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| 19:07 Uhr

Handwerk
Polsterei – ein aussterbendes Handwerk

 Polstermeister Frieder Kottusch zeigt, wie an einer Sessellehne die Rautenheftung erneuert wird.
Polstermeister Frieder Kottusch zeigt, wie an einer Sessellehne die Rautenheftung erneuert wird. FOTO: LR / Nils Ohl
Der Traditionsbetrieb Hummel gehört zu den letzten Polstereien in Cottbus mit einem Meisterbrief. Von Nils Ohl

„Der ist rund hundert Jahre alt. Wo findet man noch eine Polsterung mit solchen feinen Borten.“ Nahezu zärtlich streicht Frieder Kottusch über die Lehne eines restaurierten Stuhls im Verkaufsraum seiner Werkstatt am Cottbuser Altmarkt. „Doch leider ist die Polsterei ein aussterbendes Handwerk“, bedauert er.

Frieder Kottusch ist Meister in der dritten Generation. Schon sein Großvater betrieb das Polstereihandwerk – ab 1907 in Zwickau, damals noch unter dem Titel Tapeziermeister. „Dabei ging es aber nicht um Malerarbeiten, die Bezeichnung geht vielmehr auf Stofftapeten zurück“, erklärt Kottusch. Er selbst kam 1981 nach Cottbus – der Liebe wegen. Während der Meisterprüfung hatte er seine heutige Frau Angela kennengelernt und stieg in den Betrieb seines Schwiegervaters Werner Hummel ein. 2004 übernahm er dessen Firma. Diese Traditionslinien sind dem Handwerksmeister wichtig. „Wir bauen nicht nur Sessel, sondern stehen mit unserem Namen für Qualität“, betont er.

Doch warum soll das Polsterhandwerk mittelfristig vor dem Aus stehen? Laut Daten der Handwerkskammer hat sich die Zahl der Raumausstatter, zu denen die Polsterer gehören, allein in Cottbus innerhalb von 20 Jahren mehr als verfünffacht: von acht Raumausstattern im  Jahr 1998 auf 44 im Jahr 2018.

„Der Grund ist die Öffnung der Handwerksberufe im Rahmen der Agenda 2010“, erklärt Frieder Kottusch. Seit dem Jahr 2004 wird in 53 Handwerksberufen kein Meisterbrief benötigt, um das entsprechende Handwerk auszuüben. Nur noch 41 Handwerksberufe sind „zulassungspflichtig“, wie es offiziell heißt. Die Idee dahinter war, Gründungen zu erleichtern und Menschen gangbare Wege aus der damals hohen Arbeitslosigkeit zu bieten. „Zulassungspflichtig blieb nur das, wo Gefährdungspotenzial für die menschliche Gesundheit gesehen wurde. Also Berufe wie Elektrotechniker, Optiker oder Bäcker“, erklärt Veronika Martin, Sprecherin der Handwerkskammer. Fliesenleger, Goldschmiede oder auch Raumausstatter fielen nicht in diese Kategorie.

Das Anliegen, so den Arbeitsmarkt zu entlasten, ging offensichtlich auf. Neben den Raumausstattern stieg beispielsweise die Zahl der Fliesenleger in Cottbus von zehn im Jahr 1998 auf 64 im Jahr 2018 und die Zahl der Gebäudereiniger von 23 auf 58. „Aber damit wurden auch immer mehr allgemeine Dienstleistungen angeboten. Manche Raumausstatter bieten nun auch  Malern oder gar das Säubern von Dachrinnen an“, erklärt Frieder Kottusch. „Die klassische Polsterei beherrschen dagegen immer weniger.“ Problematisch sei ebenfalls, dass ohne Meisterbrief auch keine automatische Ausbildungsberechtigung besteht. Und das bei den ohnehin schwierigen Umständen, geeignete Lehrlinge für das Handwerk zu finden.

Sehr kritisch sieht Kottusch die Diskussion um den Kohleausstieg: „Wir haben in unserem Geschäft immer davon profitiert, dass die Leute hier in der Kohlebranche gut verdient haben.“ Wenn das wegbricht, werde es für Handwerker schwer, „denn Handgemachtes ist immer teurer als Massenproduktion.“

Dennoch betont der Meister: „Trotz aller Probleme hat das Handwerk tatsächlich goldenen Boden, wenn man traditionelle, gute Qualität bietet.“ Zu ihm kommen Kunden aus dem gesamten Umland von Cottbus bis nach Berlin, um alte Polstermöbel, Stühle oder Restauranteinrichtungen restaurieren zu lassen. Wenn der Kunde es wünscht, kann er auch neue Möbel anfertigen lassen. „Besonders schön ist es, wenn wir alte Möbel restaurieren, die wir vor dreißig, vierzig Jahren in unserer eigenen Werkstatt gebaut haben“, sagt Frieder Kottusch. Sein Betrieb habe unter anderem das Deutsche Theater in Berlin, die Semperoper und das Hotel Bellevue in Dresden ausgestattet. Der Meister zeigt stolz auf einen Arbeitstisch: „Hier ist so ein Sessel aus dem Bellevue – mit Echtholzrahmen und mit gelegter Rautenheftung in der Lehne. Da sind Knöpfe eingezogen und die Falten werden per Hand gelegt.“

Doch bei all der stolzen Tradition – der Cottbuser Handwerksbetrieb wird wohl mit der Generation von Frieder Kottusch und seiner Frau Angela enden. Die Tochter, ebenfalls gelernte Raumausstatterin, hat sich mit ihrer Polsterei in der Nähe von Bad Homburg niedergelassen.

 Laut Handwerkskammer besitzen in Cottbus nur noch drei Raumausstatter einen klassischen Meisterbrief. Veronika Martin resümiert: „Das werden wohl künftig nur noch einzelne Persönlichkeiten sein, die man suchen muss. Oder aber wir werfen alles weg und kaufen neu.“