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| 19:15 Uhr

Podiumsdiskussion zu Journalismus in Cottbus
Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Medien

Kritik am Journalismus: Viele Teilnehmer aus dem Publikum stellen die Arbeit der Medien infrage und äußern Verbesserungswünsche.
Kritik am Journalismus: Viele Teilnehmer aus dem Publikum stellen die Arbeit der Medien infrage und äußern Verbesserungswünsche. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Zu viel eigene Meinung, zu wenig Recherche und oft nur die halbe Wahrheit verbreitet: Aus dem Publikum erfahren Journalisten bei einer Diskussion im Medienhaus der Lausitzer Rundschau vielstimmige Kritik – und Wünsche zur künftigen Berichterstattung. Von Christian Taubert

Kann man Medien noch trauen? Das ist das Thema, zu dem die Landespressekonferenz Brandenburg am Donnerstagabend in das LR-Medienhaus nach Cottbus eingeladen hat, Gastgeber ist also die RUNDSCHAU. Das Forum ist voll besetzt, und aus geplanten eineinhalb Stunden Podiumsdiskussion werden schnell zwei Stunden. Kein Wunder, denn die Journalisten auf dem Podium kommen mit Lesern, Hörern und Fernsehzuschauern zum „Lügenpresse“-Vorwurf ins Gespräch. Und sie schlagen den Bogen weiter zur Vertrauensfrage.

Die bleibt letztlich unbeantwortet. Vielleicht gelingt dies bei einer von LR-Chefredakteur Oliver Haustein-Teßmer angekündigten Fortsetzung dieser Debatte. Bis dahin stehen Vorwürfe im Raum, die von den fast 100 Gästen im Forum nicht selten mit Beifall bedacht werden. So, als ein lebenserfahrener Leser den Begriff „Lügenpresse“ zwar als ungerechtfertigt bezeichnet, zugleich aber hinzufügt: „Die Medien neigen dazu, eigene Meinungen in Nachrichten unterzubringen. Etwa: Die Russen sind böse.“

Landespressekonferenz-Chef Benjamin Lassiwe: Warum Journalisten ‚vermutlich’ schreiben

Für den Vorsitzenden der Landespressekonferenz, Benjamin Lassiwe, der als freier Journalist für die LR schreibt, ist wie für seine Kollegen klar, dass Meinung in den Kommentar gehört. Er widerspricht allerdings der Auffassung eines weiteren Fragestellers. Der meint, dass Vermutungen wie einst im Fall Skripal nichts in der Berichterstattung zu suchen hätten.

Sergej Skripal, das ist der in England lebende, frühere russische Doppelagent, der im Frühjahr 2018 zusammen mit seiner Tochter mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde. Das Gift war in der Sowjetunion als Bio-Kampfstoff entwickelt worden. Skripal und Tochter haben überlebt. Die britische Regierung verdächtigt russische Geheimagenten der Tat, die russische Regierung weist diesen Vorwurf zurück. Wer das Gift gegen Skripal einsetzte, ist bis heute unklar.

Medien schreiben deshalb von einem mutmaßlichen Anschlag oder vermutlichen Tätern. Lassiwe sagt: „Wenn Ihnen aufgefallen ist, dass der Begriff ‚vermutlich’ verwendet wurde, dann hat der Bericht seinen Sinn erfüllt.“

ZDF-Journalistin Bettina Warken setzt auf Dialog mit Zuschauern

Bettina Warken, die Leiterin des Landesstudios Brandenburg des ZDF, nimmt Kritik zur Widerspiegelung der Besetzung des Hambacher Forstes in Nordrhein-Westfalen durch Demonstranten, die gegen die Abholzung für den Neuaufschluss eines Tagebaus protestieren, auf. „Da werden Gewalttäter, die Polizisten bedrohen, als Aktivisten bezeichnet“, sagt ein ehemaliger Lausitzer Bergmann. Verschwiegen werde, dass Bergbautreibende in Anspruch genommene Landschaften wieder herstellen müssen und ohnehin nur Kraftwerke betrieben werden dürften, wenn Grenzwerte eingehalten werden.

ZDF-Studioleiterin Warken sagt, „dass es eine Tendenz in Deutschland gibt, sich bei Konflikten auf die Seite der Opposition, der Rebellen zu stellen“. Dialoge wie dieser im LR-Medienhaus würden aber dazu beitragen, dass Kritik von Zuschauern in die Abstimmungsrunden mit ZDF-Kollegen getragen werden.

Für Anwürfe aus dem Publikum gegenüber dem ZDF, die Berichterstattung rund um die Vorkommnisse in Chemnitz sei einseitig, äußert Bettina Wanken dagegen kein Verständnis. Ein versierter Journalistenkollege von vor Ort habe in kurzer Zeit zwölf Beiträge mit unterschiedlichen Facetten recherchiert und gesendet.

In Chemnitz wurde ein 35-Jähriger mit Messerstichen umgebracht, verdächtigt werden drei Asylbewerber, die vermutlich aus Syrien und dem Irak stammen. Nach der Tat waren Ende August zunächst rechte Demonstranten auf die Straße gegangen. Dabei zeigten Teilnehmer den Hitlergruß und jagten Ausländer, griffen Journalisten und Polizisten an. Es folgten ausländerfeindliche Proteste und Gegendemonstrationen sowie Trauerkundgebungen. Medien wie das ZDF, der RBB und die LR haben das Thema mehrmals aufgegriffen.

RBB-Redaktionsleiter Andreas Rausch: Gegenrecherche wichtig

Eine junge Frau schickt ihrer Frage das geflügelte Wort voraus, dass „die Lüge dreimal um die Welt ist, bevor die Wahrheit die Schuhe angezogen hat“. Sie fragt, wie Social Media, also Internetdienste wie Facebook und Twitter, die Presselandschaft beeinflussen. Im Podium herrscht Übereinstimmung, dass Falschnachrichten nicht zu verhindern seien. Der Redaktionsleiter im RBB-Studio Cottbus, Andreas Rausch, sagt, dass Journalisten einerseits gegenrecherchieren müssten. Andererseits habe es noch nie ein so schnelles Feedback auf Sendungen und Veröffentlichungen gegeben wie dies heute durch soziale Netzwerke möglich wird. Rausch: „Das ist auch eine Bereicherung.“

Social Media links liegen lassen, das funktioniere nicht, sagt die Moderatorin des Abends, Vanja Budde, Landeskorrespondentin des Deutschlandfunks in Brandenburg. Zum Beispiel der twitternde Donald Trump: „Den US-Präsidenten kann man nicht ignorieren.“

Oliver Haustein-Teßmer versucht immer wieder klarzustellen und zu erklären, wie Lokaljournalisten arbeiten. Ein Peitzer Leser wirft ihm vor, „dass die halbe Wahrheit auch eine Lüge ist“. Er erläutert seine Kritik: In der LR würde stets nur von der „Kohle-Kommission“ in Berlin berichtet, die ein Kohleausstiegsdatum vorlegen solle. Dabei sei dies die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, und es gehe um viel mehr als das Ausstiegsdatum.

Haustein-Teßmer sagt, ihn verwundere, dass dieser Eindruck entstanden sei, obwohl die LR seit Jahren darüber berichte, dass zur Energiewende die Strukturentwicklung, verbunden mit der Schaffung adäquater Industriearbeitsplätze gehöre. In den Zeitungsartikeln sei auch darauf verwiesen worden, wofür die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung zuständig sei. Der Chefredakteur gibt zu, dass nicht an jedem Tag alles berichtet werden könne. Aber es komme immer wieder ein neuer Aspekt hinzu.

Was sich das Publikum in Cottbus von Journalisten wünscht

Bei der Debatte gerät die von der LR angebotene Druckereiführung mit Andruck der aktuellen RUNDSCHAU zunächst ins Hintertreffen. Denn wichtig ist den Besuchern im LR-Forum, den Journalisten Wünsche mit auf den Weg zu geben: mehr kritische Lokalberichte, Trennung von Meinung und Nachricht in Berichten und keine manipulative Sprache. Ein Leser sagt zum Schluss, das sei wichtig, „damit der Riss durch die Gesellschaft wieder geschlossen wird“.

Auf dem Podium: Moderatorin Vanja Budde (M., Deutschlandfunk) diskutiert mit Oliver Haustein-Teßmer (LR), Benjamin Lassiwe (Landespressekonferenz Brandenburg), Andreas Rausch (RBB Cottbus) und Bettina Warken (ZDF, v. l.).
Auf dem Podium: Moderatorin Vanja Budde (M., Deutschlandfunk) diskutiert mit Oliver Haustein-Teßmer (LR), Benjamin Lassiwe (Landespressekonferenz Brandenburg), Andreas Rausch (RBB Cottbus) und Bettina Warken (ZDF, v. l.). FOTO: Frank Hammerschmidt