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| 19:27 Uhr

Cottbus
Astronomie zwischen gestern und heute

Gerd Thiele steht vor einem Regal mit Einzel- und Ersatzteilen der alten DDR-Schulfernrohre. Er schwört auf die robuste Technik.
Gerd Thiele steht vor einem Regal mit Einzel- und Ersatzteilen der alten DDR-Schulfernrohre. Er schwört auf die robuste Technik. FOTO: Peggy Kompalla
Cottbus. Vom einstigen Unterricht in der DDR ist wenig übrig geblieben. Cottbus hat mit seinem Planetarium großes Glück. Von Peggy Kompalla

Bis zum Jahr 1990 war Astronomie in Cottbus in der Schule ein Pflichtfach. Es wurde zu DDR-Zeiten in der zehnten Klasse gelehrt und ergänzte den Mathematik- und Physik­unterricht. Manche Schulen – wie die in der Gartenstraße – waren sogar mit einer Sternwarte ausgestattet, wo die Schüler und Lehrer den Sternenhimmel mit einem Fernrohr erkunden konnten. Doch diese besondere Ausstattung bleibt seit Jahrzehnten ungenutzt. Astronomie-Unterricht gibt es nicht mehr, die alten Lehrer sterben aus und damit ihr Wissen. Trotzdem hat Cottbus großes Glück – mit dem Raumflugplanetarium Juri Gagarin. Das 1974 eröffnete Haus wurde vor fünf Jahren für 1,7 Millionen Euro modernisiert. Der Verein Planetarium Cottbus führt es nun schon seit zehn Jahren in Eigenregie.

Planetariumsleiter Gerd Thiele bedauert, dass es heute keinen Astronomie-Unterricht mehr in der Schule gibt. „Im Allgemeinen gibt es wenig Kenntnisse. Dabei ist die Astronomie eine der ältesten Wissenschaften der Welt. Schon in der Antike haben sich die Menschen damit beschäftigt“, sagt der ehemalige Lehrer. Er wird kurz philosophisch: „Astronomie ist mehr als das Erkunden des Sternenhimmels. Astronomie kann die Fragen beantworten, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir uns hin­entwickeln.“

Gerd Thiele erlebt es immer wieder, dass die Menschen ihr mangelndes Wissen beklagen. „Umso wichtiger ist unser Planetarium“, sagt er. „Wir können den Astronomie-Unterricht nicht ersetzen. Aber wir leisten einen Beitrag, dass sich die Leute dafür interessieren und bilden.“ Dabei dürfe der Spaß nicht zu kurz kommen. „Als Lehrer war es für mich immer die größte Genugtuung, wenn die Schüler im Mathe-Unterricht gelacht haben.“ Das Cottbuser Planetarium bietet eine erstaunliche Programm-Bandbreite. Sie umfasst zwölf Shows für Kinder, 13 für Erwachsene und sieben reine Musik-Programme. Dazu kommen monatlich zwei Shows zum aktuellen Sternenhimmel. Auf die polnischen Gäste ist das Haus mit jeweils vier Kinder- und Erwachsenenprogrammen auf Polnisch eingestellt. Diese Vielfalt ist einmalig im Land Brandenburg.

Gerd Thiele erzählt, dass er im Jahr 1974 zu den ersten Schülern gehörte, die in den Genuss des damals neuen Planetariums kamen. „Wir fanden das toll. Aber richtig würdigen konnten wir es damals nicht.“ Mit dem Beginn der Raumfahrt in den 60er-Jahren rückten die Sterne ins Interesse der Menschen. Das löste einen wahren Astronomie-Boom aus. Schulplanetarien entstanden in Herzberg und Hoyerswerda. Sie sind immer noch in Betrieb und bieten im kleinen Rahmen auch öffentliche Veranstaltungen an. Das Planetarium in Senftenberg wurde dagegen geschlossen.

Die Sternwarte auf dem Schuldach in der Gartenstraße ist theoretisch noch funktionstüchtig. Das Fernrohr – ein Coudé-Refraktor mit dem Baujahr 1969/70 – befindet sich noch immer in der Kuppel. Anja Zimmermann vom Fachbereich Immobilien im Rathaus erklärt: „Seit dem Auszug des Pückler-Gymnasiums wurde das Fernrohr nicht mehr genutzt. Das Gerät befindet sich seither im Dornröschen-Schlaf.“

Eine Nutzung ist auch aus Sicht von Planetariumschef Thiele unrealistisch: „Dafür haben wir nicht die Kapazität.“ Das Haus ist nicht öffentlich zugänglich. Außerdem ist die Lage ein Problem. „Wir bräuchten ein Fernrohr in der Nähe des Planetariums“, sagt Thiele. Deshalb habe der Verein Abstand von der Idee genommen, die Verantwortung für das Fernrohr zu übernehmen. Ein bisschen fühlt sich Gerd Thiele dem Gerät verpflichtet: „Alle mobilen Teile des Refraktors wie Okulare lagern hier bei uns, damit sie nicht verloren gehen.“

Wie zuverlässig die DDR-Ausstattung für den Astronomie-Unterricht war, zeigen die mobilen Fernrohre. „Wir haben mehrere Geräte aus den Schulen gesammelt und nutzen sie für unsere Veranstaltungen“, verrät der Planetariumsleiter. So lebt ein kleiner Teil des alten Astronomie-Unterrichts heute weiter.

Dieser Schrank ist das moderne Planetarium. Von diesem Schaltschrank aus werden der Sternen- und die Ganzkuppelprojektoren gesteuert.
Dieser Schrank ist das moderne Planetarium. Von diesem Schaltschrank aus werden der Sternen- und die Ganzkuppelprojektoren gesteuert. FOTO: Peggy Kompalla
Der Coudé-Refraktor mit dem Baujahr 1969/70 befindet sich noch in der Kuppel auf dem Schuldach der Gartenstraße.
Der Coudé-Refraktor mit dem Baujahr 1969/70 befindet sich noch in der Kuppel auf dem Schuldach der Gartenstraße. FOTO: Peggy Kompalla
Die Kuppel der Sternwarte in der Gartenstraße wurde in den 90er-Jahren noch einmal saniert.
Die Kuppel der Sternwarte in der Gartenstraße wurde in den 90er-Jahren noch einmal saniert. FOTO: Peggy Kompalla