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| 18:30 Uhr

Nominiert
Preisverdächtige Bärenbande

 Das gemeinsam gebaute Floß wird in Moritzburg zu Wasser gelassen. Es schwimmt nicht lange auf dem See, doch die Aktion hat allen Beteiligten Spaß gemacht.
Das gemeinsam gebaute Floß wird in Moritzburg zu Wasser gelassen. Es schwimmt nicht lange auf dem See, doch die Aktion hat allen Beteiligten Spaß gemacht. FOTO: Johanniter-Unfall-Hilfe
Cottbus. Projekt der Johanniter-Unfall-Hilfe in Cottbus will Geschwistern von schwerkranken und behinderten Kindern helfen. Die Initiative ist für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Von Silke Halpick

Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wohnen mit einem behinderten oder schwer erkranktem Geschwisterkind zusammen. „Die Spannbreite reicht von vermeintlich einfachen Fällen wie einer Diabetes-Erkrankung bis hin zu Schwerstbehinderten, die eine Rundumbetreuung benötigen“, sagt Daniela Konzack von der Johanniter-Unfall-Hilfe in Cottbus.

Der Alltag dieser Familien ist in der Regel stark auf die Bedürfnisse der kranken Kinder ausgerichtet. Die gesunden Geschwister fallen „hinten runter“ und sind starken emotionalen Belastungen ausgesetzt, so Konzack. Die studierte Pflegefachkraft weiß, wovon sie spricht. Ihre Bachelorarbeit behandelt genau dieses Thema. Daniela Konzack gehört zu den Mitbegründern des „Geschwisterclubs Bärenbande“.

Vor vier Jahren wurde die von der Johanniter-Unfall-Hilfe getragene Initiative ins Leben gerufen. 15 bis 20 Kinder und Jugendliche gehören mittlerweile zum „festen Stamm“, der an den Kursangeboten sowie Ausflügen teilnimmt. „Es könnten noch deutlich mehr kommen“, räumt Konzack ein. Doch noch sei das Angebot des Geschwisterclubs in der Öffentlichkeit relativ unbekannt.

Deutscher Engagementpreis als wichtigste Würdigung etabliert

Da kommt die Nominierung zum „Deutschen Engagementpreis 2019“ gerade recht. Die Auszeichnung hat sich als die wichtigste Würdigung für bürgerschaftliches Engagement in Deutschland etabliert. Erstmals wurde der Preis im Jahr 2009 im Rahmen der Kampagne „Geben gibt“ ausgelobt. Initiator und Träger ist das Bündnis für Gemeinnützigkeit, ein Zusammenschluss von großen Dachverbänden und unabhängigen Organisationen.

„Zu verdanken haben wir unsere Nominierung der Town&Country-Stiftung“, sagt Konzack. Die Botschafter der Stiftung waren von der Idee, die hinter dem „Geschwisterclub Bärenbande“ steckt, begeistert und zeichneten das Projekt bereits im vergangenen Jahr aus. „Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro haben wir gleich wieder in das Geschwisterprojekt gesteckt. Erstmals können wir nun zwei gemeinsame Ausflüge machen“, betont sie.

Die Wochenendfahrten sollen nach Moritzburg (Sachsen) und Rüdersdorf (Elbe Elster) führen und haben das Ziel, den Geschwisterkindern ein besonderes individuelles Erlebnis zu ermöglichen. „Dann stehen wirklich mal nur sie im Mittelpunkt“, sagt die Organisatorin. Das sei eine Erfahrung, die den meisten im familiären Alltag fehle. Auch der Austausch sei wichtig. „Die Kinder reden untereinander auch über schlimme Erfahrungen“, so Konzack. Doch schon allein die Erkenntnis, dass es andere Kinder mit ähnlich gelagerten Sorgen gibt, helfe bei der Stressbewältigung weiter.

Geschwisterkinder spüren die Belastung der Eltern

„Mit der Diagnose einer schweren Erkrankung oder Behinderung eines Kindes verändert sich massiv das bisher gewohnte Familienleben“, erklärt Konzack. Für die gesunden Geschwister entstehen durch die neue Familiensituation und die spürbare Belastung der Eltern eine hohe Verunsicherung, Angst und das Gefühl von Hilflosigkeit. „Auch sie haben eigene Bedürfnisse, die sie aber zurückhalten müssen, weil sie neben den Bedürfnissen der kranken Geschwister so unwichtig erscheinen“, sagt sie.

Häufig werden die gesunden Geschwister schon sehr frühzeitig mit in die Pflege und Betreuung der kranken Kinder einbezogen und haben dadurch weniger Freizeit sowie Sozialkontakte als ihre Altersgenossen. „Freunde zum Übernachten mit nach Hause zu bringen, ist schon aus organisatorischen Gründen oft nicht möglich“, erzählt sie.

In Spezialkursen, die Titel wie „Jetzt bin ich mal dran!“ tragen, werden den Teilnehmern die Krankheitsbilder ihrer Geschwister erläutert, aber auch Stress-Bewältigungstrategien geübt sowie Sozialkompetenz und Selbstwert gestärkt.

Dass sich die Arbeit lohnt, davon ist Daniela Konzack überzeugt. Als Beispiel berichtet sie von einer Viertklässlerin, die jetzt allein in die Schule geht und auch den Unterricht bis zum Ende aushält. „Vorher war das nicht möglich“, sagt sie. Das Mädchen hatte ständig Angst, dass ihrer alleinerziehenden Mutter, die den kranken Bruder betreut, während ihrer Abwesenheit etwas Schlimmes zustoßen könnte.

 Daniela Konzack.
Daniela Konzack. FOTO: Schoelzel/Johanniter / Andreas Schoelzel