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| 01:06 Uhr

Polizei hofft auf Graffiti-Prozess

Grafftis, wohin man schaut: Überall in Cottbus hinterlassen die Täter ihre Spuren. In den meisten Fällen sind es Jugendliche, 14 bis 18 Jahre alt.
Grafftis, wohin man schaut: Überall in Cottbus hinterlassen die Täter ihre Spuren. In den meisten Fällen sind es Jugendliche, 14 bis 18 Jahre alt. FOTO: Fotos: Kaffka
Große Hoffnung setzt die Cottbuser Polizei in einen Prozess am Amtsgericht. Am 17. Juni stehen dort zwei Cottbuser vor dem Richter, die im Herbst des vergangenen Jahres die Fassade des ehemaligen Kinos „Weltspiegel“ mit Farbe besprüht haben sollen. „Vielleicht hilft dieser Prozess, weiteren Tätern die Lust an ihren Schmierereien zu nehmen“ , sagt Polizeisprecher Berndt Fleischer. Seit Jahresbeginn ereigneten sich in Cottbus 70 Graffiti-Straftaten – und nur elf Täter wurden gefasst. Von RenÉ Wappler

Mit einer bunten Farbpalette sollen sie am 17. Oktober des vergangenen Jahres zum ehemaligen Kino „Weltspiegel“ gezogen sein, ein 24-Jähriger und sein 22-jähriger Komplize, um es rot, weiß und schwarz zu besprühen. Für den Schaden von 2570 Euro werden sie sich Mitte des Monats vor dem Cottbuser Amtsgericht verantworten. Falls ihnen die Tat nachgewiesen wird, müssen sie mit 100 Sozialstunden rechnen.
Allein im Mai dieses Jahres ereigneten sich etliche ähnliche Fälle. Ein beschmierter Bagger, eine beschmierte Brücke, beide am Energie-Stadion, Schaden: 5000 Euro. Graffiti-Zeichnungen auf einer Wand in der Sachsendorfer Straße, 500 Euro Schaden. Ein fünf Meter langer Lastwagen in der Carl-von-Ossietzky-Straße, über und über mit Graffitis bedeckt, Graffitis an der Wand des Konservatoriums in der Puschkinpromenade – nur einige Beispiele.
252 Graffiti-Straftaten zählte die Cottbuser Polizei 2002, 69 Täter wurden im gleichen Zeitraum gefasst. „Es handelt sich immer um Mehrfachtäter“ , erklärt Polizeisprecher Berndt Fleischer, „man wächst in diese Szene hinein, und wer die anderen beeindrucken will, hat einen Fotoapparat dabei. Mit dem verewigt er seine Schmierereien.“

„Überall hinterlassen sie Spuren“
Offenbar lassen sich die Sprayer auch nicht von der immer ausgeklügelteren Spurentechnik der Polizei und der Staatsanwälte beeindrucken, von der Amtsgerichts-Direktor Wolfgang Rupieper erzählt: „Wir können alles Mögliche vergleichen, wenn es zu einer Hausdurchsuchung kommt. Die Lackmischung, die Schriftzeichen – hier hat die Technik in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt.“ Rupieper rechnet vor: In einer der drei zuständigen Abteilungen des Amtsgerichts kam es 2002 insgesamt zu 470 Verhandlungen, sechs davon wegen Graffiti-Straftaten. „Ein Hauseingang, eine Grundschule, ein Keller, eine Straßenbahn, eine Gaststätte, eine Haustür – überall hinterlassen die Sprayer ihre Spuren.“ In dreien der sechs Fälle sei es zu Verurteilungen gekommen. „Die anderen wurden eingestellt, vor allem, weil die Täter auch wegen anderer Delikte vor Gericht standen, die um einiges schwerer wogen.“

Beliebte Großstadt-Anonymität
Dabei richten Graffiti-Straftaten nach Einschätzung der Polizei in Cottbus jährlich Schäden in Millionenhöhe an. „Auf dem Land passiert viel weniger“ , sagt Polizeisprecher Fleischer, „die Täter schätzen die anonyme Atmosphäre größerer Städte, wo sie sich schnell aus dem Staub machen können.“
Besonders leidgeprüft zeigt sich das Unternehmen „Cottbusverkehr“ , dem Jahr für Jahr rund 30 000 Euro an Graffiti-Schäden entstehen. Auch Schulen gehören zu beliebten Zielen der Sprayer. So gingen der Polizei am vergangenen Wochenende drei Jugendliche ins Netz, die mit ihren Sprühdosen am Heinrich-Heine-Gymnasium Spuren hinterlassen wollten (die RUNDSCHAU berichtete). „Wir kommen nicht damit hinterher, die Schmierereien zu entfernen“ , erklärt Bernd Weiße, Chef des Schulverwaltungsamts, „uns bieten zwar Firmen an, eine Beschichtung an den Wänden aufzubringen, damit wir die Graffitis leichter entfernen können – aber das kostet auch viel Geld.“ Manche Schulen besinnen sich deshalb auf originelle Ideen. An der Wand des Leichhardt-Gymnasiums rankt sich wilder Wein – so dicht, dass den Sprayern dort die Lust verging.

Hintergrund Aus der Polizei-Statistik
 1999 registrierte die Polizei insgesamt 170 Graffiti-Straftaten.
2000 waren es 253.
Im Jahr 2001 stieg die Zahl weiter auf 336 Straftaten.
Zu den Schwerpunkt-Straßen zählten in den vergangenen Jahren: Berliner Straße, Zielona-Gora-Straße, Am Fließ, Gerhart-Hauptmann-Straße, Parzellenstraße, Poznaner Straße.