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| 17:38 Uhr

Phrasen verboten bei Diskussion am Humboldt-Gymnasium
Was Politiker von Cottbuser Schülern lernen können

 Zwei Moderatoren der Schule, Felix und Eric, führten Heide Schinowsky, Michael Schierack, Matthias Loehr und Martina Münch (von links) durch die Gespräche. Es fehlte der Gast von der AfD.
Zwei Moderatoren der Schule, Felix und Eric, führten Heide Schinowsky, Michael Schierack, Matthias Loehr und Martina Münch (von links) durch die Gespräche. Es fehlte der Gast von der AfD. FOTO: LR / René Wappler
Cottbus. Vier Gäste beantworten im Cottbuser Humboldt-Gymnasium Fragen – und sehen sich gefordert.

Ein Gast gesteht, unter der Politikerkrankheit zu leiden. „Wir können uns oft nicht kurz fassen“, sagt Matthias Loehr zu den Schülern. Sie treffen in der Aula des Cottbuser Humboldt-Gymnasiums auf vier Gäste aus dem Landtag. Zehn Minuten geben ihnen die Zehntklässler, um ihre Position zu einem Thema zu erklären. Kurzfassen als Herausforderung.

Neben Matthias Loehr von der Fraktion der Linken nimmt Kulturministerin Martina Münch von der SPD an der Runde teil, außerdem der CDU-Politiker Michael Schierack und Heide Schinowsky von den Bündnisgrünen. Ein Gast fehlt. Die AfD-Landtagsabgeordnete Birgit Bessin hatte sich am Mittwochmorgen abgemeldet. Das berichten die Moderatoren Felix und Eric.

Eine Gruppe von Jugendlichen befragt die Politiker, ob sie Schulen mit Tablet-Computern statt Lehrbüchern ausstatten würden. Ministerin Münch spricht sich zwar für moderne Technik aus. Doch einem radikalen Bruch mit herkömmlichen Medien steht sie skeptisch gegenüber. „Durch die Digitalisierung wird auch eine Reihe von Arbeitsplätzen wegfallen“, befürchtet sie. Allerdings sei es nötig, jede Schule mit einem Wlan-Netz auszustatten, das auch funktioniert.

Von einer Gruppe zur nächsten wechseln die Gäste aus der Politik, mal an diesen Tisch, mal in jenes Klassenzimmer. Über den Abschied von der Braunkohle sprechen sie mit den Schülern, über ein Kopftuchverbot, über kostenlosen Personennahverkehr und die Frage, ob das Abitur in allen Bundesländern gleich sein soll.

Der 15-jährige Dale sagt: „Wir haben uns ziemlich lange auf diesen Nachmittag vorbereitet, Argumente gesammelt und Themen recherchiert.“ Seine Gruppe verwickelt die Gäste in ein Gespräch über die Energiewende. Das Fazit lautet: Der Umzug von Landesbehörden in die Lausitz könne nur ein kleiner Baustein sein, aber nicht den drohenden Wegfall von Arbeitsplätzen ausgleichen.

Zwischendurch redet Schulleiter Jürgen Wagner den Jugendlichen ins Gewissen. „Ihr lest keine Zeitung mehr“, sagt er. „Deshalb könnt Ihr nicht fundiert genug über den Strukturwandel debattieren.“ In die Runde fragt er: „Was ist Lernen?“

Ein Schüler antwortet: „Sich eine Sache einzuprägen.“ Der Schulleiter schüttelt den Kopf. „Das ist Wissen, nicht Lernen.“

Ein anderer Schüler meldet sich: „Sich neue Zusammenhänge zu erschließen.“

Bedächtig nickt Jürgen Wagner. „Das ist schon besser. Lernen ist bewusstes Ändern des Verhaltens, und deshalb geht es über reines Wissen hinaus.“

Das erfahren an diesem Nachmittag auch die Gäste. Der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Schierack sagt: „Ihr habt mich ziemlich gefordert, meine Argumente darauf zu überprüfen, ob sie mehr sind als nur dieses Politikersprech.“

Heide Schinowsky von den Bündnisgrünen denkt darüber nach, ob Politiker überhaupt noch mitkriegen, wofür sich junge Leute interessieren. Diese Frage haben ihr die Schüler im Gespräch über die Energiewende gestellt. „Wir sind heutzutage nur noch eine E-Mail von euch entfernt“, sagt sie. „Die Chance solltet ihr nutzen.“

Ganz nebenbei erfahren die Schüler, wie schwierig es ist, politische Positionen in aller Kürze zusammenzufassen. Zunächst stellen sie fest, das Ausrüsten der Schulen mit Tablet-Computern sei bei allen Gästen auf ein „klares Jein“ gestoßen.

Da ruft Michael Schierack in die Aula: „Ich habe ja gesagt!“

Das nächste Missverständnis bahnt sich an. Die Schüler wollen festhalten, dass die Politiker im Saal für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr plädieren.

Nun protestieren die Besucher ebenfalls. Kostenloser Nahverkehr für Schüler, das sei präzise.

Trotz oder gar wegen der kleinen Missverständnisse sagen die Gäste, die Gesprächsrunde mit den Schülern habe ihnen gefallen. Ministerin Münch sagt: „Vielleicht waren die Themen ein bisschen sperrig, aber ich würde mir wünschen, dass alle Diskussionen so offen verlaufen.“

Politiker sind eben auch nur Menschen. Das gibt der linke Landtagsabgeordnete Matthias Loehr zu bedenken. „Wir sollen vertreten, was ihr euch wünscht“, sagt er zu den Schülern. „Und das geht nur im Dialog.“

Korrektur: in einer früheren Version dieses Beitrags wurde Michael Schierack als CDU-Landesvorsitzender bezeichnet. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.