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| 18:30 Uhr

Demografie
Probleme einer alternden Stadt

Cottbus . Der neuste Sozialreport beleuchtet die Lebens­situation zwischen 2005 und 2015. Die Daten zeigen: Cottbus muss seine Hausaufgaben machen. Von Andrea Hilscher

Eberhard Richter ist ein Mann mit Geduld. Vor drei Jahren hatte seine Fraktion, die Linke, den Antrag gestellt, die Stadt solle einen Sozialbericht erstellen, um einen Überblick über die aktuelle Lage in der Stadt zu bekommen. 2016, so hoffte man damals, könnte das Datenwerk fertig sein. Dann aber stiegen die Flüchtlingszahlen abrupt an, das Sozialamt musste reagieren. Eberhard Richter: „Wir wollten damals kein Papier produzieren, sondern akute Probleme lösen.“

Jetzt endlich liegt der Sozialreport 2005 bis 2015 vor. Das Werk erfasst damit noch nicht die Daten der zugewanderten Flüchtlinge, gilt aber trotzdem als aussagekräftig. Eberhard Richter: „Die Geflüchteten machen schließlich nur vier Prozent der Bevölkerung aus.“ Der Report liegt den Abgeordneten seit einigen Wochen vor, soll in den kommenden Monaten thematisch aufgearbeitet werden. Ein erster Schritt wird eine Debatte über das Problemfeld Kinderarmut sein.

Schon jetzt aber ist offensichtlich: Eine der zentralen Fragen, denen sich die Stadt stellen muss, ist der unaufhaltsame Wandel der Altersstruktur. Eberhard Richter: „Ziehen wir die Flüchtlinge ab, haben wir nur rund 96 000 Einwohner in Cottbus. Die Prognosen der vergangenen Jahre haben sich damit erfüllt.“

Ähnlich wie in vielen vergleichbaren bundesdeutschen Städten werden in Cottbus weniger Menschen geboren als sterben. Die Zahl der Kinder ist von 24 882 im Jahr 2005 auf 19 652 im Jahr 2015 gesunken. Damit gibt es im Berichtszeitraum einen Rückgang von 5230 Kindern, was rund 21 Prozent entspricht. Durch Zuzug und Zuwanderung haben sich diese Zahlen zwischenzeitlich verschoben, langfristig ist aber mit einem erneuten Rückgang der Kinderzahlen zu rechnen.

In Bezug auf den Personenkreis der über 65-Jährigen ist zu verzeichnen, dass die Anzahl von 20 691 im Jahr 2005 auf 24 024 im Jahr 2015 gestiegen ist. Der Anteil dieser Personengruppe an der Bevölkerung hat sich von 19,6 auf 24,1 Prozent erhöht. Damit bildet  die Gruppe der Senioren ein Viertel der Bevölkerung in der Stadt. 2035 wird jeder dritte Einwohner über 65 sein.

In den Ortsteilen Madlow, Spremberger Vorstadt und Sandow beträgt der Anteil Senioren schon jetzt mehr als 30 Prozent. Auch die ländlichen Regionen Kiekebusch und Dissenchen gehören zu den Ortsteilen, die einen überdurchschnittlichen Anteil an Senioren aufweisen. Für ganz Cottbus gilt: Im Berichtszeitraum stieg der Anteil der Hochbetagten (85 und älter) von 1,6 auf 2,9 Prozent der Bevölkerung.

Eberhard Richter, Vorsitzender des Sozialausschusses, sieht darin eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre. „Die Rentner in zehn oder 20 Jahren werden weniger Geld zur Verfügung haben als die Senioren von heute. Wir brauchen also mehr bezahlbare und seniorengerechte Wohnungen.“ Da wegen des Fachkräftemangels nicht endlos mehr Heime gebaut werden können, müssten Wohnformen unterstützt werden, in denen ältere Menschen so lange wie möglich selbstständig leben können. „Intelligente Möglichkeiten der Versorgung können dabei helfen“, so Richter.

Gut sei, dass die Stadt mit dem Ankauf neuer Straßenbahnen die Weichen für ein dauerhaftes Funktionieren des ÖPNV gelegt habe. „Denn gerade alte Menschen sind darauf angewiesen“, so Richter. Sorgen bereiten ihm die Punkte, die eine Stadt nur schwer steuern kann. „Die medizinische Versorgung ist so ein Thema. Meine Ärzte sind etwa in meinem Alter – und ich bin inzwischen in Rente.“ Ähnlich schwierig sei die Steuerung des Angebotes von Einkaufsmöglichkeiten. „Da kann die Kommune nur wenig tun.“

Der Sozialreport soll übrigens in den kommenden Jahren laufend aktualisiert werden – damit niemand mehr jahrelang auf zuverlässige Daten warten muss.