Bestimmt hat der Leiter der Cottbuser Polizeiwache in der Tranitzer Straße in seinem Beruf schon eine Menge erlebt. Doch wenn Dietmar Kulka von den Radfahrern in Cottbus spricht, schüttelt er ungläubig den Kopf. Er wundert sich über ihr „disziplinloses Verhalten“ , ihre „Rücksichtslosigkeit“ . Sein trauriges Fazit lautet: „Es ist die Unsitte eingerissen, dass die Leute fahren, wie sie lustig sind.“
Kulka will dabei, wie er sagt, nicht alle Radfahrer über einen Kamm scheren. Doch er ist nicht der Einzige, der einen neuen gefährlichen Trend beobachtet. Auch der Chefarzt der Cottbuser Notaufnahme, Dr. Olaf Konopke, könnte eine lange Liste von Verletzten aufzählen, die sich in diesem Jahr im Carl-Thiem-Klinikum nach Fahrradunfällen verarzten ließen - sie kamen mit Hautabschürfungen, Schlüsselbeinbrüchen, Kopfwunden.
Ein paar Beispiele aus dem Alltag der Polizei. Da stößt ein Junge, auf dem Rad unterwegs, am Priorgraben mit einem Rentner zusammen. Der alte Herr stürzt und bricht sich das Handgelenk, der Junge fährt weiter.
Da fährt ein Jugendlicher freihändig auf der falschen Fahrbahnseite die Leipziger Straße entlang, und ein Autofahrer kann gerade so bremsen, als er auf die Straße abbiegen will. Beobachtet hat das Dietmar Kulka: „Ich sah ihn schon auf der Motorhaube sitzen.“
Da sehen Polizisten in einem Funkstreifenwagen zwischen Schmellwitz und Lakoma einen Radfahrer ohne Licht. Sie wollen ihn anhalten, doch er rast davon, sie folgen ihm, er fährt in Schlangenlinien vor ihnen her und stößt schließlich mit dem Polizeiauto zusammen.
Dramatisch steigt die Zahl der Unfälle in Cottbus, in die Radfahrer verwickelt sind. Von Januar bis September 2004 zählte die Polizei 181 Unfälle, seit Beginn dieses Jahres sind es schon 245. Dabei verletzten sich 66 Radfahrer, in 86 Fällen trugen sie die Schuld am Unfall, 47 von ihnen fuhren auf der falschen Straßenseite. Dabei geht die Polizei davon aus, dass die Statistik im nächsten Jahr noch düstere Daten enthält. Denn wegen des hohen Benzinpreises steigen mehr und mehr Leute vom Auto aufs Fahrrad um.
Besonders heftig geht es nach Auskunft von René Rudnik, dem Chef der City-Wache, in der Friedrich-Ebert-Straße zu, in der Spremberger Straße, der Karl-Marx-Straße, der Puschkinpromenade, der Karl-Liebknecht-Straße und auf der Bahnhofsbrücke. „Die Leute rasen mit irrem Tempo den Bahnhofsberg hinunter zur Wilhelm-Külz-Straße, und das auch noch auf der falschen Seite.“
Dieser Entwicklung will die Polizei nun nicht länger zusehen. So kündigt Pressesprecher Berndt Fleischer für die nächsten Wochen häufige Kontrollen in Cottbus an. „Wir nehmen an, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist, als es uns die vorliegenden Zahlen sagen. Es gibt sicher etliche Fälle, in denen Leute vom Unfallort abhauen und der andere glaubt, eine Anzeige habe sowieso keinen Zweck.“
Manchmal machen die Verkehrssünder aber auch einander das Leben schwer. An der Ecke Puschkinpromenade/Dreifertstraße stießen zwei Radfahrer zusammen, die beide die verkehrte Straßenseite nutzten. Sie kamen ins Krankenhaus - und nun droht den Schwerverletzten nach Auskunft der Cottbuser Polizei Ärger wegen der Schadensregulierung.

Service Fahrradkodierung
 Die Beratungsstelle der Cottbuser Polizei in der Mauerstraße 4 bietet am Donnerstag, dem 13. Oktober, eine Fahrradkodierung an - in der Zeit von acht bis 18 Uhr. Mitzubringen: Personalausweis, Eigentumsnachweis und 2,50 Euro Gebühr. Das Geld spenden die Beamten dem Projekt „Unsere Stadt gemeinsam gegen Drogen“ . Kinder und Jugendliche benötigen das schriftliche Einverständnis der Eltern.