Von einer Produktionsschule vor Ort träumt Sven Mochmann schon seit Langem. Der Leiter des Jobcenters in Cottbus hatte seine Vision bereits im Frühjahr 2019 im Sozialausschuss vorgestellt. Nun gibt es einen aktuellen Prüfauftrag der CDU-Fraktion an die Stadtverwaltung. „Damit wollen wir dem Projekt kommunalpolitische Rückendeckung geben“, sagt CDU-Stadtverordneter Wolfgang Bialas gegenüber der RUNDSCHAU. Der Bedarf sei da, das wisse er aus Gesprächen mit Experten. „Nun müssen wir einen Weg finden, dieses schwierige Klientel zu fördern“, so Bialas.

Produktionsschulen sind stark praxisorientierte Einrichtungen. Hier bekommen Jugendliche, die am klassischen Bildungssystem gescheitert sind, eine zweite und manchmal sogar eine dritte und vierte Chance und werden auf die Berufsausbildung vorbereitet. Mehr als 200 Produktionsschulen gibt es bundesweit. In Brandenburg sind es sieben, an denen etwa 250 Jugendliche pro Jahr lernen. Aus Sicht des Bundesverbandes Produktionsschulen sei das jedoch „noch viel zu wenig“.

98 Jugendliche haben keinen Schulabschluss

Und wie sieht der Bedarf in Cottbus aus? Insgesamt 373 arbeitsuchende Jugendliche sind ohne Berufsabschluss, 98 davon haben sogar die Schule abgebrochen. „Wer keinen Schulabschluss hat, der ist auch schwer in eine Ausbildung zu bringen“, betont Mochmann. Allerdings könne es sich selbst eine Stadt wie Cottbus nicht leisten, dieses Klientel aufzugeben. „Wir müssen die Jugendlichen dort abholen, wo sie sich hin entwickelt haben“, betont Sozialdezernentin Maren Dieckmann.

Offen ist jedoch die Frage der Finanzierung. Die Stadt Cottbus will nun Fördermittel beantragen, wie Jugendamtschef André Schneider ankündigt. Mit einer Zu- oder Absage wird im März 2020 gerechnet. Das Bundesbildungsministerium unterstützt solche Projekte zu 75 Prozent mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF).

Die neue Förderperiode läuft von Januar 2021 bis September 2022. „Was danach zu welchen Konditionen kommt, ist offen“, so Schneider. Eine andere Finanzierungsmöglichkeit gebe es nicht. Doch schon der Eigenanteil von 25 Prozent sei eine „Herausforderung“ für den städtischen Haushalt, wie er findet.

Es gibt bereits einen anerkannten Träger in Cottbus

Als möglicher Standort für die Produktionsschule ist das Kompetenzzentrum für Nachhaltiges Bauen in der Dissenchener Schulstraße im Gespräch. Dort ist das Berufsförderungswerk des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg tätig. Der eingetragene Verein betreibt bereits eine Produktionsschule in Frankfurt (Oder). „Ein Glücksfall“, wie Schneider sagt. „Wir müssen nun abwägen, ob wir das wollen und ob wir das können“, betont der CDU-Stadtverordnete Dietmar Schulz.

In der Lausitz gibt es bereits zwei Produktionsschulen. Allerdings ist weder die eine noch die andere voll ausgelastet. In Herzberg (Elbe-Elster) sind 17 von 30 Plätzen belegt, in Finsterwalde (ebenfalls Elbe-Elster) sind es 16 von 24 Plätzen. „100 Prozent Auslastung ist selten“, sagt Dirk Stiller, Jugendsozialarbeiter und Projektverantwortlicher im Landkreis Elbe-Elster. Die Teilnehmerzahlen gehen grundsätzlich mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres oder dem Start berufsvorbereitender Maßnahmen zurück.

30 Prozent der Teilnehmer können vermittelt werden

Auf die Vermittlungsquote ist er stolz. „30 Prozent der Jugendlichen beginnen eine Ausbildung, berufsvorbereitende Maßnahmen oder schaffen es auf den ersten Arbeitsmarkt“, betont Stiller. Das sei mit Blick auf das schwierige Klientel eine echte Erfolgsbilanz. Denn viele der Jugendlichen seien bereits „mehrfach gescheitert“, seien zwischen 18 und 22 Jahre alt und bisher habe „nichts“ in ihrem Leben funktioniert.

Angst vor neuer Konkurrenz aus Cottbus hat er nicht. „Eigentlich braucht jede Region eine Produktionsschule“, sagt er. Dass Jugendliche aus Cottbus nach Elbe-Elster kommen oder umgekehrt, hält er für unwahrscheinlich.

Marktfähige Produkte werden hergestellt


An den Produktionsschulen stellen die Jugendlichen unter Anleitung von Werkstattpädagogen marktfähige Produkte her, die verkauft werden, oder sie erbringen Dienstleistungen für Kunden. Die Arbeit ist stark praxisorientiert.

Die Teilnehmer bleiben in der Regel zwölf Monate in der Produktionsschule und erhalten ein leistungsbezogenes monatliches Produktionsschulgeld als Motivationsprämie. Die Zu- und Abgangsmöglichkeiten sind flexibel und nicht zeitlich terminiert.

Eine Produktionsschule muss mindestens zwei Werkstätten vorhalten, damit die Schüler mehrere Auswahl- und Erprobungsmöglichkeiten haben.