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Landgericht
Prozess um Mord an Cottbuser Rentnerin

Polizei hat im Dezember 2016 am Stand vor der Stadthalle nicht nur Zeugenhinweise zur getöteten Gerda K. aufgenommen. Sie gab Senioren auch Tipps, wie sie sich besser vor Überfällen schützen.
Polizei hat im Dezember 2016 am Stand vor der Stadthalle nicht nur Zeugenhinweise zur getöteten Gerda K. aufgenommen. Sie gab Senioren auch Tipps, wie sie sich besser vor Überfällen schützen. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Cottbus. Gerda K. war eine Frau, der man ihre 82 Lebensjahre nicht anmerkte. Die Cottbuserin lebte allein in einer Zwei-Raum-Wohnung, erledigte ihre Einkäufe ohne fremde Hilfe. Auch zu ihren ehemaligen Kollegen im Reichsbahn-Ausbesserungswerk (RAW) hatte sie noch Kontakt. Simone Wendler

Als Gerda K. an einem Freitagnachmittag Anfang Dezember 2016 zu einer von ihr selbst mit organisierten Weihnachtsfeier nicht erschien, benachrichtigten die Kollegen einen Verwandten. Der fand die Seniorin, die als sehr vorsichtig und "tough" galt, tot in ihrer Wohnung.

Heute beginnt am Landgericht Cottbus der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder. Verhandelt wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn Staatsanwaltschaft und Gericht gehen bisher davon aus, dass der wegen Raubmordes angeklagte Syrer zur Tatzeit noch 17 Jahre alt war. In diesem Fall schreibt das Jugendgerichtsgesetz zwingend einen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor. Nur wenn mit einem Minderjährigen gemeinsam auch ältere Angeklagte vor Gericht stehen, öffnen sich die Türen für Prozessbeobachter.

Wegen der Minderjährigkeit des mutmaßlichen Täters geben weder Staatsanwaltschaft noch Landgericht bisher nähere Auskünfte zum Tatablauf und zur Person des Angeklagten. Die Höchststrafe für Mord beträgt für Jugendliche maximal zehn Jahre. Von dem Angeklagten ist bisher nur bekannt, dass er 2015 als Flüchtling in Begleitung eines älteren Bruders nach Cottbus kam und im selben Haus wohnte wie das Mordopfer.

Es hatte fast drei Monate gedauert, bis eine Sonderkommission der Kriminalpolizei zusammen mit der Staatsanwaltschaft Cottbus Anfang März die Festnahme des jungen Mannes verkündete. Mit einer groß angelegten Öffentlichkeitsfahndung war in Cottbus nach dem Mörder von Gerda K. gesucht worden. Es gelang den Ermittlern dabei, ihren letzten Lebenstag recht genau zu rekonstruieren. Am Vormittag war sie noch beim Friseur gewesen. Nach Einkäufen in der Innenstadt kam sie am Nachmittag in ihre Wohnung zurück. Noch am selben Tag wurde sie laut Anklage dort umgebracht.

Anfangs gab es den Verdacht, der Mörder könnte die Rentnerin bei ihrem Einkaufsbummel beobachtet und sie dann in ihre Wohnung verfolgt haben. Doch nach rund 360 Vernehmungen und der Auswertung vieler Spuren stellte sich diese Vermutung als falsch heraus. Der mutmaßliche Täter kam aus dem unmittelbaren Lebensumfeld des Opfers. Der junge Syrer und die Rentnerin kannten sich.

Das Alter des Angeklagten könnte in dem Verfahren noch eine wichtige Rolle spielen, doch seinen Geburtstag genau zu bestimmen, scheint problematisch. Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll in seinen Papieren der erste Januar als Geburtstag stehen. Das würde bedeuten, er wäre nur drei Wochen nach der Mordtat volljährig geworden.

Wäre der junge Syrer zur Tatzeit jedoch schon 18 Jahre alt gewesen, hätte das nicht unerhebliche Folgen im Falle eines Schuldspruches. Das maximale Strafmaß für Mord erhöht sich für Täter zwischen 18 und unter 21 von zehn auf 15 Jahre. Und die Verhandlung gegen ihn wäre öffentlich.

Der erste Januar ist jedoch mit großer Sicherheit nicht wirklich sein Geburtstag, denn dieser Tag wurde bei vielen Flüchtlingen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Geburtsdatum festgelegt, wenn die Betroffenen keine Ausweispapiere vorlegen und nur ihr Geburtsjahr, aber nicht den Tag nennen konnten. Das bestätigt ein Sprecher der Behörde in Nürnberg auf Nachfrage.

Dass Menschen selbst sogar ihren genauen Geburtstag nicht kennen, ist in arabischen Ländern nicht so selten. Das Geburtsdatum spielt dort keine große Rolle. Deshalb können auch offiziell in den Heimatländern erfasste Daten vom tatsächlichen Geburtstag abweichen.

Für den jungen Syrer, gegen den heute der Mordprozess vor dem Landgericht Cottbus beginnt, hat die Staatsanwaltschaft ein Altersgutachten angefordert. Ob inzwischen dieses Gutachten oder nur eine vorläufige Auskunft zum Alter des Angeklagten vorliegt, konnte Gerichtssprecher Frank Merker, gestern noch nicht sagen. "Die Jugendstrafkammer geht aber zurzeit davon aus, dass der Angeklagte zur Tatzeit unter 18 war", so Merker.

Der Verteidiger des jungen Syrers, Rechtsanwalt Christian Nordhausen, deutet auf Nachfrage an, dass sein Mandant vermutlich vor Gericht eine Erklärung abgeben wird. Wann das sein wird und welchen Inhalt diese Erklärung haben könnte, lässt er vollkommen offen.

Zum Thema:
Medizinische Altersbestimmung Rechtsmediziner können im Rahmen von Strafverfahren für die Justiz Altersbestimmungen von Angeklagten vornehmen, um zum Beispiel die Frage der Volljährigkeit zu klären. Dazu werden meist Röntgenuntersuchungen der Handknochen und der Zähne herangezogen.Beide Untersuchungen liefern Anhaltspunkte für das biologische Alter eines Menschen. Ebenso wird die körperliche Entwicklung vor allem der Genitalien als Kriterium genutzt.Die Ergebnisse lassen jedoch größere Spannbreiten zu. In Strafprozessen wird deshalb in der Regel nach dem Mindestalter-Konzept begutachtet. Das bedeutet, es wird das niedrigste Alter angegeben, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorliegt.Das bedeutet, dass tendenziell eher ein zu geringes als ein zu hohes Alter ermittelt wird. Damit folgt diese Vorgehensweise dem juristischen Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" und verhindert, dass Minderjährige fälschlich wie Heranwachsende oder Erwachsene behandelt werden.