Von Liesa Hellmann

„Können Sie einen Auslöser erkennen, warum es zu der Tat kam?“ Es ist eine Frage, die Richter Frank Schollbach jedem Zeugen am Mittwoch am Landgericht stellt. Und auf die keiner der Befragten eine Antwort hat. Weder die Freunde des Angeklagten Gundolf M., die mit ihm zur Jagd gegangen sind, noch zwei Kriminalbeamte, die in dem Fall ermittelten. Sie könne nur mutmaßen, sagt auch die Schwester des Tatverdächtigen.

Gundolf M. selbst hatte zum Prozessauftakt Ende Mai berichtet, er könne sich an die Tatnacht nicht erinnern. Was in der Nacht des 28. Juli 2018 in Burg geschehen ist, wird deshalb vor dem Landgericht aus Zeugenaussagen und dem Ermittlungsbericht der Polizei rekonstruiert. Gundolf M. ist wegen versuchten mehrfachen Mordes angeklagt.

Juli 2018: Schüsse in Burg

In der Julinacht soll er zunächst die Eltern seiner Lebensgefährtin verprügelt haben, mit denen er gemeinsam einen Vierseitenhof in Burg bewohnte. Dann soll M. Heu in einer Scheune angezündet und zwei Schüsse auf das Wohnhaus abgegeben haben, in dem sich Ina J., die Lebensgefährtin von M., mit ihren Eltern versteckt hatte. Drei Schüsse durchschlugen die Frontscheibe des Autos eines Nachbarn, der zur Hilfe gekommen war. Einen Schuss soll M. auf einen vorbeifahrenden Mercedes abgefeuert haben. Auch seinen Jagdhund soll M. erschossen haben; schließlich richtete er die Waffe gegen sich selbst.

Die Zeugenaussagen zeichnen das Bild eines Mannes, der auf dem Hof seiner Schwiegereltern viel arbeitete, dort aber kaum eigene Ideen verwirklichen konnte. „Ich hatte den Eindruck, alle wollten auf dem Hof das Sagen haben“, sagt die Schwester des Angeklagten. „Er konnte es ihr nie recht machen“, sagt ein Zeuge über das Verhältnis des Angeklagten zu seiner Schwiegermutter.

Zeugen zeichnen positives Bild

Die Zeugen schildern Gundolf M. als einen Mann, der immer hilfsbereit war, auf den man sich verlassen konnte. „Einen besseren Kumpel kann man sich nicht wünschen“, sagt ein Zeuge über den Angeklagten. Ein anderer Jagdfreund sagt aus: „Ich habe ihn als sehr guten Menschen in Erinnerung.“ Bei der Jagd soll M. sich immer tadellos verhalten haben. Dass M. seinen Hund erschoss, bevor er versuchte, sich selbst zu töten, kann ein Zeuge nachvollziehen, der ebenfalls Jäger und Besitzer eines Jagdhundes ist: „Die Beziehung zwischen Jäger und Hund ist etwas Besonderes.“

Zwei Themen interessieren Richter Frank Schollbach besonders: der Alkoholkonsum von Gundolf M. und sein Umgang mit Waffen. Ein normales Verhältnis zu Alkohol bescheinigen ihm alle Zeuginnen und Zeugen. M. sei niemand, der streitsüchtig werde, wenn er angetrunken ist, im Gegenteil: „Da wurde er eher albern“, sagt seine Schwester. Auch nachtragend sei M. nicht. „Wenn man einmal nicht einer Meinung war, dann hat man sich ausgesprochen“, so ein Zeuge.

Ein Urteil soll Anfang Juli fallen

Deutlich wird auch, dass zwar alle Zeugen von M.s schwierigem Verhältnis zu seinen Schwiegereltern wussten, niemand jedoch ausführlicher mit ihm darüber sprach. „Ich hatte das Gefühl, dass er das nicht so sehr an sich heranlieߓ, sagt die Schwester. Vor allem von der Mutter seiner Lebensgefährtin soll M. immer wieder beleidigt worden sein. Warum M. zur Waffe gegriffen haben soll, können sich die Zeugen nicht erklären. Sie zeigen sich geschockt von dem Ereignis.

In der nächsten Woche sollen weitere Zeugen vor dem Landgericht gehört werden. Auch das Ergebnis eines Ballistikgutachtens wird dann vorgestellt. Mit einem Urteil wird Anfang Juli gerechnet.