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| 08:33 Uhr

Polnisch bekommt berufliche Perspektive

Polnisch ist auf dem Vormarsch. Diese Beobachtung macht Maria Elikowska-Winkler, Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur der Cottbuser Volkshochschule. Auch das Lernpublikum habe sich gewandelt. "Vor zehn Jahren waren es vor allem ältere Menschen, die früher in Polen gelebt haben und heute ist es überwiegend die Berufsgeneration, die bei uns Polnisch lernt", erklärt die Leiterin. Der derzeitig laufenden Wochenkurse seien das beste Beispiel: Unter den Anfängern ist neben Lehrern oder Studenten auch Frank Szymanski, Staatssekretär im Bildungsministerium. Von Peggy Kompalla


Der feine Zwirn ist gegen legere Bekleidung getauscht. In Jeans und sportlichem Hemd sitzt Frank Szymanski auf der Schulbank. Eine ungewohnte Perspektive für den sonst von Terminen gehetzten Regierungsmann. Früher war er Lehrer, in dieser Woche ist er Schüler. Neben ihm sitzt Helmut Haberlandt vom Referat für internationale Beziehungen im Bildungsministerium. "Das war nicht abgesprochen", versichert Szymanski. Für die beiden hat der Kurs neben den dienstlichen Aspekt auch persönliche Gründe. "Polen ist das Land, das ich in meinem Leben am häufigsten besucht habe", erklärt Helmut Haberlandt und meint weiter: "Ich habe schon
einiges aufgeschnappt. Mit dem Kurs will ich das vertiefen." Frank Szymanski kann seine ersten Kenntnisse gleich in der kommenden Woche in Potsdam anwenden.
Er bekommt Besuch von Minister Andrzejczak Borysaw aus der Region Woiwodschaft. Die beiden Männer wollen sich über Kooperationsmöglichkeiten im Sport verständigen. "Ich freue mich, auch etwas auf Polnisch sagen zu können", so Szymanski.
"Besonders schwierig wird es, wenn zwei Zischlaute aufeinander folgen", gibt der Staatssekretär zu. Und von denen gibt es im Polnischen nun mal reichlich. Beim Lernen kommt Frank Szymanski seine frühere Arbeit entgegen. Vier Jahre lang hat er in Bulgarien als Lehrer gearbeitet. "Da findet sich lexikalisch einiges im Polnischen wieder", sagt er. Und Russisch habe er ja schließlich auch gehabt.
Ganz anders ergeht es Stefanie Koch. Sie studiert in Cottbus Architektur an der Fachhochschule. "Ich habe noch nie eine slawische Sprache gelernt, also kann ich auch nichts ableiten", erzählt die 22-Jährige. Frust ist nicht aus ihrer Stimme zu hören, obwohl sie zugibt, dass die Sprache ziemlich schwierig ist. Doch motiviert ist sie trotzdem: "Ab Oktober gehe ich für zwei Semster an die Universität von Krakau." Die Aussprache sei das Schwierigste. Als Beispiel gibt sie das Wort für Mädchen – dziewczynê. Sie liest es laut vor, aber die Buchstaben wollen nicht in der richtigen Reihenfolge über ihre Lippen. Sie rollt mit den Augen, da springt Lehrerin Jana Winkler ein, spricht ganz langsam und betont.
Beim Lesen in der Gruppe stöhnt Sigrid Tschirner: "Jetzt kommen die ganzen Fälle. Man hat ja richtig zu tun, die Vokabeln noch zu erkennen, die man im Nominativ gelernt hat." Die Rentnerin ist aus ganz persönlichen Gründen zu dem Kurs gekommen. "Ich habe Bekannte in Polen und will auch mal mitreden, wenn sie sich unterhalten." Nicht einmal die sieben Fälle des Polnischen haben sie erschreckt. "Im Herbst mache ich den nächsten Kurs mit", meint die Cottbuserin überzeugt. Trotz aller Grammatik und Zungenbrecher: "Ich war ja erstaunt, dass wir schon nach zwei Tagen lesen und singen konnten."
Monika und Klaus Sperling drücken gemeinsam die Schulbank. Sie wohnen gerade einmal 25 Minuten von der Grenze entfernt in Tauer. "Wir sind ziemlich oft in Polen und es ist mir wichtig, auch etwas auf Polnisch sagen zu können", sagt Monika Sperling. In dieser Woche haben die Schüler jeden Tag acht Stunden Unterricht von 9 bis 16 Uhr. "Das ist so anstrengend, dass man nach dem Feierabend nicht mehr in die Unterlagen guckt", gesteht die Rentnerin und schickt dem Satz ein Lachen hinterher. Für Maria Elikowska-Winkler ist Polnisch Muttersprache. Sie unterrichtet auch. "Es ist einfach toll zu sehen, dass sich immer mehr Leute für die Sprache interessieren." Der Anfängerkurs musste sogar geteilt werden. "Es waren einfach zu viele. Mehr als 20 Teilnehmer und die Vorkenntnisse waren sehr unterschiedlich."
So wurde kurzerhand eine zweite Gruppe aufgemacht. Zudem läuft in dieser Woche ein Konversationskurs. Insgesamt seien es 29 Teilnehmer aus ganz Brandenburg, zehn von ihnen auf Bildungsurlaub. Die Leute verstehen die Sprache immer mehr als wichtigen Teil ihres beruflichen Lebens. So seien unter den Teilnehmer früherer Kurse Juristen, Gärtner oder Tankstellen-Angestellte gewesen. "Wir überlegen schon, ob wir statt nur einmal im Semester Wochenkurse zu geben, auf zwei erhöhen", sagt Maria Elikowska-Winkler.