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| 02:33 Uhr

Plädoyer für Sanierung statt Abriss

Daniel Fuhrhop (Mitte) im Gespräch mit Dr. Lars Scharnholz und Heidi Pinkepank.
Daniel Fuhrhop (Mitte) im Gespräch mit Dr. Lars Scharnholz und Heidi Pinkepank. FOTO: Elsner
Cottbus. "Verbietet das Bauen!" fordert Daniel Fuhrhop provokant mit seinem gleichnamigen Buch. Der Autor, selbst Architekt und über Jahre Verleger einer Architekturführer-Reihe, will, dass erst einmal die Möglichkeiten zur Nutzung bestehender Immobilien erforscht werden, bevor überhaupt an Neubau gedacht wird. Ulrike Elsner

Seine innovativen Ideen zielen darauf, Altbauten zu erhalten, Leerstand zu beseitigen und Städte neu zu beleben. Grund genug für das Institut für Neue Industriekultur (INIK), den Autor zum Cottbuser Bücherfrühling in die Stadt- und Regionalbibliothek einzuladen. Der damit verbundene Wunsch, eine Debattenkultur vor Ort zu fördern, blieb aber vorerst unerfüllt. Warum anders als sonst im Bücherfrühling keine rechte Diskussion zustande kam, bleibt ein Rätsel. Nachwirkungen sind allerdings nicht ausgeschlossen.

Selbst die Gesprächsleiter vom INIK zeigten sich am Montagabend ein wenig irritiert angesichts der Radikalität des Kritikers ausufernder Neubauprojekte. Bauen sei doch "eine Grundkonstante menschlichen Seins", gab Heidi Pinkepank zu bedenken. "Das ist, als würde man das Gärtnern verbieten." Auch mit cleverem Umbau sei es möglich, unserer Zeit Ausdruck zu verleihen, entgegnete Fuhrhop. "Gute Neubauten sind Teil unserer Kultur", wandte Dr. Lars Scharnholz ein. Der Gast blieb dabei: "Es ist Zeit für ein Umdenken."

Und das belegte er mit einem faktenreichen und pointierten Vortrag. Oftmals falle die Entscheidung für Abriss und Neubau, weil Neubauten und erst recht Passivhäuser mit einer besseren Energiebilanz punkten. Doch das sei ein Trugschluss. Daniel Fuhrhop: "Die Energiebilanz spricht umso deutlicher für eine Sanierung, desto mehr Aspekte sie berücksichtigt, die andernorts oft vergessen werden. Häufig schaut man nämlich nur auf den Betrieb eines Gebäudes, vor allem auf seinen Verbrauch an Heizenergie." Doch die Bilanz ändere sich, wenn die Energie berücksichtigt wird, die Abreißen und Neubauen kosten. Wenn dann das Haus noch im Grünen entsteht, sind Bewohner häufig gezwungen, aufs Auto umzusteigen. Vielleicht muss sogar noch für ein zweites Auto angeschafft werden. Daniel Fuhrhops Fazit lautet: "Sanierung verbraucht weniger Energie als Abriss und Neubau, sogar weniger als ein Passivhaus."

Um dem zunehmenden Verbrauch von Äckern und Wäldern zu entgehen, und angesichts steigender Zahlen von Singlehaushalten plädierte der Autor für gemeinschaftliche Wohnformen, die Beseitigung von Leerstand sowie die Umnutzung leer stehender Büros und Läden.

Nach einem Rundgang durch Cottbus nach seinen Eindrücken befragt, schwärmte der Gast von den "wunderbaren Häusern aus der Zeit der Jahrhundertwende", gemeint sind die Jahre um 1900. Die Stadt verfüge über "unheimlich viele Perlen aus langer Geschichte, die meist sehr gut in Schuss sind." Kritisch vermerkte er das Verschwinden von Mosaiken aus der DDR-Zeit. "Das ist Baukunst, das sind Schätze."

Auch zur aktuellen Diskussion um die geplanten Sonderabschreibungen für den Neubau von Mietwohnungen hat der Autor etwas beizutragen. Er fragt: "Könnten wir nicht einen Teil des Geldes in Wiederbelebungsprogramme einiger Modellstädte investieren?"