Teil der Beteiligten der ersten Massenschlägerei am 12. Juni.

Was passiert, wenn die Flüchtlinge nicht in die Deutschkurse gehen?, wollten Gäste wissen. „Dann werden die Leistungen gekürzt“, erklärte Maren Dieckmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Jugend, Kultur und Soziales im Rathaus. „Das höre ich heute zum ersten Mal“, antwortete ein Gast.

Ein Dank an die Polizei sprach einer der Gäste aus, betonte aber auch: „Dass wir so viele Polizisten brauchen, ist schade.“ Dem Dank an die Polizei schloss sich Kelch an, ergänzte es mit einem Dank ans Ordnungsamt. Gemeinsam sind seit Anfang des Jahres Ordnungsamt und Polizei verstärkt in Cottbus unterwegs. Zum Leidwesen eines jungen Mannes, der im Puschkinpark kontrolliert wurde. „Es geht keinen etwas an, was ich in meiner Tasche habe“, sagte er. Bettina Groß, Leiterin der Poilzeiinspektion Cottbus/Spree-Neiße, widersprach, bezog sich aufs Polizeigesetz.

Eine Patin eines Flüchtlings meldete sich zu Wort: Ihr „neuer Sohn“ sei jedes Mal betrübt, wenn seine Landsmänner etwas anstellten. Die Frau schob nach: „Ich gehöre nicht zu dem Volk“, bezog sich auf die „Wir sind das Volk“-Rufe bei den asylfeindlichen „Zukunft Heimat“-Demos.

Wie in den Stadtteilgesprächen zuvor mussten Kelch und die Verwaltungsmitarbeiter mehrmals auf die Grenzen der kommunalen Zuständig- und Möglichkeiten hinweisen, die Zuständigkeiten von Land und Bund erklären. Kelch: „Ich bedauere, dass es bis heute kein Bundestagsabgeordneter in die Dialoge geschafft hat.“