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| 16:01 Uhr

Gesundheit für Kind und Eltern
Hände befreien Babys vom Schmerz

 Franziska Hensel (links) besucht die Physiotherapie im Gesundheitszentrum der Reha Vita mit ihrem einjährigen Sohn Johann. Dort arbeiten Diane Brandl (2.v.l.), Irina Kabelitz und Stephanie Schöne (rechts).
Franziska Hensel (links) besucht die Physiotherapie im Gesundheitszentrum der Reha Vita mit ihrem einjährigen Sohn Johann. Dort arbeiten Diane Brandl (2.v.l.), Irina Kabelitz und Stephanie Schöne (rechts). FOTO: LR / René Wappler
Cottbus. Eine Physiotherapeutin für Neugeborene aus Cottbus berichtet von ihrem Beruf als emotionalem Drahtseilakt. Von Rene Wappler

Eine wachsende Zahl von Kleinkindern wird mit Physiotherapie behandelt. Eine Fachfrau aus Cottbus berichtet von den Herausforderungen und Freuden dieser Arbeit.

Stephanie Schöne kann zwei Stunden lang singen, ohne ein Lied zu wiederholen. Dieses Talent hilft ihr in ihrem Beruf. Als Physiotherapeutin kümmert sie sich um Kleinkinder.

Der einjährige Johann krabbelt durch die Spiellandschaft im neuen Gesundheitszentrums der Reha Vita. Seine Eltern hocken neben ihm. Stephanie Schöne begrüßt die Familie.

Gesang beruhigt die Kinder

Wenn sie arbeitet, beruhigt ihr Gesang die Kinder. Sie therapiert Neugeborene mit Blockaden, mit Trisomie 21 oder einem Klumpfuß. 30 Minuten dauert eine Einheit. Eine halbe Stunde voller emotionaler Drahtseilakte, wie die Therapeutin sagt.

Da sind die Eltern, die oft extrem besorgt sind um ihr Kind. Zu ihnen muss Stephanie Schöne eine Bindung herstellen, damit sie ihr vertrauen. „Ich fange sie mit ihren Ängsten auf, so dass sie lernen, mit dem jeweiligen Problem umzugehen.“ Zugleich führen das Internet und die wachsende Vielfalt an Informationen nach ihren Worten zu höheren Ansprüchen von Eltern, wenn es um die Gesundheit ihrer Kinder geht.

Der zweite Drahtseilakt äußert sich in der Tatsache, dass die Therapeutin das Kind anders als einen Erwachsenen nicht fragen kann, wo es ihm weh tut. Also bleibt ihr nur die Chance, es genau zu beobachten und die Problemzonen zu ertasten. Die liegen im Körper oft an anderer Stelle als dem Ort, an dem sich der Schmerz äußert.

Erleichterte Eltern

Die dritte Herausforderung besteht darin, dass Säuglinge „verdammt viele Gründe haben zu schreien“, wie Stephanie Schöne sagt. „Da muss noch gar keine Therapie stattgefunden haben.“ Mitunter gelingt es ihr, die Kinder zu behandeln, während sie schlafen. Es kann auch vorkommen, dass sie bei einem schreienden Kind eine Blockade löst und es daraufhin entspannt wegdöst. Das sind die Momente, in denen sich die Eltern erleichtert zeigen. Oder auch, wenn ihr Kind zunächst nicht krabbeln kann, aber nach einer bis zwei Behandlungen plötzlich seinem natürlichen Bewegungsdrang folgt.

Das Robert-Koch-Institut nimmt regelmäßig eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vor. Dabei beleuchten die Fachleute auch langfristige Trends. Für die vergangenen zehn Jahre zeigt sich demnach ein deutlicher Zuwachs an Kindern und Jugendlichen, die mit Physiotherapie behandelt werden. Im Alter bis zu zwei Jahren kommen ungefähr elf Prozent der Kinder damit in Berührung, vor allem aufgrund von Diagnosen wie Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen. Bei Dreijährigen bis Siebenjährigen sinkt der Anteil deutlich, um im  weiteren Verlauf wieder anzusteigen.

Am Tag behandelt Stephanie Schöne im Durchschnitt 15 Kinder. Sie sagt, die Arbeit habe bei ihr zu einer „latenten Schwerhörigkeit“ geführt. Außerdem falle es ihr schwer, in der Freizeit zu vergessen, was sie in ihrem Beruf gelernt hat. So ertappe sie sich regelmäßig dabei, dass sie beobachtet, wie sich Freunde und Bekannte bewegen. Daraus ziehe sie dann die typischen Rückschlüsse einer Therapeutin. „Ich kann ganz schlecht nicht analysieren“, bekennt sie.

Operationen abgewendet

Zur Säuglingstherapie fand sie über ihren Sohn, der mit einem Klumpfuß zur Welt kam. „Ich kannte damals niemanden, der sich professionell um so etwas kümmerte“, erklärt Stephanie Schöne. „Also nahm ich es mir selbst vor, und über die Fußtherapie kam ich nach und nach zu anderen Körperregionen.“ Manchmal sei es ihr gelungen, Operationen abzuwenden, beispielsweise bei Nabelbrüchen.

Einen entscheidenden Vorteil weisen Neugeborene gegenüber Erwachsenen auf, wie die Physiotherapeutin zu bedenken gibt. Sie kennen noch keine chronischen Schmerzen, weshalb der Heilungsprozess oft einfacher verläuft. Allerdings könnten ältere Menschen dazu beitragen, sich ebenfalls so lange wie möglich jung zu fühlen. Dazu zähle ein Training von Kraft und Ausdauer, das mindestens zwei Mal in der Woche stattfindet. Darüber hinaus rät Stephanie Schöne erwachsenen Patienten, sich so oft wie möglich auf eine Weise zu bewegen, die dem Krabbeln der Säuglinge verwandt ist. „Das Klettern fordert den Körper auf ganz ähnliche Weise heraus“, sagt sie.

 Regelmäßig nimmt das Robert-Koch-Institut eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen vor, die sich auch der Physiotherapie widmet.
Regelmäßig nimmt das Robert-Koch-Institut eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen vor, die sich auch der Physiotherapie widmet. FOTO: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert