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| 18:52 Uhr

Umstrittene neue Regel
Fachleute befürchten ein großes Schilder-Wirrwarr

  Oben im Bild ist das aktuelle Schild am Ortseingang von Groß Döbbern zu sehen. Künftig wäre es wie in der Montage gestaltet, die sich darunter befindet. Die Zahl der Buchstaben würde um das Doppelte steigen.
Oben im Bild ist das aktuelle Schild am Ortseingang von Groß Döbbern zu sehen. Künftig wäre es wie in der Montage gestaltet, die sich darunter befindet. Die Zahl der Buchstaben würde um das Doppelte steigen. FOTO: LR Medienverlag / René Wappler
Cottbus/Potsdam. Der Erlass eines Ministeriums besagt, dass Verkehrszeichen in Cottbus und anderen Orten des sorbischen Gebiets künftig zweisprachig gestaltet werden. Dagegen regen sich Bedenken. Von René Wappler

Mehr als 130 Buchstaben passen auf ein Straßenschild. Den Beleg dafür liefert ein Erlass, der Cottbus, den Spree-Neiße-Kreis und andere Orte in sorbischen Siedlungsgebieten in die Pflicht nimmt. Er stammt vom Infrastrukturministerium des Landes Brandenburg. Demnach bekommen neue Straßenschilder und Wegweiser den zweisprachigen Gemeindenamen „in einheitlicher Schriftgröße“. Diese Regel sei „zwingend zu übernehmen“, heißt es im Erlass, der aus dem Jahr 2014 stammt. Mitarbeiter der betroffenen Behörden äußern intern Bedenken. Denn sie befürchten, dass sich Touristen künftig nicht mehr zurechtfinden.

Schon jetzt erhalten die Besucher von Groß Döbbern vier Informationen auf einen Schlag, wenn sie den Ortseingang passieren. Auf dem Schild im tauenden Schnee steht der Name des Ortes samt Zusatz „Pücklerdorf“, ergänzt vom Hinweis, dass das Dorf in der Gemeinde Neuhausen/Spree liegt, die sich wiederum im Landkreis Spree-Neiße befindet. Dank dieser Informationen finden sich insgesamt 63 Buchstaben auf dem Schild.

Falls es abhandenkommt oder Schaden nimmt, muss ein Ersatz her – mit mindestens doppelt so vielen Buchstaben. Für diesen Fall existiert bereits ein Musterbeispiel bei der Verwaltung des Spree-Neiße-Kreises. Es zeigt, welche Folgen der Erlass des Ministeriums in der Praxis nach sich zieht. Das neue Schild beinhaltet dann alle bisherigen Informationen, allerdings in deutscher und niedersorbischer Sprache.

Manche Mitarbeiter der zuständigen Behörden fürchten, dass der Erlass des Ministeriums vor allem Touristen aus fremden Ländern überfordern könnte. Darüber hinaus geben sie zu bedenken: Auf viele neue Hinweisschilder würden dann die bisherigen Angaben zu den Reisezielen nicht mehr passen oder unübersichtlich werden. So schreiben bundesweit geltende Richtlinien vor, welche Schriftgrößen für Wegweiser gelten.

Das Regelwerk heißt offiziell RWB 2000 – oder auch RWBA 2000 für die Autobahnen. Demnach hängt die Schriftgröße vom zulässigen Tempo für Autofahrer ab. Ein Beispiel aus dem umfangreichen Katalog: Innerhalb geschlossener Ortschaften gilt bei 50 km/h eine Schrifthöhe von 126 Millimetern. Bei einem zulässigen Tempo von 100 km/h beträgt die vorgeschriebene Schrifthöhe wiederum 175 Millimeter. Ein Bericht der Landesregierung vom November 2017 merkt dazu an: „Bei der wegweisenden Beschilderung auf Autobahnen ist die zweisprachige Gemeindebezeichnung in Engschrift auszuführen, wenn andernfalls Vorgaben der RWBA 2000 nicht eingehalten werden können.“

Öffentlich halten sich die Mitarbeiter der Behörden mit ihrer Kritik zurück. Sie sehen die Gefahr, sonst mit ihren Dienstherren in einen Konflikt zu geraten, den sie lieber vermeiden würden. Dem Pressesprecher des brandenburgischen Infrastrukturministeriums ist von Kritik nach eigener Aussage nichts bekannt. Steffen Streu bestätigt jedoch, dass der Erlass zu den Verkehrszeichen für 47 Ortschaften im Bundesland gilt. „Einige Schilder wurden bereits ausgetauscht“, sagt er.

Das bekräftigt die Pressesprecherin des Spree-Neiße-Kreises, Silvia Friese. „In Hornow und Wadelsdorf stehen schon neue Schilder am Ortseingang“, erläutert sie. „Sie wurden wegen der Eingemeindung beider Orte nach Spremberg ausgetauscht, weil die früheren Bezeichnungen damit sowieso ihre Aktualität verloren hatten.“ Hornow und Wadelsdorf zählen seit Januar 2015 zu den Ortsteilen der Stadt. Vorher gehörten sie zum Amt Döbern-Land.

Der Bericht der Landesregierung weist darauf hin, dass in öffentlichen Gebäuden und Verwaltungen die zweisprachige Regel schon „relativ weit verbreitet“ ist. Als Beispiele nennt er das Cottbuser Rathaus und die Verwaltung des Spree-Neiße-Kreises. Als „besonders öffentlichkeitswirksam“ habe sich darüber hinaus die zweisprachige Tafel samt Wegweisern beim Neubau des Landtags in Potsdam erwiesen.

Einen kleinen Spielraum gibt der Erlass für die neuen Schilder. „Die vorgeschriebene Größe der Ortstafel kann bis zu 15 Prozent überschritten werden“, heißt es darin. „Zulässige, aber nicht zwingende Zusätze“ seien verkleinert darzustellen.