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| 17:29 Uhr

Durchsuchungen in Cottbus und Spremberg
Polizei geht mit Großaufgebot gegen rechtsextremistische Szene vor

 Mit einem massiven Aufgebot an Polizisten ist das Landeskriminalamt am Mittwochmorgen in Cottbus gegen  Rechtsextremisten, Hooligans, Kampfsportler und Wachschützer vorgegangen.
Mit einem massiven Aufgebot an Polizisten ist das Landeskriminalamt am Mittwochmorgen in Cottbus gegen Rechtsextremisten, Hooligans, Kampfsportler und Wachschützer vorgegangen. FOTO: dpa / Michael Helbig
Cottbus. Mit einem Großaufgebot ist die Polizei am Mittwochmorgen gegen die Lausitzer Mischszene von Kampfsportlern, Hooligans und Rechtsextremisten in der Lausitz vorgegangen. Es wurden Wohnungen und Geschäfte durchsucht. Der Einsatz beschränkte sich nicht nur auf Brandenburg. Von Lars Reimann

Sie kommen am frühen Mittwochmorgen, maskiert mit Sturmhauben. Spezialkräfte der Polizei unterstützen zivile Beamte und Bereitschaftspolizisten bei der Durchsuchung von 30 Objekten. Dazu gehörten Wohnungen und Geschäfte in Cottbus, Spremberg, Berlin, aber auch in Kühlungsborn an der Ostseeküste und in Sachsen.

Schlag gegen das Milieu

Es ist ein Schlag gegen ein Milieu, das sich in Cottbus und Umgebung festgesetzt hat, mit Ausläufern nach Berlin, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Brandenburgs Verfassungsschutzchef Frank Nürnberger hatte dieses Netzwerk vor einiger Zeit als „toxisches Gebilde“ bezeichnete. Es geht dabei um Rechtsextremisten, Kampfsportler, Hooligans und Wachschützer. Auf viele der rund 20 Verdächtigen, gegen die sich die Ermittlungen richten, treffen jeweils mehrere dieser Bezeichnungen zu.

Staatsschutz ermittelt

Ermittelt wird gegen die Gruppe wegen des Verdachtes der Bildung einer kriminellen Vereinigung, wegen schwerer Körperverletzung, Bedrohung, illegalem Waffenbesitz und Steuerhinterziehung. Zuständig für das Verfahren ist die Staatsanwaltschaft Cottbus, das Cottbuser Amtsgericht erließ die Durchsuchungsbeschlüsse. Auf polizeilicher Seite geführt werden die Ermittlungen durch das Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg, Abteilung Staatsschutz. Bis Mittwochmittag gab es keine vorläufigen Festnahmen und keine Haftbefehle.

Gefährliches Netzwerk rund um „Inferno“

Seit Jahren hatte die RUNDSCHAU immer wieder darüber berichtet, dass sich um die rechtsextremistische Hooligan-Gruppe „Inferno“ herum in den Spree-Neiße-Kreis und den Spreewald hinein ein gefährliches Netzwerk von Rechtsextremisten, Kampfsportlern und Türstehern entwickelte. Dazu gehörten auch verschiedene wirtschaftliche Unternehmen.

Mitglieder dieses Milieus betreiben inzwischen zahlreiche Unternehmen, vom Handel mit Szenekleidung, Tattoo-Studios und Wachschutzdiensten bis zum Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln und Veranstaltungsorganisation. Zum Netzwerk gehören auch unauffällige Geschäfte, die Außenstehende nie mit einem rechtsextremistischen Milieu in Verbindung bringen würden.

Ausgehend von Ermittlungen gegen Mitglieder der rechtsextremen Fußballhooligans von „Inferno“, bildete die Cottbuser Polizei vor gut zwei Jahren eine spezielle Ermittlungsgruppe „Flamme“. Darin wurden nicht nur politische Delikte verfolgt, sondern auch allgemeine Kriminalität wie Körperverletzungen und Bedrohungen aus diesem Personenkreis.

Im April 2018 zog die Staatsschutzabteilung des LKA diese Arbeit an sich, da offenbar deutlich geworden war, dass dieses Netz über Cottbus und Umgebung hinausgeht. Eine gefährliche Körperverletzung und Drohungen gegen Journalisten waren Ausgangspunkt der LKA-Arbeit. Was in Cottbus als „Flamme“ begonnen hatte, wurde beim LKÀ in der Ermittlungsgruppe „Feuer“ fortgesetzt. Mit den Durchsuchungen am Mittwochmorgen wurde dieses Verfahren nun öffentlich.

Polizei gibt Donnerstag Details bekannt

Zu Einzelheiten gibt die Polizei am Mittwoch noch keine Auskunft. „Wir waren durchaus erfolgreich“, sagt jedoch Torsten Herbst, Sprecher des Polizeipräsidiums Potsdam. Ergebnisse der Durchsuchungen sollen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Innenministerium in Potsdam präsentiert werden.

Nach RUNDSCHAU-Recherchen gehören zum Kreis der Verdächtigen bekannte Rechtsextremisten, die sowohl „Inferno“ als auch der im Juni 2012 verbotenen Neonazigruppe „Widerstand Südbrandenburg“ angehörten. Im Frühjahr 2017 hatte „Inferno“ sich formal selbst aufgelöst, offenbar um einem Verbot zuvorzukommen. Der Verfassungsschutz schätzte die Gesamtgröße der Gruppe mit Unterstützern auf etwa 100 Personen. Ihnen wurden zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen mit anderen Fußballfans bei Spielen des FC Energie Cottbus, sowie immer wieder Propagandadelikte zugerechnet.

Kurz nach der angeblichen Selbstauflösung gab es erste Hinweise, dass „Inferno“-Anhänger auch durch Einschüchterungen die Fanszene im Cottbuser Stadion unter ihre Kontrolle bringen wollten. Das scheint ihr gelungen zu sein. Seit dem vorigen Herbst hängt nur noch ein Einheitsbanner an der Nordwand des Cottbuser Stadions. Im Internet tauchte eine neue Fanseite auf als „zentrale gruppenübergreifende Plattform“.

Szene ist wirtschaftlich gut vernetzt

Dort werden unter Anderem Videos des rechtslastigen Cottbuser Rappers „Bloody 32“ verbreitet. Als Veranstalter eines im März in Cottbus geplanten Konzertes mit dem Rapper trat nach RUNDSCHAU-Recherchen ein Cottbuser auf, bei dem am Mittwoch ebenfalls die Wohnung durchsucht wurde.

Werner Fahle, Präsident FC Energie Cottbus sagte am Mittwoch: „Dass die Behörden diesbezüglich nun aktiv geworden sind, ist ein gutes Signal. Nun wird sich zeigen, was dabei rauskommt. Verständlicherweise können wir uns zu laufenden Ermittlungsarbeiten der Polizei nicht äußern und besitzen darüber auch keinerlei Kenntnisse.“

Der Kreis der Verdächtigen ist offenbar auch wirtschaftlich gut vernetzt. Allein in Cottbus gibt es etwa ein halbes Dutzend Geschäfte, die von Mitgliedern dieses Milieus betrieben werden. Als Selbständige tätige Wachschützer scheinen dabei eine wichtige Verbindung darzustellen.

Wie dominant und bedrohlich die Szene in der Vergangenheit in Cottbus auftrat, zeigt beispielhaft eine konspirativ gut organisierte, nur Minuten dauernde Aktion in einer Januarnacht 2017. Etwa einhundert schwarz gekleidete Vermummte zogen damals mit Fackeln durch die Spremberger Straße in der Cottbuser Innenstadt. An der Spitze des Zuges trugen sie ein Banner mit der Aufschrift „Verteidigt Cottbus“ und skandierten „Widerstand“. Die Aktion richtete sich gegen die Flüchtlingsaufnahme in Deutschland.

Anhänger des Netzwerkes, gegen das die Polizei am Mittwochmorgen mit den Durchsuchungen massiv vorging, beteiligten sich in den vergangenen Monaten immer wieder auch an den Demonstrationen des mit der AfD eng verbundenen Vereins „Zukunft Heimat“ in Cottbus.

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