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| 23:23 Uhr

Paarberatung
Notruf für die Liebe

Streit ist nicht gleich Ehekrise. Doch wenn sich im Alltag Missverständnisse und Streitigkeiten häufen, dann kann es sich lohnen, an eine Paarberatung zu wenden. Auf neutralem Boden und in entspannter Atmosphäre geben Pädagogen Tipps, wie Paare wieder besser miteinander umgehen können.
Streit ist nicht gleich Ehekrise. Doch wenn sich im Alltag Missverständnisse und Streitigkeiten häufen, dann kann es sich lohnen, an eine Paarberatung zu wenden. Auf neutralem Boden und in entspannter Atmosphäre geben Pädagogen Tipps, wie Paare wieder besser miteinander umgehen können. FOTO: Photographee.eu
Cottbus/Lübben. „Irgendwas mit Liebe“ lautet der Serien-Titel der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Für den fünften Teil hat sich Daniel Friedrich mit Paartherapeuten getroffen. Sie sind bei festgefahrenen Beziehungsproblemen oft die letzte Rettung, hören zu und geben Rat. Von Daniel Friedrich

Sie steht in der Küche und bereitet das Abendbrot vor. Er trifft sich nach Dienstschluss noch spontan mit Kollegen auf ein Feierabendbier – und kommt unerwartet spät nach Hause. „Immer kommst du zu spät zum Essen“, wird sie ihm noch vorwerfen. Dabei meint sie eigentlich: „Ich hätte gern mit dir zusammen gegessen.“

Situationen wie diese dürften Paaren bekannt vorkommen. Nicht immer steckt dahinter gleich eine Ehekrise. Doch wenn vor lauter Alltag für echte Zweisamkeit keine Zeit mehr bleibt, und sich über Monate hinweg Missverständnisse und Streit häufen, dann kann es sich lohnen, professionelle Beratung aufzusuchen. „Der erste Schritt ist immer der schwierigste, nämlich den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und anzurufen“, weiß Paarberaterin Susanne Beley (52). Seit 20 Jahren steht die Cottbuser Diplom-Sozialpädagogin Paaren zur Seite, bei denen es kriselt. Wie kann man streiten, ohne sich dabei zu verletzen? Das versucht sie in einer Beratung näher zu bringen. Denn häufig kommen ihre Klienten wegen chronischer Streitereien zu ihr. Manche sind unzufrieden mit ihrem Sexualleben, andere uneinig über die Erziehung der Kinder, einige hatten bereits einen Seitensprung. Eine klassische Beobachtung: „Zwei Personen stellen sich bei mir vor, die die gleiche Situation erlebt haben, aber völlig anders beschreiben. Meistens liegen die Ursachen dafür in unterschwelligen Konflikten. Irgendwann stecken beide in einer Sackgasse, aus der sie nicht mehr alleine herauskommen“, erzählt Susanne Beley.

Mit Schmetterlingen im Bauch fing alles an

Susanne Beley ist Diplom-Sozialpädagogin und betriebt eine eigene Praxis.
Susanne Beley ist Diplom-Sozialpädagogin und betriebt eine eigene Praxis. FOTO: LR / Daniel Friedrich

Dabei hatte es bei den Liebespaaren einst ganz anders begonnen: Am Anfang einer Beziehung, in der sogenannten Verliebtheitsphase, sehen viele ihren Partner oder ihre Partnerin in einem wunderbaren Licht. Alles, was der andere macht, ist toll, reizvoll und wartet darauf, entdeckt zu werden. „Die ‚Schmetterlinge im Bauch‘ sind eigentlich ein Trick der Evolution in unserem Gehirn, ohne den wir uns nicht fortpflanzen würden“, erklärt die Paarberaterin. Doch der Charme, mit dem er sie beim ersten Kennenlernen vielleicht noch beeindruckt hat, erweckt nun ihre Eifersucht, wenn er mit anderen Frauen zusammen ist. „Ist man eine verbindliche Beziehung eingegangen, werden im Alltag die Schattenseiten der Medaille deutlich. Das ist normal und kommt bei jedem Paar vor“, beruhigt Susanne Beley. Sie rät dazu, den Partner nicht umerziehen zu wollen, denn bestimmte Verhaltensweisen oder Charakterzüge seien schlicht unveränderlich. „Sinnvoller ist es, sich Mühe für den Partner zu geben. Diese Mühe muss dann umgekehrt honoriert und nicht als selbstverständlich angesehen werden.“

Auch, wenn kein Beziehungsproblem wie das andere ist, und Paartherapeuten keine vorgefertigte Lösung aus der Schublade anbieten können: Bestimmte Stationen im Leben fallen auf, die besonders krisenanfällig sind. „Wenn ein Paar Kinder bekommt, entsteht neben der Paarebene die Elternebene. Sie konzentriert sich auf die Erziehung der Kinder. Das schweißt zwar zusammen, stellt aber das Paar vor die Herausforderung, auch die Bedürfnisse der Paarebene zu pflegen – und das über mehrere Jahre“, weiß Rigo Piotrowski (48), systemischer Familientherapeut aus Cottbus. Die Gefahr: Mutter und Vater verlieren sich als Paar aus den Augen. Im schlimmsten Falle sind sich beide irgendwann fremd.

Familientherapeut Rigo Piotrowski aus Cottbus.
Familientherapeut Rigo Piotrowski aus Cottbus. FOTO: LR / Daniel Friedrich

„Was sollen wir jetzt miteinander machen?“

Das macht sich besonders bemerkbar, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Als „Leeres-Nest-Syndrom“ bezeichnet die Diplom-Pädagogin Gabriele Kees (60) von der Lübbener Diakonie dieses Phänomen. „Viele Eltern fragen sich: ‚Was sollen wir jetzt miteinander machen?‘ Durch die Kinder war der Alltag immer strukturiert. Das fällt nun weg und das Paar ist wieder auf sich alleine gestellt.“ Was helfe, sei zuallererst, gemeinsam über sich zu reden. Nicht-Aussprechen verschärfe viele Probleme erst. „Beide sollten sich Zeit füreinander nehmen und es sich gut gehen lassen. Kleine Aufmerksamkeiten signalisieren gegenseitiges Interesse. Und trotz der Kinder sollte es möglich sein, mal zu zweit in den Urlaub zu fahren“, empfiehlt Gabriele Kees. Wichtig ist auch das Thema Wertschätzung. Bei manchen Paaren sei es über die Jahre schlicht verloren gegangen, „Danke“, „Bitte“ oder „Gute Nacht“ zu sagen, erzählt die Pädagogin. Zurück zu den Wurzeln also in gewisser Weise.

Gabriele Kees berät im Haus der Diakonie in Lübben Paare bei Beziehungsproblemen.
Gabriele Kees berät im Haus der Diakonie in Lübben Paare bei Beziehungsproblemen. FOTO: LR / Daniel Friedrich

Zwar kann die erste Verliebtheit nicht wiederholt werden, doch kann man sich immer wieder neu verlieben, davon sind Paarberater wie Gabriele Kees überzeugt. Sie fragt etwa bei Gesprächen mit ihren Klienten gerne einmal nach, wie sie sich einst kennengelernt hätten und was sie damals einander angezogen hat. „Dadurch denken die Paare noch einmal über ihre Liebesgeschichte nach. Das hilft manchmal schon, den Partner wieder mit anderen Augen zu sehen.“ Denn es liege in der Natur der Sache, dass sich Menschen im Laufe des Lebens verändern. „Es kommt darauf an, das Interesse füreinander zu behalten, offen zu sein und den Partner am eigenen Leben teilhaben zu lassen“, sagt Familientherapeut Rigo Piotrowski. Vor allem aber brauche es Zeit, um die in der Paarberatung besprochenen Veränderungen in den Alltag einfließen zu lassen.

Manche Paare kommen zu spät

Doch manchmal ist es selbst für Paartherapeuten zu spät, die Beziehung zu retten. „Wenn einer der Partner schon innerlich gekündigt hat, wenn das Vertrauen zu stark gebrochen ist oder der Veränderungswille fehlt“, berichtet Gabriele Kees aus ihrer Erfahrung. „Ich spiegle den Menschen das wider, was ich wahrnehme. Manchmal sind das unausgesprochene Wahrheiten, die sich die beiden bislang nicht getraut haben, zu sagen.“ In solchen Fällen können die Paarberater auch Trennungshilfe leisten und Rat geben, wie man fair Abstand zueinander gewinnt.

Mehrere hundert Paare im Jahr beraten die Therapeuten in der Lausitz, Tendenz steigend. Diskretion ist dabei das oberste Gebot: Akten mit persönlichen Daten werden in der Regel nicht angefertigt, kostenpflichtige Beratungen können Klienten oft in bar bezahlen. So kommt es, dass die Paartherapeuten nur in seltenen Fällen erfahren, ob ihre Beratung erfolgreich war und sich die Paare wieder zusammengerauft haben. „Jeder kann ja selbst entscheiden, wie oft er zu einer Beratung kommt und ob sich die Probleme gelöst haben. Aber wenn ich auf der Straße zufällig ein Paar treffe, das ich vor einiger Zeit beraten habe, dann freut es mich natürlich sehr“, sagt Gabriele Kees mit einem Lächeln.