ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:10 Uhr

Familiendrama von Werben
„Wir müssen alle sterben“

FOTO: LR / Wendler Simone
Cottbus/Werben. Ermittler liefern im Zeugenstand Details zum blutigen Familienstreit in Werben. Von Daniel Schauff

„Tu’s nicht“, habe die Mutter gerufen. Ein Ermittler sitzt am Donnerstagmorgen im Zeugenstand des Cottbuser Landgerichts. Er hatte Bernd K. einen Tag nach dem Familiendrama von Werben auf der Intensivstation im Krankenhaus vernommen. K. hatte versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, nachdem er 2013 seine Mutter, seinen Adoptivvater und seinen Bruder mit Messern attackiert hatte. Seiner Mutter, habe K. gesagt, habe er die Kehle durchschneiden wollen, war ihr mitten in der Nacht ins WC gefolgt, hat dort auf sie eingestochen. „Mama, ich habe dich lieb, aber so geht es nicht weiter. Wir müssen alle sterben“, habe K. gesagt, bevor er auf seine Mutter einstach. K.s schwer verletzte Mutter habe sehr schnell gesprochen, viele Sprünge in ihren Schilderungen gemacht, sagt ein zweiter Ermittler, der K.s erstes Opfer im Krankenhaus in Berlin vernehmen musste. Er solle aufhören, habe die Mutter zu K. gesagt. Sie wolle leben.

Fast genau fünf Jahre ist die Bluttat von Werben her. K. hat sich in der Zeit stationär psychiatrisch behandeln lassen, hat sein Medizinstudium beendet – die Untersuchungshaft blieb ihm erspart. Ein psychiatrisches Gutachten soll in der kommenden Woche Aufschluss über seinen mentalen Zustand geben. Die Mutter, sagt einer der Ermittler, habe angegeben, dass ihr Sohn – vom Studium gestresst – schon vor der Tat „psychiotische Züge“ gezeigt habe. Er habe kaum noch geschlafen. Vielleicht habe der Abend, an dem sich Mutter und Adoptivvater erneut gestritten hatten, das Fass zum Überlaufen gebracht.

Er sei froh gewesen, dass er seine Familie nicht getötet habe, sagt der Beamte, der K. im Krankenhaus vernommen habe. Schon vor der Vernehmung habe der Mann gewusst, dass Mutter, Bruder und Adoptivvater überlebt hatten.

Aus den Schilderungen der Kriminalisten lässt sich ein noch deutlicheres Bild der Tatnacht zeichnen. Das Wetter, sagt einer der beiden Zeugen, sei ähnlich wie derzeit gewesen – heiß. Mutter und Adoptivvater hatten sich gestritten, gegen zwei Uhr nachts habe die Mutter ihren Mann geweckt, wollte den Konflikt lösen. Bernd K. hatte den Streit mitbekommen, beide trafen sich in der Küche, redeten darüber, wie das Familienleben weitergehen könne. K. hatte keine emotionale Beziehung zu seinem Adoptivvater, der habe sich immer wieder mit der Mutter gestritten, 15 Minuten habe das Gespräch in der Küche in der Tatnacht gedauert, dann wollten beide zu Bett gehen. Die Mutter sucht noch einmal die Toilette auf, K. folgt ihr, mit einem Messer bewaffnet, sticht auf sie ein. Der Adoptivvater kommt hinzu, packt K. von hinten, beide gehen zu Boden, vielleicht, weil der Boden bereits voller Blut war, wie einer der Zeugen schildert. Der Kampf verlagert sich in die Küche, der Bruder mischt sich ein, versucht K. das Messer zu entreißen. K. sticht auch auf ihn ein. Der Bruder rennt in sein Zimmer, verschließt die Tür, rettet sich aus dem Fenster.

Mutter und Adoptivvater verbarrikadieren sich schwer verletzt in der Küche. Der Mann bleibt dort, die Mutter rettet sich aus dem Haus. K. selbst hat das Haus verlassen, will sich das Leben nehmen, findet aber kein geeignetes Werkzeug. Er betritt das Haus erneut, läuft ins WC und will sich mit einer Nagelschere die Halsschlagadern und eine Pulsader aufschneiden. Mittlerweile ist die Polizei vor Ort, findet den Täter im WC. Ohne Widerstand habe der sich festnehmen lassen, berichten die Zeugen.

Welchen Eindruck der Angeklagte während der Vernehmung gemacht habe, will der Vorsitzende Richter vom Ermittler wissen. Er habe leise gesprochen, lange Pausen gemacht, hin und wieder seien seine Augen feucht geworden, berichtet der. Den Eindruck, aussageunfähig gewesen zu sein, habe der Ermittler nicht gehabt. K. selbst hatte noch im Krankenhaus angezweifelt, dass er während der ersten Befragung vernehmungsfähig gewesen sei, so der Zeuge. Den Fakten, die der Polizist allerdings notiert hatte, habe er zugestimmt.

Bernd K. hat die Angriffe auf seine Familie bereits am ersten Verhandlungstag gestanden. An alle Details könne er sich allerdings nicht mehr erinnern. Auch am Donnerstag wusste er nicht, welche Messer er bei der Tat benutzt hatte. Im Haus verteilt seien fünf gewesen, so einer der beiden Zeugen. Mittlerweile hat auch K.s Mutter ausgesagt, Bruder und Adoptivvater haben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Ein Urteil könnte in der kommenden Woche fallen.