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| 02:58 Uhr

Peitz – Berlin und dann die ganze weite Jazzwelt

Die Lesereise mit "Woodstock am Karpfenteich. Die Jazzwerkstatt Peitz" führt Ulli Blobel nicht nur durch den Osten Deutschlands. Neun Autoren erzählen, wie sie Peitz und die Jazz-Szene der DDR erlebten. "Ich habe einfach Konzerte organisiert. Welche Bedeutung die Jazzwerkstatt für die Szene hatte, erfuhr ich erst während der Arbeit an dem Buch", sagt Ulli Blobel. Inzwischen hat er schon wieder neue Buchprojekte im Blick. Foto: Bilderdienst-Lausitz
Die Lesereise mit "Woodstock am Karpfenteich. Die Jazzwerkstatt Peitz" führt Ulli Blobel nicht nur durch den Osten Deutschlands. Neun Autoren erzählen, wie sie Peitz und die Jazz-Szene der DDR erlebten. "Ich habe einfach Konzerte organisiert. Welche Bedeutung die Jazzwerkstatt für die Szene hatte, erfuhr ich erst während der Arbeit an dem Buch", sagt Ulli Blobel. Inzwischen hat er schon wieder neue Buchprojekte im Blick. Foto: Bilderdienst-Lausitz FOTO: Bilderdienst-Lausitz
20 Kilometer von Cottbus und 140 Kilometer von Berlin entfernt – dort lag vor 30, 40 Jahren das Free-Jazz-Mekka der DDR. "Wo ich bin, da ist keine Provinz!" – das Motto des Theatermachers Christoph Schroth könnte abgewandelt auf den Veranstalter der Jazzwerkstatt und Musikproduzenten Ulli Blobel heißen: "Wo ich bin, ist der Jazz avantgardistisch!" Am ersten Juni-Wochenende wird sich das in der Jazzwerkstatt Peitz Nr. 49 sicher wieder beweisen.

Zwischen der Jazzwerkstatt Peitz Nr. 47 und Nr. 48 (2011) liegen fast 30 Jahre mit gravierenden Umwälzungen im Osten Deutschlands. Haben Sie je daran gedacht, dass diese Veranstaltungsreihe weitergeführt werden kann?
Über 15 Jahre habe ich gesagt, wenn die Frage nach der Jazzwerkstatt kam: Peitz wird es nicht mehr geben! Das habe ich auch so gemeint. Mit der Jazzwerkstatt bin ich seit sechs Jahren in Berlin und Potsdam aktiv.

Wie kam es nun doch zur Jazzwerkstatt im Peitzer Filmtheater?

Nach der Wende bin ich angesprochen worden, wieder die Jazzwerkstatt zu machen. So rief der damalige Bürgermeister Hans-Joachim Gahler an, mit dem ich zur Schule gegangen war. Ich setzte mich mit Jimi Metag in Verbindung und wollte gemeinsam mit ihm ein Konzert organisieren. Das Programm stand schon - drei Wochen vorher kam seine Absage. Das Konzert habe ich dann in Berlin gemacht. Doch ich wurde immer wieder, auch von Peitzern und Freunden, angesprochen. Mit der Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg war ich ja in Berlin wieder als Konzertveranstalter aktiv. Die Jazzwerkstatt in Peitz wieder aufleben zu lassen, war dann eine kurzfristige Entscheidung. Das gemeinsam mit anderen Autoren entstandene Buch "Woodstock am Karpfenteich" sollte vorgestellt werden. ,Auf der Buchmesse geht es neben den vielen anderen Neuerscheinungen unter - lass‘ dir etwas anderes einfallen‘, hatte mir Thomas Krüger von der Bundeszentrale für Politische Bildung, die das Buchprojekt förderte, geraten. ,Wenn Herta Müller nebenan liest, wer kommt dann zu dir?‘ Das war der Grund, nach einem passenden Ort für die Präsentation zu suchen.

Dann war also das Buchprojekt schuld daran, dass es die Jazzwerkstatt Peitz wieder gibt?
Ja, das kann man so sagen. Ich hatte mir überlegt, das Buch mit einem Konzert in Peitz einem interessierten Publikum vorzustellen. Ich sah mir das frühere Schützenhaus, das ja zu DDR-Zeiten das Filmtheater war, an. Ich sprach mit der Besitzerin, einer 80-jährigen Dame, ließ die Türen aufschließen und es war, als sei die Zeit stehen geblieben. Alles war noch so wie damals - die Bühne, die Vorhänge, die Gerüche - in den Toiletten riecht es immer noch nach Chlor. Wir haben Staub gewischt, ein paar kleinere Reparaturen machen lassen, das war's. Selbst die alten Stromanschlüsse reichen noch aus. Das Licht bringen wir aus Berlin mit. Ich bin für wenig Technik, am besten unplugged wie bei Silke Eberhard und Dave Burrell im Festungssaal - nur die Instrumente Saxofon und Piano. Ich richte mich an der Klassik aus. Da sind die Besucher im Konzert leise und hören konzentriert zu. Ich will nicht, dass der Pegel immer höher angehoben wird.

Apropos Klassik, Sie haben neben dem Jazzwerkstatt- auch ein Klassik-Label?
Ja, das ist in Deutschland noch nicht so bekannt. Es ist eine Ergänzung, die mir Spaß macht. Die Klassikstrecke soll noch erweitert werden. Im englischsprachigen Raum, in Amerika haben wir für unsere Produktionen gute Kritiken, beste Bewertungen bekommen. Wir haben beispielsweise einige CDs mit dem Violinisten Kolja Blacher produziert, unter anderem "Die Geschichte vom Soldaten" von Igor Strawinsky mit Solisten der Berliner Philharmoniker sowie Dominique Horwitz als Sprecher. Oder mit Pi-hsien Chen die Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach. Mit dem Berliner Philharmoniker Walter Küssner suchen und veröffentlichen wir auf meinem Label Phil.harmonie vergessene Komponisten wie den preußischen Hofkomponisten Georg Abraham Schneider. Und beim Morgenland-Label sind zum ersten Mal fünf CDs herausgekommen, die Klezmer und Jazz verbinden.

Wie viele Produktionen hat das Label Jazzwerkstatt inzwischen herausgebracht?
In fünf Jahren sind es rund 200. Gerade erst Ende April ist eine Produktion mit der jungen, in Kroatien sehr bekannten Sängerin Vesna, die mit ihrer Band Lieder von Elvis Presley bearbeitet hat, erschienen. Sie hatte mir Aufnahmen geschickt, die fand ich sehr interessant. Als Pop-Sängerin erfolgreich, wandte sie sich nach einem Konzert des Saxofonisten Peter Brötzmann dem Jazz zu. Präsentiert wurde ihre CD Ende April im Institut Français am Kurfürstendamm in Berlin. Dort veranstaltet die Jazzwerkstatt regelmäßig Konzerte. Weitere Veranstaltungsorte sind der Nikolaisaal in Potsdam und der Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin.

Wird es von der Jazzwerkstatt Peitz Veröffentlichungen geben?
Es gibt im Doppelpack eine CD mit Aufnahmen des Friedhelm Schönfeld Quartetts vom vergangenen Jahr und eine DVD "Auf ein Neues - das Comeback der Jazzwerkstatt Peitz".

Drei CDs der Jazzwerkstatt sind 2011 von der New Yorker Zeitschrift "All about Jazz" als beste Veröffentlichungen des Jahres ausgezeichnet worden. Das Jazzwerkstatt-Label ist Ende 2011 mit dem Designpreis Deutschland 2012 in Silber ausgezeichnet worden. Wie wichtig sind Ihnen solche Anerkennungen?
Auf den Design-Preis sind alle Beteiligten stolz. Ansonsten zählt für mich nur der Preis der deutschen Schallplattenkritik. Einen Ehrenpreis hat beispielsweise die amerikanische Pianistin, Komponistin und Bandleaderin Carla Bley erhalten. Sie gab im Institut Français in der Jazzwerkstatt erst vor Kurzem ein Konzert vor ausverkauftem Haus. Mit der CD von Dave Liebman "Turnaround. The Music of Ornette Coleman" ist eine Jazzwerkstatt-Produktion 2010 mit dem Jahrespreis ausgezeichnet worden. Dagegen ist der Jazz Echo von der Musikindustrie in zweifelhaftem Auswahlverfahren gesteuerter Kommerz.

Dass es nach der Jazzwerkstatt Nr. 48 in Peitz auch eine Nr. 49 geben wird, haben Sie schon am Abend des 14. Mai 2011 gesagt. Anfang Februar 2012 stand das Programm bereits auf der Internetseite. Was erwartet die Konzertbesucher am ersten Juni-Wochenende?
Die Hauptveranstaltung ist der Samstagabend im Filmtheater. Auch wenn wieder Musiker dabei sind, die das Peitzer Jazzpublikum schon vor mehr als 30 Jahren kennengelernt hat, sind junge, profilierte Musiker wie Edicson Ruiz dabei. Sonst wäre es ja langweilig. Wie im vergangenen Jahr gibt es bereits am Freitag ein Konzert in der Stüler-Kirche. Die Saxofonistin Silke Eberhard gab im Februar mit dem Pianisten Dave Burrell zum Auftakt der diesjährigen Jazzreihe ein Konzert und wird am Samstagvormittag wieder im Festungssaal spielen - dann mit Ulrich Gumpert am Piano. Das wird allerdings eine ganz andere Sache! Als Konzertraum ist der Saal, den ich früher nur als Abstellraum kannte, hervorragend geeignet. Zum Abschluss gibt es wieder ein Konzert am Sonntagnachmittag im Cottbuser Gladhouse.

Mit der Jazzwerkstatt Peitz wird dieser avantgardistischen Musik am vertrauten Ort wieder eine Plattform geschaffen. Doch um die Arbeitsbedingungen für Jazzmusiker steht es in Deutschland nicht zum Besten. Unterstützen Sie den bundesweiten Aufruf vom Dezember 2011, der unter anderem eine Grundsicherung der Musiker und eine öffentliche Förderung der Spielstätten wie im Klassikbereich fordert?
Ja, natürlich wäre es fantastisch, wenn jungen Musikern eine Grundsicherung zugutekommen würde. In den Niederlanden gab es so etwas, aber die rechte Regierung hat das vor Kurzem wieder kassiert. In Frankreich werden Veranstalter so gut unterstützt, sodass die Musiker viel bessere Gagen als hier erhalten.

In Deutschland sehe ich das in absehbarer Zeit nicht. Im Spiegel und anderswo gab es kürzlich eine Debatte zur Förderproblematik, in der sich der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmidtz hervortat.

Auf meine direkte Anfrage kam aber wie immer ein Korb, begründet mit knappen Haushaltslagen. Also stehen wir wieder da wie vor der Debatte. Im Land Brandenburg ist es ja auch nicht besser.

Welche Musik hört der Jazz-Veranstalter und Produzent Ulli Blobel, wenn er abends, beispielsweise nach der Lese-Reise, entspannen will?
Ich höre verschiedenen Jazz aller modernen Stile, aber auch Musik, die mir zur Veröffentlichung angeboten wird. Dafür ist nur Zeit und Ruhe an Abenden oder Wochenenden. Und ich gehe einmal in der Woche in die Philharmonie und höre am liebsten Mahler, Schönberg, Schostakowitsch ...

Mit Ulli Blobel

sprach Ingrid Hoberg

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de

Zum Thema:
Freitag, 1. Juni, 20 Uhr, Stüler-Kirche Peitz: Manfred Schulze Bläserquintett + Hermann KellerSamstag, 2. Juni, 10.30 Uhr, Festungssaal Peitz: Silke Eberhard + Ulrich GumpertSamstag, 2. Juni, 18 Uhr, Filmtheater Peitz: Conny Bauer's Gelber Klang, John Tchicai/Witold Rek/ Makaya Ntshoko; Edicson Ruiz Solo, Ulrich Gumpert Workshop BandSonntag, 3. Juni, 15 Uhr, Gladhouse Cottbus: Schlippenbach Trio mit Evan Parker + Paul Lovens Tickets sind erhältlich unter www.jazzwerkstatt.eu, an Vorverkaufsstellen in Peitz sowie an der Abendkasse. Ulli Blobel wurde 1950 in Peitz geboren. Dort besuchte er auch die Schule. Erste Veranstaltungen organisierte er ab 1969 im Peitzer Filmtheater. Gemeinsam mit Peter "Jimi" Metag rief Ulli Blobel 1973 die Veranstaltungsreihe "Jazzwerkstatt Peitz" ins Leben. Höhepunkte wurden die im Juni stattfindenden Peitzer Open-Air-Konzerte mit bis zu 3000 Besuchern. "Diese Begegnungen prägten die Jazz-Szene", sagt Ulli Blobel im Rückblick. Und diesen Austausch zwischen Musikern will er auch mit der 1995 gegründeten Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg wieder beleben. Im Februar 1984 war er aus der DDR ausgereist. In Wuppertal fand er seine neue Heimat. Dort gab es eine lebendige Jazz-Szene. Er gründete eine Konzertagentur. Er war und ist als Produzent mit Musikern aus aller Welt tätig. Von 1993 bis 2008 widmete er sich dem Vertriebsgeschäft für CDs und DVDs. Nach der Schließung seiner Konzertagentur gründete er 2006 in Zusammenarbeit mit Musikern den Förderverein Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg. Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor:Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de