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| 15:14 Uhr

Prozess wegen versuchten Mordes in Burg
Schüsse, Schläge und brennendes Heu im Stall

 Gundolf M. werden versuchter Mord, versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Brandstiftung zur Last gelegt.
Gundolf M. werden versuchter Mord, versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Brandstiftung zur Last gelegt. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Erst soll der Angeklagte seine Schwiegereltern zusammengeschlagen haben, dann griff er zum Gewehr. Nach wilden Schüssen und einer Brandstiftung schoss er sich ins Gesicht. Jetzt steht er vor dem Cottbuser Landgericht. Von Andrea Hilscher

Er ist ein gezeichneter Mann: Als Gundolf M. (52) den Gerichtssaal im Cottbuser Landgericht betritt, senkt er den Kopf. Die Hälfte seines Gesichtes und der Hals sind deformiert, große Narben durchziehen seine Haut – Folgen einer verhängnisvollen Nacht im Juli 2018.

Was damals genau geschah, daran kann sich der Mann aus dem Spreewald nach eigenen Aussagen nicht mehr erinnern. Er wisse nicht einmal mehr, wie er von der Nachtschicht nach Hause gekommen sei, der ganze Tag sei aus seinem Gedächtnis verschwunden. Über sein Leben vor seiner mutmaßlichen Tat gibt Gundolf M. bereitwillig Auskunft. Zu verstehen sind seine Worte wegen seiner Kieferverletzungen nur schwer.

Richter Frank Schollbach lässt sich von dem Angeklagten schildern, wann er aus seiner Heimatstadt Lübben nach Burg (Spree-Neiße-Kreis) übergesiedelt ist. Gundolf M. erzählt, wie er seine spätere Lebensgefährtin Ina J. kennengelernt hat. Nach anfänglichen Besuchen auf ihrem Hof sei er rasch dort eingezogen, knapp zehn Jahre habe er mit ihr zusammen gelebt. „Wir waren anfangs viel zusammen aus, sind mal übers Wochenende weggefahren oder auch eine ganze Woche.“ Eine schöne Zeit sei das gewesen, bestätigt auch die Lebensgefährtin. Die ersten Jahre verliefen harmonisch. Dann aber häuften sich die Konflikte.

Gundolf M. wurde an der Wirbelsäule operiert, war lange arbeitslos, litt unter Schmerzen. Immer öfter geriet er mit seiner Schwiegermutter in Spe aneinander, die zusammen mit ihrem Mann ebenfalls auf dem Vierseitenhof in Burg lebt. Als dann auch noch die jüngste Tochter von Ina J. mit Kind und Lebensgefährten vor der Tür stand, wurde die Situation immer schwieriger. Häufig gab es Streit zwischen den Generationen. Gundolf M. zog sich zurück und trank. Seine Partnerin versuchte, die Konflikte zu ignorieren, ihre Tochter verließ frustriert das Anwesen.

Irgendwann beschloss der Angeklagte, sich einen Hund anzuschaffen. Einen, der ihm Gesellschaft leisten konnte beim Trinken, beim Angeln, auf der Jagd. Einen Weimaraner, der auf dem Hof frei herumlaufen konnte. Ausgerechnet dieser Hund ließ die Situation immer mehr eskalieren. „Meine Mutter hat sich regelmäßig über ihn aufgeregt und gestichelt“, erzählt Ina J. Unfeine Ausdrücke seien dabei gefallen, „meine Mutter ist so Eine“.

Früher hatte es auf dem Hof immer einen Schäferhund gegeben, der an die Kette gelegt wurde. „Das haben wir abgelehnt“, sagt Ina J. und schildert damit eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie sich gegen ihre offenbar dominante Mutter aufgelehnt hatte. Ihr Lebensgefährte wählte andere Wege. Er zog sich immer mehr zurück. Wenn er betrunken war, wurde er ausfällig.

„Im Juni 2018 wurde es so schlimm, dass ich ihm gesagt habe, er soll sich eine eigene Wohnung suchen.“ Dass sie sich trennen wollte, ist zu Gundolf M. offenbar nicht wirklich durchgedrungen. Er zog aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus. „Aber einfach, weil ich nach Nachtschichten meine Ruhe brauchte“, sagt er. Seine Erzählung ist stockend, immer wieder bricht er in Tränen aus. Nur, wenn er von seinen Waffen spricht, wirkt er entspannt und konzentriert. Der passionierte Jäger besitzt zwei Kurz- und vier Langwaffen, alle verwahrt in einem Waffenschrank.

Am 28. Juli 2018 fährt Ina J. mit ihren Eltern und einem Enkelsohn nach Cottbus ins Kino, anschließend gehen alle gemeinsam Essen. Als sie kurz vor 22 Uhr auf den heimatlichen Hof einbiegen, kommt ihnen Gundolf M. entgegen, offenbar angetrunken. Er öffnet seiner Lebensgefährtin die Garage. Als sie zu ihrer Wohnung geht, schreit ihr Enkel schon: „Onkel Gundi haut die Oma.“

Ina J. läuft zum Haus, findet ihre Mutter blutüberströmt auf dem Boden. Auch ihr Vater wird zusammengeschlagen. Beide werden die nächsten Wochen in Krankenhaus verbringen. Doch zunächst müssen sie vor ihrem Schwiegersohn geschützt werden: Verängstigt verschanzt sich die Familie im Haus, ruft einen Krankenwagen, alarmiert Nachbarn und Freunde.

Ina J. hört, die die Tür vom Waffenschrank geöffnet wird, dann fallen mehrere Schüsse. Die Räume, in denen sich die Familie aufhält, werden ebenso getroffen wie zwei Autos von Nachbarn. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. In einer Scheune brennt Heu in einem Anhänger, offenbar hat Gundolf M. hier Feuer gelegt.

Inzwischen treffen Nachbarn auf dem Hof ein, die Feuerwehr, Polizisten. Sie finden Gundolf M. in der Hofeinfahrt. Er liegt auf dem Boden, unter sich seinen Hund. Das Gesicht von Gundolf M. ist blutüberströmt – offenbar hat er sich bei dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, Unterkiefer und Hals zerfetzt.

Bis heute kann sich niemand erklären, was genau zu diesem Familiendrama geführt hat. Einen Auslöser können weder Angehörige noch Opfer benennen. In den kommenden Prozesstagen werden weitere Zeugen und Gutachten gehört.