Hans-Dieter Paulo war ein torhungriger Angreifer der damaligen BSG Energie Cottbus. Er fiel durch zwei Besonderheiten auf. Zum einen behauptete der heute 59-jährige den Ball mit einer unnachahmlichen Körperhaltung, mit der er seinen verlängerten Rücken betont herausstreckte, den Oberkörper dabei leicht gebeugt. Und es zierte seinen Schwarzschopf eine kleine graue Strähne. Unvergessen, dass er zwischen 1981 und 1987 immerhin 46 Tore für die Rot-Weißen erzielte.

Wie kam es zu Ihrer wohl einmaligen Körperhaltung zur Ballsicherung und zur grauen Haarsträhne?
Ich hatte am Hinterkopf ein Muttermal. Die Haare aus diesem Muttermal waren schon seit meiner Geburt grau. Da in den achtziger Jahren die Haare lang getragen wurden, war meine graue Strähne recht auffällig. Und was den herausgestreckten Hintern betrifft, so hatte sich das einfach bei mir so eingebrannt, dass ich auf diese Art den Ball viel besser abschirmen und sichern konnte. Ich weiß, dass man damals oft sagte, wenn man von mir sprach: "Das ist doch der, der immer mit dem A... wackelt." Aber gestört hat mich das genau so wenig, wie die Anspielungen auf meine graue Strähne.

Bernd Mudra erzählte mir davon, dass sie gemeinsam in der Cottbuser Bezirksauswahl gespielt haben. Er war Forster und Sie kamen aus Spremberg. Er ist recht schnell bei Energie gelandet, Sie sind erst viel später nach Cottbus gewechselt. Wie kam das denn?
Ich glaube, daran war damals meine Mutter schuld. Sie war Lehrerin und wohl auch deshalb sehr auf mein Wohl bedacht. Sie meinte wohl, dass ein Leben im Internat für einen jungen Burschen wie mich überhaupt nicht das Richtige ist. So habe ich im Gaskombinat Schwarze Pumpe eine Lehre als BMSR-Mechaniker absolviert und von 1973 an in Schwarze Pumpe bei der BSG Aktivist gespielt. Bis 1978 auch bei den Männern und dann ging es zur Armee nach Kamenz. Von da wollte mich der damalige Sektionsleiter der BSG Energie, Dr. Klaus Schubert weglotsen, aber ich bin dann doch wieder zu Pumpe zurück. Weil mir die Rückkehr mit der Bereitstellung eine Vierraumwohnung versüßt wurde, konnte ich auch nicht anders. Übrigens war ich dafür sehr dankbar, weil gerade unsere Tochter Franziska geboren war.

Von höchster Stelle wurden Sie drei Jahre danach dann aber doch sportlich nach Cottbus umgesiedelt. Hing das mit dem Oberliga-Aufstieg 1981 zusammen?
Schon, aber nicht nur. Ich wurde Monate vorher zum Generaldirektor gerufen, der mich regelrecht anbettelte, mir die Sache doch nochmal zu überlegen. So hatte ich plötzlich alle Trümpfe bei den Nebenabreden des Vertrages selbst in der Hand. So habe ich meine Forderungen aufgemacht. Habe gesagt, dass ich einen Garten, ein Auto und eine höhere Lohngruppe haben will. Sonst gehe ich nicht zu Energie. Der Oberligavertrag wurde dann im Büro des Generaldirektors mit russischem Wodka besiegelt.

Die Angreifer hatten es ja in der Oberliga immer besonders schwer. Wie lief das bei Ihnen, dem absoluten Neuling, der aus der DDR-Liga kam?
Richtig, es war ziemlich hart für uns Angreifer. Ich erinnere mich an ein Spiel unter Flutlicht in Magdeburg, das wir 0:3 verloren haben. Die Recken in der Magdeburger Abwehr Zapf und Mewes haben mich fürchterlich beackert. Heute hätte jeder drei Rote Karten in diesem Spiel gesehen. Aber damals wurde bei den Spielern der Clubs über vieles hinweggesehen. Die Akteure aus den Betriebssportgemeinschaften Aue, Zwickau oder wir waren da immer die zweiten Sieger. Aber, in dieser Oberligaserie habe ich trotzdem fünf Tore gemacht. Eins zum Beispiel beim Rückspiel gegen Magdeburg zum Endstand von 1:1.

Energie stieg nach dieser Serie gleich wieder ab. War das für Sie auch ein finanzielles Debakel?
Was damit zusammenhängt, dass wir ja sowas von blauäugig waren. Ich hatte mir diesen Oberliga-Vertrag überhaupt nicht richtig durchgelesen. Da stand nämlich drin, dass dieser nur für die Oberliga gilt. So habe ich anschließend zwei Monate kein Geld bekommen. Was ja vertraglich wohl durchaus auch korrekt war, bloß ich stand als Familienvater ziemlich blöd da.

Offenbar muss wenig später alles ins Lot gekommen sein, denn noch über Jahre waren sie in Fußball-Cottbus unterwegs. . .
Daran hatte damals Klaus Stabach einen Riesenanteil, der festlegte, dass ich nach Cottbus zu ziehen habe. Bis dahin bin ich ja täglich zwischen Hoyerswerda und Cottbus gependelt. Auch wurde mein Arbeitsvertrag geändert. Ich war ja noch immer Angestellter im Gaswerk Pumpe. Energie aber gehörte ja wirtschaftlich zum Kraftwerk Jänschwalde. Also wurde ich zusammen mit dem Ex-Briesker An dreas Leuthäuser vertraglich zum BKW Cottbus eingegliedert. Allerdings wurde uns der Passus mit dem monatlichen Bergmannsschnaps herausgestrichen. Für die Kindergartenplätze wurde auch gesorgt. Alles war also wieder im Lot.

Auch ohne Bergmannsschnaps soll es ja ab und an Eskapaden der Fußballer gegeben haben, die heute seitenweise die Boulevard-Blätter füllen würden. Wollen Sie nachträglich eine kleine Geschichte nach all den Jahren verraten?
Was, nur eine? Also, wir waren mal im Bowling-Keller in der Stadtpromenade. Danach wollte ich mit dem Rad heim nach Sachsendorf. Was mir wohl nicht so ganz geglückt ist. Ich wurde von den Herren in Grün angehalten und nach den Papieren gefragt. Ein Ausweis hatte ich nicht dabei und so haben sie mich nach dem Namen gefragt. Aber ich war bockig, weil ich genau gemerkt habe, dass die genau wussten, wer da vor ihnen steht. Der ganze Vorfall endete glaube ich in der Mauerstraße auf der Wache. Energie hat von der Sache Meldung bekommen und ich wurde für drei Spiele gesperrt. Nach zweien haben sie mich aber begnadigt, weil der erneute Aufstieg ohne meine Mitwirkung in Gefahr geriet. Zum Aufstieg wurde jeder Spieler als Aktivist ausgezeichnet. Ich aufgrund des Vorfalls nicht, aber die 250 Mark Prämie habe ich trotzdem bekommen. Aktuell ist wieder ein Paulo auf Torejagd. Wie haben Sie es geschafft, dass Stephan auch ein treffsicherer Schütze ist, wenngleich nur in der Kreisliga?
Es mag an den Genen liegen, aber ich bin natürlich sehr zufrieden, dass er das in Drachhausen so gut hinkriegt. Nach seinem Kreuzbandriss ist er wieder ganz der Alte und schießt für Drachhausen Tore.

Was machen Sie heute beruflich?
Ich habe von 1984 bis 88 ein Fernstudium an der heutigen BTU aufgenommen. Da ich gelernter BMSR-Mechaniker war, habe ich mich für die Fachrichtung Automatisierungstechnik entschieden. Nach meinem Abschluss 1988 konnte ich mich Diplom-Ingenieur für Automatisierungstechnik (FH) nennen. Nach mehreren beruflichen Stationen arbeite ich seit elf Jahren bei der Dunapack Spremberg. Ich bin dort als Projekt- und Energiemanager tätig.

Sie werden im November 60 Jahre alt, womit ist die Zeit im Hause Paulo derzeit gefüllt?
Wir wohnen wieder in Spremberg, wo ich hier und da noch als Trainer gearbeitet habe. Privat bin ich noch immer mit meiner ersten Frau Birgit verheiratet, was in unserer Generation nicht so oft vorkommt. Per Rad sind wir im Urlaub schon die Radwege an der Elbe, der Neiße, der Donau und der Spree abgefahren. Unser nächstes Ziel ist eine Tour am Bodensee.

Mit Hans-Dieter Paulo sprach Georg Zielonkowski/ski1