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Promenade am Spremberger Tor

Auf dem Wall der einstigen Stadtbefestigung haben es sich die Damen im Schatten der Kastanien gemütlich gemacht. Diese Postkarte entstand noch vor dem Ersten Weltkrieg.
Auf dem Wall der einstigen Stadtbefestigung haben es sich die Damen im Schatten der Kastanien gemütlich gemacht. Diese Postkarte entstand noch vor dem Ersten Weltkrieg. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Die Heimatforscherin Dora Liersch erinnert an die Promenadenpartie am Spremberger Tor. Sie kommentiert eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Dora Liersch / dli9

Was für ein wunderschöner erhöhter Ruheplatz für die drei Damen auf der Bank unter schattenspendenden Kastanienbäumen. Die Damen befinden sich auf der Spremberger Wallpromenade. Sie war der letzte Rest der einstigen Schutzwälle mit inneren und äußeren Wassergräben. Die Wälle lagen außerhalb der Stadtmauern, die den Bewohnern vor feindlichen Angriffen Schutz boten. Später, als die Kriegswaffen weiterentwickelt wurden und die Wälle nicht mehr ausreichend Schutz boten, wurden sie anderweitig genutzt. Sie wurden beispielsweise mit Maulbeersträuchem bepflanzt oder gar abgeflacht.

Einzig der Spremberger Wall blieb bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erhalten. Hinter den Damen steht das interessante Miets- und Geschäftshaus der heutigen Spremberger Straße 18. Seinerzeit lautete die Adresse Kaiser-Wilhelm-Platz 60. Der Architekt und Besitzer einer Baufirma, Ewald Schulz, hatte es 1889/1890 errichten lassen.

Der Kaufmann Hermann Bockries erwarb es bereits 1891. In dem fast u-förmigen Gebäude befanden sich im Erdgeschoss mehrere Geschäfte. Erinnert sei dabei an das Café Ebersbach in der Südseite des Gebäudes. Aus dieser Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg stammt auch die Postkarte.

Im Jahr 1918 erwarb die Commerzbank das Haus und ließ es umbauen und modernisieren. Der innere Stadtgraben war um das Jahr 1903 trocken gelegt, und zu hübschen Gärten der Anwohner der Mauerstraße geworden. Der eigentliche Wall zum Berliner Platz hin wurde abgeflacht, sonst aber mit etwa fünf bis acht Metern Höhe zu einer begehbaren baumbestandenen Promenade umgestaltet. Die Westseite des Walls zierten Gehölzpflanzungen und schräg angelegte Wege, um bequem die Wallkrone zu erreichen. So entstand der westliche Teil des grünen Ringes um die Cottbuser Altstadt.

Die einzige bauliche Veränderung gab es um 1934. Dabei wurde der sanft ansteigende Aufgang auf den Wall von der großen Kreuzung der damaligen Kaiser-Friedrich-Straße, der Dresdener- und der Spremberger Straße durch eine monumentale Treppe mit Umfassungsmauern und einer Plastik ersetzt, dem "Denkmal der nationalen Erhebung".

Der Krieg und das Kriegsende hinterließen an der Wallanlage kaum Spuren. Nur die Plastik am Treppenaufgang wurde zerstört und entfernt. Im Jahr 1949 beschlossen die Cottbuser Stadtverordneten, nicht wissend welchen historischen Schatz man mit diesem Wall besaß, den Spremberger Wall abtragen zu lassen. Zum einen wurde dabei an eine bessere Verkehrsanbindung gedacht, um die Spremberger Straße zu entlasten, zum anderen gab es sehr viel Trümmerschutt aus der Spremberger- und der Mauerstraße. Er wurde in den Wallgraben verkippt und die Erdmassen des Walls darüber planiert. Zuerst erwarb die Stadt die so genannten Wallparzellen, die Gärten von den Anliegern. Zunächst wurden die Sträucher entfernt und die Bäume gefällt. Noch im Dezember 1949 begann die Einebnung des Walls - angefangen am Berliner Platz, nach Süden fortsetzend. Das Verkehrsprojekt kam allerdings nicht zur Ausführung und so wurde das ganze eingeebnete Areal gärtnerisch gestaltet. Es entstanden weitläufige Rasenflächen. Schnellwüchsige Pappeln, aber auch Christusdorn und Linden, sowie viele Sträucher wurden gepflanzt. Mit einigen Rabatten Sommerblumen sollte die Anlage aufgewertet werden. Das ganze nannte sich damals Stalinpromenade, die erst im Jahr 1962 in Stadtpromenade umbenannt wurde. Eine umfangreiche Neugestaltung der Stadtpromenade erfolgte ab 1967. Eine Verkehrsberuhigung in der Spremberger Straße ließ das alte Projekt von 1949 wieder aufleben. Der Unterschied war nur, dass statt des Walles keine Entlastungsstraße gebaut wurde, sondern die Straßenbahn eine neue Gleistrasse erhielt, genau auf der Fläche, auf der einst der Wall aufgeschüttet war.

Seit dem 29. Juli 1974 verkehrt nun die Straßenbahn auf einem ehemaligen Teilstück des grünen Ringes um die Altstadt. Die Bebauung des heutigen Breitscheidtplatzes, in der Bildmitte sichtbar, ist ein nachempfundener Kopiebau der Neuzeit.