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OSZler gewinnen Landeswettbewerb des Bundespräsidenten

Gefängnis als Nachbar: Mit diesem Thema gewannen die beiden OSZ-Schüler beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Chris Sonnabend (l.), der aus Bohsdorf stammt, zeigt die schriftliche Arbeit, der Cottbuser Tom Reißmann den 50-minütigen Film auf dem Laptop.
Gefängnis als Nachbar: Mit diesem Thema gewannen die beiden OSZ-Schüler beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Chris Sonnabend (l.), der aus Bohsdorf stammt, zeigt die schriftliche Arbeit, der Cottbuser Tom Reißmann den 50-minütigen Film auf dem Laptop. FOTO: Peggy Kompalla
Cottbus. Tom Reißmann und Chris Sonnabend vom Cottbuser Oberstufenzentrum (OSZ) I haben beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten die beste Arbeit des Landes Brandenburg eingereicht. Mit der Kamera erkundeten sie die Nachbarschaft des ehemaligen Zuchthauses. Entstanden ist ein beeindruckendes Dokument, das im Menschenrechtszentrum seinen Platz finden wird. Dabei wäre es fast nicht zustande gekommen. Peggy Kompalla

Am Anfang war nur eines klar: "Wir wollten irgendetwas mit der DDR machen", erzählt der Bohsdorfer Chris Sonnabend (19). "Im Unterricht wird dieser Teil der Geschichte ja fast außer Acht gelassen", kritisiert Tom Reißmann (18) aus Cottbus. Da kommt der Wettbewerb wie gerufen. Geschichtslehrer Bernhard Neidnicht muss die beiden nicht überreden. Das Thema ist griffig: "Vertraute Fremde. Nachbarn in der Geschichte". Fehlt nur noch der Schubs vom Lehrer. Er erzählt den beiden vom Cottbuser Zuchthaus. "Uns war nicht klar, dass es das gibt", erzählt Chris. "Und dann liegt es auch noch im Wohngebiet."

Das frühere Gefängnis an der Bautzener Straße beherbergt heute das Menschenrechtszentrum. Ehemalige Insassen haben es vor sechs Jahren gegründet und erhalten damit die Erinnerung an den Ort. In der DDR waren im Zuchthaus vor allem politische Häftlinge inhaftiert.

Tom und Chris wollen nicht nur Papier vollschreiben. Sie nehmen die Kamera mit. Zeitzeugen sollen zu Wort kommen. Ihre Idee: einen ehemaligen Häftling und einen Aufseher gegenüberstellen. Denn auch sie waren Nachbarn, wenn auch nicht freiwillig. "Das war ganz schön naiv", sagt Chris im Rückblick. Tom nickt: "Das ist alles noch sehr heikel." Dabei finden sie zunächst einen früheren Wärter, der sogar vor der Kamera redet. Doch mitten im Gespräch bricht er das Interview ab. Einen Monat später zieht er alle Aussagen zurück. Das Projekt steht nach drei Monaten vorm Aus.

"Das war ein Schock", sagt Tom. Doch die beiden finden einen neuen Ansatz. "Wir haben uns gefragt: Wie lebt es sich direkt an der Gefängnismauer?" Inspiriert hat sie ein Gemälde, das auf der Internetseite des Menschenrechtzentrums steht. Es zeigt den Blick aus einer Wohnung auf Gefängnismauer, Wachturm und Stacheldraht.

Die beiden machen die Malerin ausfindig. Gundula Martin ist Requisiteurin am Staatstheater und lebte in den 70er-Jahren in der Pyrastraße. Sie teilt freimütig ihre Erinnerungen, aber auch Gefühle. Denn sie schaute von ihrer Wohnung auf die Ziegelsteinmauer, hinter der ihr Cousin saß.

"Danach sind wir durchs Wohngebiet gelaufen und haben an den Türen geklingelt", erzählt Chris. Sie finden drei weitere Nachbarn, die von ihrem Alltag vor der Mauer erzählen. Dann ist da noch Hans Sachs von der Lutherkirchengemeinde. Er gab mit dem Bläserchor in den 50er-Jahren mehrere Konzerte für die Gefangenen - fingiert als Geburtstagsständchen auf Balkonen in der Nachbarschaft. Vervollständigt wird der Film mit einem Interview von Siegmar Faust. Der von seiner Zeit hinter der Mauer spricht, aber auch der Nachbarschaft zu seinen Zellenmitbewohnern und den Wärtern.

Das Menschenrechtszentrum war für die beiden Schüler die Informationsbasis. Leiterin Sylvia Wähling kennt die beiden mittlerweile ziemlich gut. Es steht bereits fest, der Film wird Teil der Ausstellung. "Der Film ist so einfühlsam", sagt Sylvia Wähling. "Dabei haben die beiden über die Menschen ganz vielfältige Aspekte entdeckt - nicht nur Böses, sondern auch Aufmunterndes."

Am 10. November wird der Film "Wohnung, Wiese … und der Knast" erstmals öffentlich aufgeführt beim Häftlingstreffen im Menschenrechtszentrum. Tom und Chris werden auch da sein. Sie gehen genauso urteilsfrei auf das Treffen zu, wie sie ihre Gespräche mit den Zeitzeugen geführt haben. Tom: "Die ehemaligen Häftlinge dürfen den Film scheiße oder cool finden." Eins von beidem wird es sein. Denn ungerührt wird lässt die Dokumentation keinen.

Zum Thema:
Tom Reißmann und Chris Sonnabend erhielten am gestrigen Mittwoch ihren Preis als Wettbewerbssieger im Land Brandenburg im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Darüber hinaus wurde Sarina Rackwitz ebenfalls vom OSZ I für ihre Arbeit "In Nachbarschaft zur Eisenbahn - Segen und Fluch" mit dem Förderpreis geehrt. Damit gibt es auch für das Oberstufenzentrum I eine Ehrung - als Landesbeste Schule.