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| 14:20 Uhr

Ambulante Dienstleister dürfen in Brandenburg nicht ausbilden
Pflege-Notstand erzeugt Frust in der Lausitz

Der Bedarf an häuslicher Pflege nimmt auch in der Lausitz zu. Cottbus ist noch gut versorgt. Im ländlichen Raum müssen ambulante Dienste bereits Patienten abweisen.
Der Bedarf an häuslicher Pflege nimmt auch in der Lausitz zu. Cottbus ist noch gut versorgt. Im ländlichen Raum müssen ambulante Dienste bereits Patienten abweisen. FOTO: Oliver Berg / dpa
Cottbus. Pflegefall Lausitz: Cottbuser Hauskrankenpflege beklagt den Mangel an Fachkräften. Akute Probleme in der ambulanten Versorgung der Patienten sind auch politisch hausgemacht. Von Kathleen Weser

Eine seltsame Mischung aus spürbarer Liebe zum Pflegeberuf und gewaltigem Frust ist Anja und Danilo Illing anzumerken. Seit mehr als 20 Jahren führt das Paar einen ambulanten Pflegedienst, die Cottbuser Hauskrankenpflege, unter immer schwierigeren Bedingungen.

„Es sind die schönen Momente mit unseren Patienten, die uns immer wieder Kraft geben“, sagt Inhaberin Anja Illing. „Dass die Pflege einfach keine Lobby hat“, sorgt bei Danilo Illing für Unmut. Bis zu 160 Patienten betreut das Unternehmen mit etwa 30 Mitarbeitern in der Stadt. Fachkräfte sucht das Unternehmerpaar händeringend.

„Bildung und Qualifikation sind im Bereich der Pflege stark zurückgefahren worden“, erklärt er. Ambulante Dienstleister dürften in Brandenburg nicht selbst ausbilden. Dafür fehle der erforderliche Rahmenvertrag zwischen dem Land und dem Berufsverband mit immerhin mehr als 300 Mitgliedern.

Sechs berufliche Quereinsteiger hat die Cottbuser Hauskrankenpflege gewinnen und qualifizieren können. In einem Kraftakt. Nicht einmal die erforderlichen Prüfungen können in Brandenburg abgelegt werden. Dafür muss man bis nach Sachsen reisen. „Wir würden gern sofort weitere fünf Pflegefachkräfte einstellen“, sagt Danilo Illing, der Geschäftsführer des Unternehmens. Aber das werde wohl ein unerfüllter Wunsch bleiben.

Das stellt er auch mit Blick auf das Pflegeversprechen im Koalitionsvertrag der nunmehr besiegelten neuen Bundesregierung der Unionsparteien und Sozialdemokraten fest. Deren Plan für Abhilfe beim Pflege-Notstand gehe völlig an der Realität vorbei. 8000 Pflegekräfte im Sofortprogramm bundesweit: „Woher sollen die plötzlich kommen“, fragt sich Danilo Illing. Zudem werden neue Investitionen in Pflegeheime angekündigt. Der Bedarf aber liege im häuslichen Bereich.

Im Bundesdurchschnitt sind 3,5 Prozent der Bevölkerung pflegebedürftig, in Brandenburg 4,5 Prozent. Die Tendenz: steigend. Und mehr als 70 Prozent der Betroffenen werden ambulant versorgt. Seit dem Jahr 2005 sind in der stationären Pflege 35 Prozent mehr Plätze geschaffen worden. „Den ambulanten Bereich hat die Politik völlig vergessen“, stellt dazu auch Andreas Berger-Winkler, der Sprecher des Regionalverbandes Südbrandenburg der Johanniter, fest.

Die akute Fachkräfte-Not in der häuslichen Pflege ist auch in Cottbus spürbar. „Vor Feiertagen mussten wir leider Patienten abweisen“, bestätigt Anja Illing. Im ländlichen Raum ist das inzwischen schon die Regel. Dabei ist Cottbus im Vergleich zum ländlichen Umfeld noch sehr gut versorgt. Das schätzt Delia Klementz, Sozialberaterin des Pfegestützpunktes Cottbus/Spree-Neiße ein. Pflegefälle treten hauptsächlich akut ein. Vorbereitet sind die wenigsten Familien. Das sei auch normal. Mit Sorge beobachtet die Fachfrau des regionalen gerontopsychiatrischen Verbundes die stark ansteigende Zahl von Pflegebedürftigen mit Demenzerkrankungen. Hier seien vor allem auch pflegende Angehörige zu unterstützen.

Anja und Danilo Illing indes stellen in der täglichen Arbeit fest, dass zwar sehr viel Geld in das Gesundheitssystem fließt - aber zu wenig bei den Patienten ankommt. „Die Fehler liegen im System“, sagt der Geschäftsführer der Cottbuser Hauskrankenpflege. Die Auszahlung der Pflegegelder, die weitgehend als zusätzliche Familien-Einkommen verbucht würden, wüsste er am liebsten abgeschafft. „Die Begutachtung der Pflegebedürftigen mit konkreten Festlegungen der notwendigen Leistungen und deren Häufigkeit wäre der bessere Weg. Denn nur so erhält der Patient auch, was er wirklich braucht“, begründet Anja Illing. Im Geschacher um das Geld blieben Pflegebedürftige auf der Strecke.