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| 18:54 Uhr

Vom Müssen zur Muße
„Eine Zeit der Ruhe gibteinen neuen Impuls“

Dr. Annegrit Kahle
Dr. Annegrit Kahle FOTO: Dr. Annegrit Kahle
Dr. Annegrit Kahle lebt und arbeitet in Brieselang. Am Freitag gibt die Diplom-Psychologin in der Cottbuser Yoga-Schule Am Turm 14 von 18 bis 21 Uhr ein Seminar unter dem Thema „Raus aus der Zeitfalle“.

Frau Kahle, alle klagen: Keine Zeit! Da können wir doch gar nicht anders als einzustimmen. Heißt das vielleicht, wir sind schon in die Zeitfalle getappt?

Kahle Genau. Anders ist es, wenn ich mir bewusst Zeit nehme, wenn ich lerne, Prioritäten zu setzen und auch mal Nein zu sagen. Die äußere Ebene mit den unerledigten Dingen ist nur die eine Seite.

Und die andere?

Kahle Unser Zeitgefühl. Das, was ich im Moment empfinde, ohne dagegen anzukämpfen. Dazu gehört auch, mal einfach nur dazusitzen und gar nichts zu tun, Zeit zu vergeuden.

Herumtrödeln also?

Kahle Ja, aber wenn ich dabei ein negatives Gefühl habe, mit dem Kopf schon bei der nächsten Sache bin, bringt das gar nichts. Wenn ich aber eine Zeit der Ruhe erlebe, gibt das einen neuen Impuls. Heute ist es ja so, dass wir schon für unsere Kinder alles durchplanen: Förderunterricht, Ballett,  Sportgruppe. Da bleiben kaum Freiräume. Die wären aber wichtig für die Entwicklung von Kreativität.

Stress kennen wir ja alle. Wann wird es kritisch?

Kahle Wenn ich es nicht mehr schaffe, zur Ruhe zu kommen. Wenn Konzentration und Aufmerksamkeit nachlassen und wenn körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel und Herzrasen dazukommen.

Wie lässt sich eine solche Situation vermeiden?

Kahle Vor allem durch Meditationsübungen. Dadurch dass man mal Pause macht, einen kurzen Moment innehält und spürt: Was fühl ich gerade? Auch schon die Wortwahl spielt eine Rolle. Es ist ein Unterschied, ob ich sage: Ich gehe jetzt einkaufen. Oder: Ich muss noch schnell einkaufen und außerdem das und das erledigen.

Wann ist die Stressgefahr am größten?

Kahle Wenn ich stark im Muss bin. Wenn ich etwas nebenbei mache, wie E-Mails lesen oder Anrufe erledigen.

Aber  all das  muss ich doch tun.

Kahle Ja, aber es ist ein großer Unterschied, ob ich etwas in Eile mache oder die Ruhe dabei spüre. Ob es mir darauf ankommt, was andere über mich denken, oder ob ich die Dinge erledige, die in dem Moment wirklich getan werden müssen. Man hat viel mehr die Wahl, als man denkt.

Was halten Sie eigentlich von sozialen Netzwerken?

Kahle Sehr viel. Es ist immer gut, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein, sie unterstützen zu können  und von ihnen selbst Hilfe zu empfangen.

Auf Ihrer Homepage haben Sie Ihrem Enkel ein ganzes Kapitel gewidmet. Gibt es etwas, was Sie von ihm gelernt haben?

Kahle Aber ja. Vor allem diese Lebendigkeit, dieses Ganz-im-Moment-sein, wenn er etwas tut. Er ist jetzt fünf. Als ich ihn einmal mit dem Satz „Ich hab keine Zeit“ vertrösten wollte, antwortete er spontan: „Oma, ich hab eine Zeit für dich.“ Und ich hatte dann tatsächlich einen Moment. Das war wichtig für ihn, und es war wichtig für mich.

Was können die Seminarteilnehmer am Freitagabend erwarten?

Kahle Wir werden über die äußere Zeit und die innere Zeit sprechen, ein paar Mini-Aufstellungen machen und darüber nachdenken, was uns hindert, in Muße zu kommen. Muße muss ich mir erlauben, dazu gehört Achtsamkeit.

Nehmen Sie noch Anmeldungen entgegen?

Kahle Anmelden kann man sich unter Telefon 033232 38485. Oder einfach am Freitag um 18 Uhr in die Yoga-Schule Am Turm 14 in Cottbus kommen.

Mit Annegrit Kahle sprach Ulrike Elsner