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Proteststurm stoppt Pläne für Tram-Aus in Cottbus

Günter Weigel hat 10 400 Unterschriften von Fahrgästen für den Erhalt der Cottbuser Straßenbahn gesammelt. Foto: Sven Hering
Günter Weigel hat 10 400 Unterschriften von Fahrgästen für den Erhalt der Cottbuser Straßenbahn gesammelt. Foto: Sven Hering FOTO: Sven Hering
Cottbus. Günter Weigel (74) atmet auf. Der Einsatz des ehemaligen Wagenführers hat sich gelohnt. Kathleen Weser Sven Hering

Dreieinhalb Wochen lang ist der Rentner täglich vier Stunden in der Spur gewesen, um Unterschriften gegen die Stilllegung der Cottbuser Tram zu sammeln. „10 400 Fahrgäste haben sich in die Listen eingetragen“, berichtet er. Der Senior hat diese klaren Bekenntnisse von Bürgern für den Erhalt der Straßenbahn bereits im Bürgerbüro der Stadt abgegeben und wartet auf einen Gesprächstermin bei Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD), berichtet er. „So einen Proteststurm hat es in Cottbus noch nicht gegeben“, schätzt er ein. „Die Menschen, die ich angesprochen habe, wollten sofort unterschreiben, dass die Bahn nicht stillgelegt werden darf.“ Die Zeit sei oft knapp geworden, weil die Listen bis zur nächsten Haltestelle gar nicht schnell genug von Fahrgast zu Fahrgast weitergegeben werden konnten. „Ich bin oft mit ausgestiegen und habe dann auf die nächste Bahn gewartet, damit alle, die das wollten, ihren Namenszug auch auf den Protestlisten hinterlassen konnten“, erzählt der Cottbuser.

Zwischen den Jahren 1962 und 1993 habe er selbst im Führerstand der Tram gesessen. Während der Sammelaktion sei er mit dem Allerwertesten dann auch mal auf dem Schoß eines Fahrgastes gelandet, erzählt Weigel schmunzelnd. „Ich stand ja mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und konnte deshalb nicht auf jede Kurve schnell genug reagieren“, erklärt der 74-Jährige sichtlich vergnügt. Den Ernst der Lage habe er aber trotzdem immer im Kopf gehabt. Denn als sich der bekennende Straßenbahn-Enthusisiast Ulrich Thomsch, Chef von Cottbusverkehr, in die Reihe derer gestellt habe, die das Aus der Tram als unausweichlich darstellten (die RUNDSCHAU berichtet), sei ihm eines klar geworden: „Hier müssen die Bürger ran, um die Stadtspitze zum Zurückrudern zu bewegen“, sagt Günter Weigel. Dafür sei er viele Stunden lang auf jeder Bahn-Strecke in der Stadt auf Tour gewesen. Die Meinung der Straßenbahnnutzer habe er während vieler Stunden schwarz auf weiß eingeholt. „Ich hoffe, das hat Gewicht.“ Der Proteststurm, an dem auch Günter Weigel beteiligt gewesen ist, hat bei den Cottbuser Stadtverordneten seine Wirkung hinterlassen. So ist eine Parlamentsmehrheit für die Stilllegung der Cottbuser Straßenbahn unrealistisch geworden. Das bestätigen Vertreter aller Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung gegenüber der RUNDSCHAU. Nicht über eine Abschaffung der Bahn, sondern über eine „Optimierung des öffentlichen Personnennahverkehrs“ muss geredet werden, sagt Linke-Fraktionschef André Kaun. Das könne sogar die Erweiterung des bestehenden Netzes beinhalten. „Voraussetzung für eine sachliche Debatte mit einer Entscheidung, ist, dass zunächst alle Informationen auf den Tisch kommen, das ist bisher noch nicht geschehen.“

„Es muss eine Lösung für einen funktionierenden und bezahlbaren öffentlichen Personennahverkehr mit der Straßenbahn in Cottbus geben“, erklärt Kerstin Kircheis (SPD). Die Landtagsabgeordnete zeigt sich sicher, dass ein „konsequentes Ja“ zur Tram mit drei starken Linien und das kluge Verknüpfen von Bus und Bahn die beste Lösung seien.

An einem eigenen Verkehrskonzept, in dem die Bahn eine weiterhin wichtige Rolle spielt, arbeitet laut Hagen Strese derzeit die CDU/FDP/Frauenliste-Fraktion. „Denkbar ist, die Bahn durch Oberleitungsbusse im Stadtzentrum zu ergänzen“, so Strese. „Mir kam die ganze Debatte bisher so vor, als wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, so Strese. Angesichts der Feinstaubbelastungen seien Lösungen gefragt, die emissionsarme Transportmittel bevorzugen. Die klassischen Busse könnten künftig dazu dienen, die Beförderung von den Cottbuser Randgebieten ins Zentrum zu übernehmen.

„Wir haben die Straßenbahn zu keiner Zeit infrage gestellt“, betont AUB-Fraktionschef Torsten Kaps. Seine Fraktion habe sich gleich zu Beginn der Debatte öffentlich zu diesem Verkehrsmittel bekannt. Kaps hatte gefordert, die Bürger über die Zukunft ihrer Straßenbahn entscheiden zu lassen. Kathleen Weser Sven Hering