ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 21:56 Uhr

Tag der virtuellen Liebe
„Die Menschen haben es verlernt, jemanden zu erobern“

FOTO: dpa-tmn / Monique Wastenhagen
Cottbus/Lübbenau. Ob Dating-Portale oder Partneragenturen – immer mehr Menschen brauchen Hilfe bei der Liebessuche. Wer glaubt, das hat nur mit Zeitmangel und Faulheit zu tun, liegt falsch. Von Anja Hummel

„Heutzutage möchte ich auch kein Single mehr sein“, sagt Sven Schulz ganz trocken. „Bei den ganzen Dating-Portalen verliert man doch völlig den Überblick.“ Vor 13 Jahren sei das viel entspannter gewesen. Der Lübbenauer weiß, wovon er spricht. „Nach meinen 25-Stunden-Arbeitstagen hatte ich keine Lust, irgendwo hin zu gehen. Also hab’ ich mich bei so einem Single-Ding angemeldet.“ Das war kostenlos und „ging recht flott“. Recht flott und recht erfolgreich - mittlerweile hat er mit seiner Bea zwei gemeinsame Kinder und ist seit sieben Jahren glücklich verheiratet. All das haben sie dem Internet zu verdanken.

Auf den „Klick zum Liebesglück“ hoffen allein in Deutschland mehr als acht Millionen aktive Nutzer von Online-Datingportalen. Das zeigen die Zahlen der Statistik-Plattform Statista. Der Umsatz von Datng-Börsen in Deutschland ist seit 2003 rasant angestiegen und hat im Jahr 2017 erstmals die 210 Millionen Euro Grenze überschritten. Zu den bekanntesten Unternehmen der Online-Dating-Branche gehören beispielsweise Elite Partner oder Parship, aber auch Apps wie Lovoo oder Tinder erobern verstärkt den Online-Dating-Markt.

Die Gewohnheiten sind schuld

Die Zahlen zeigen: Die Partnersuche über das Internet wird immer präsenter. Auch auf Facebook diskutieren die Nutzer über den Sinn und Unsinn von Dating-Portalen. Nachdem die Rundschau in den sozialen Medien nach Pärchen gesucht hat, die sich im Internet kennen- und liebengelernt haben, gab es verschiedene Reaktionen: „Ich fühle mich so altbacken, dass ich meine Frau beim Tanz kennengelernt habe,..“, schreibt beispielsweise ein Facebook-Nutzer. Eine Frau kommentiert: „Hat mir leider bisher noch so gar kein Glück gebracht.“ Ein weiterer Kommentar eines Nutzers: „Was ist denn das für eine bekloppte Welt geworden, dass man seinen Partner im Internet kennenlernen muss. [...] Da draußen auf der Straße steht der Traumpartner und nicht hinter der virtuellen Mattscheibe.“ Eine Aussage, die nicht unkommentiert bleibt: „Früher war es auch einfacher. [...] Immer mehr Menschen arbeiten jetzt auch am Wochenende, [...] da bleiben soziale Kontakte auf der Strecke“, antwortet ein weiterer Nutzer.

 Sven Schulz hat seine Bea 2006 im Internet kennengelernt. Mittlerweile sind sie verheiratet und haben zwei gemeinsame Kinder.
Sven Schulz hat seine Bea 2006 im Internet kennengelernt. Mittlerweile sind sie verheiratet und haben zwei gemeinsame Kinder. FOTO: Sven Schulz / privat

Aus welchen Gründen sich immer mehr Menschen Hilfe bei der Liebessuche holen, weiß Simone Klebe. Sie ist Liebes- und Beziehungscoach und betreut mit ihrem Partnerdienst „Liebe im Takt“ Singles in Cottbus, Frankfurt/Oder und Berlin. „Die Gewohnheiten haben sich einfach stark verändert. Man ist an die Kommunikation via Handy und Mail gewöhnt. Die Menschen haben es verlernt, jemanden zu erobern“, nennt die 61-Jährige einen der entscheidenden Gründe. Auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer sei man vor direkter Ablehnung geschützt. Und: „Jeder hat das Gefühl, weniger Zeit zu haben“, sagt Simone Klebe. Deshalb suche man sich anderweitig Hilfe – mit Partneragenturen und Dating-Apps.

Das „Anti-Bild-Konzept“

So wie es auch Sven Schulz aus Lübbenau getan hat. Das erste Treffen mit seiner heutigen Frau Bea? „Sehr komisch“, sagt der IT-Fachmann. „Ich war sehr positiv überrascht. Meine Frau ist eine tolle Erscheinung.“ Von Bildern hält er nicht so viel, die zeigen den Menschen nicht so, wie er in natura tatsächlich ist.

Ein „Anti-Bild-Konzept“ verfolgt auch Simone Klebe. „Bei Online-Börsen wählt man nur nach dem Foto aus. Bei uns gibt es keine Fotos“, sagt die Partnervermittlerin. Bei „Liebe im Takt“ liegt der Fokus auf der Persönlichkeit, auf dem Charakter. Nach entsprechenden Kriterien werden potenzielle Partner vorgeschlagen. 3000 bis 5000 liebesbedürftige Kunden betreut sie im Schnitt in ihren drei Vermittlungsagenturen. Etwa 30 Prozent davon bleiben mit dem Erstkontakt zumindest in Verbindung, sagt Klebe. „Manche brauchen bis zu zehn Partnervorschläge“, erzählt sie weiter. „Das klingt erst mal viel, aber fragen Sie mal Menschen, die Online-Portalen nutzen. Die verabreden sich weitaus öfter.“ Laut der Beziehungstrainerin, die auch Single-Coachings anbietet, hat die Nachfrage an Agenturvermittlungen wieder zugenommen. „Viele blicken online nicht mehr durch und wollen anonym bleiben. In den Internetportalen sind die Fotos für alle einsehbar“, so Simone Klebe, die seit 22 Jahren im Geschäft ist.

Und trotzdem greifen Millionen Menschen auf die Online-Portale zurück. „Irgendwie ist man ja doch anonym. Wenn mir etwas nicht passt, kann ich den anderen einfach blockieren“, sagt Sven Schulz. Insgesamt aber sagt er: „Das Internet ist auf jeden Fall eine Option, seine große Liebe zu finden.“ Er und seine Frau Bea sind schließlich das beste Beispiel dafür.

Generation Online-Dating? Liebe dank Internet? Hier haben wir noch mehr herzerwärmende Lausitzer Lovestorys aufgeschrieben:

Martin und Susann aus Hoyerswerda

Verena und Daniel aus Großröhrsdorf

Saskia und Silvio aus Lauta

Kira und Tim aus Hoyerswerda

Loreen und Alexander aus Hoyerswerda

 Sven Schulz und seine Bea haben sich 2006 im Internet kennengelernt. Heute haben sie zwei gemeinsame Kinder und wohnen in Lübbenau.
Sven Schulz und seine Bea haben sich 2006 im Internet kennengelernt. Heute haben sie zwei gemeinsame Kinder und wohnen in Lübbenau. FOTO: Sven Schulz / privat