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| 18:57 Uhr

Geschichte
Geniestreich Himmelsscheibe

 Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, mit der Himmelsscheibe von Karl-Heinz Pudenz.
Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, mit der Himmelsscheibe von Karl-Heinz Pudenz. FOTO: LR / Nils Ohl
Burg. Prof. Meller, Retter der Himmelsscheibe von Nebra, las in Burg aus seinem neuen Buch. Von Nils Ohl

Geschichte zieht. Der Saal im Hotel zur Bleiche in Burg ist am Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle wollen Prof. Dr. Harald Meller erleben. Das ist der Archäologe, der die Himmelsscheibe von Nebra in einer abenteuerlichen Aktion vor dem Verkauf auf dem Schwarzmarkt durch Raubgräber gerettet hat. Offizieller Anlass des Besuchs: Prof. Meller liest aus seinem neuesten Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“. Doch der vor Energie sprühende Archäologe kommt kaum zum Vorlesen, vielmehr spricht er frei von seinen Erlebnissen. So erfahren die Zuhörer, dass die Beschlagnahmung der Scheibe in einem Schweitzer Hotel fast gescheitert wäre, weil es auf der Toilette keinen Handy-Empfang gab, um die Polizei zu rufen. Vor allem spricht er zur historischen Bedeutung der Scheibe.  Sie steht  auf der Unesco-Liste als „Weltdokumentenerbe“.  Der Grund: Auf ihr sind erstmals kosmische Zusammenhänge in rationaler Weise gespeichert. „Sie war das Werk eines Genies. Ähnlich wie Einstein in seiner Formel E=mc² hat er sein Wissen kompakt zusammengefasst“, so Meller. „Die Scheibe ist ein Instrument, um den Mond- und den Sonnenkalender in Übereinstimmung zu bringen.“ Und wer Herr des Kalenders war, war auch Herr der Gesellschaft.

Die Himmelsscheibe entstand zur Zeit der Pharonen und gehört  zur bronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa. An deren Spitze stand ein Herrscher, der sich mit dem Geheimwissen der Himmelscheibe legitimierte. Um 1600 vor Christus zerfiel der Staat der Aunjetitzer und die Scheibe wurde vergraben. Es folgte eine neue bronzezeitliche Epoche – die Lausitzer Kultur mit einem Schwerpunkt hier in der Region. Damals entstanden die bronzezeitliche Festung von Burg und die berühmten „Burger Wägelchen“. Dieser Fund, heute im Original im Moskauer  Puschkin-Museum, zeigt ein ähnliches Thema wie die Himmelsscheibe. „Im Prinzip verkörpert der Wagen die Idee einer Vogelbarke für die Sonne“, so Meller.

Für besondere Aufmerksamkeit sorgt Karl-Heinz Pudenz. Der Zuhörer hat seine eigene Himmelsscheibe in Originalgröße mitgebracht. „Die hat mir ein  Schulfreund geschenkt und sie hängt bei uns im Wohnzimmer“, erzählt er und outet sich als Fan. Denn natürlich seien er und seine Frau auch schon am Fundort in Nebra gewesen.

Die Lesung organisiert hat die Spreewälder Kulturstiftung. „In der Stiftung beschäftigen wir uns intensiv mit der Bronzezeit“, sagt Hotelchefin Christine Clausing. „Dabei ist wichtig, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft  bei den normalen Menschen ankommen.“ Mit der Lesung von Harald Meller ist das gelungen.