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| 02:33 Uhr

Oscar-Gewinner teilt seinen Traum mit den Cottbusern

Urs Rechn (l.), hier mit Matthias Loehr, fühlt sich sichtlich wohl beim Cottbuser Publikum.
Urs Rechn (l.), hier mit Matthias Loehr, fühlt sich sichtlich wohl beim Cottbuser Publikum. FOTO: Tino Schulz/tsz1
Cottbus. Es war ein großer Kinoabend und die erfreuliche Begegnung mit einem Cottbuser, der ein wenig Oscar-Glanz in die Lausitz geholt hat. Im Weltspiegel lief am Freitag der preisgekrönte ungarische Film "Son of Saul". Anschließend stand mit Urs Rechn einer der Hauptdarsteller Moderator Matthias Loehr Rede und Antwort. Ulrike Elsner

Großer Preis der Jury in Cannes, Oscar für den besten fremdsprachigen Film in Hollywood und viele andere internationale Preise. Eine Million Zuschauer in Ungarn, eine große Resonanz in den USA und in vielen europäischen Ländern. In Deutschland allerdings hat es "Son of Saul" bisher nur in die Arthouse-Kinos geschafft. Umso erfreulicher der voll besetzte große Kinosaal im Weltspiegel. Zugegeben, viele waren gekommen, um den Freund oder Schulkameraden wiederzusehen. Urs Rechn, Sohn des Malers Günter Rechn und der langjährigen Chefrequisiteurin am Staatstheater Beate Rechn, hat in Cottbus Abitur gemacht und erste Bühnenerfahrungen gesammelt.

Dennoch: Der überaus intensive Streifen im 35-mm-Format, der schonungslos wie kein anderer Film die Mechanismen des Massenmords in Auschwitz zeigt, hinterließ ein sichtlich betroffenes und doch bereichertes Publikum. Der Debütspielfilm des 38-jährigen Ungarn Laszlo Nemes erzählt von den Sonderkommandos in Auschwitz, von jüdischen Häftlingen, die dazu gezwungen wurden, die Ermordung von Juden vorzubereiten, sie auszuplündern, in die Gaskammern zu treiben und schließlich die Verbrennung der Leichen zu bewerkstelligen.

Der Titelheld Saul, dargestellt von Géza Röhrig, entdeckt in der Gaskammer einen Jungen, den er für seinen Sohn hält. Und er setzt von nun an alles daran, ihn nach jüdischem Ritual zu begraben. Dass der Film so schonungslos die Mechanismen des Massenmords aufdeckt, liegt wohl auch daran, dass die Kamera entweder ganz dicht dran ist an dem Haupthelden oder das unmittelbare Umfeld aus seinem Blickwinkel zeigt.

Er selbst habe am Anschauen des Films mit jedem Mal ein immer detailreicheres Bild gesehen, sagt Urs Rechn. Auch für ihn sei das "langsam nicht mehr auszuhalten", gesteht der 37-Jährige, der einen jüdischen Oberkapo spielt. Regisseur Laszlo Nemes, der im Holocaust seine Großeltern verloren hat, sei es nicht um "die bösen Deutschen" gegangen. Vielmehr habe er zeigen wollen, "wozu der Mensch fähig ist". Dennoch offenbare der Film, "dass selbst in einer entmenschlichten Welt Menschlichkeit möglich ist", kontert Matthias Loehr und will von seinem Schulfreund wissen, ob er denn geahnt habe, dass die Sache mit einem Oscar endet.

Für Urs Rechn ist das das Stichwort, die Chronologie eines Traums zu rekapitulieren. "Der Erfolg in Cannes war nicht nur Glück, sondern ein Wunder", stellt der Schauspieler fest. Schon dass der Debütfilm eines jungen Regisseurs in den Wettbewerb gekommen ist, sei nicht annähernd zu erwarten gewesen. Noch dazu, wo das Berliner Filmfestival im 70. Jahr der Befreiung von Auschwitz "Son of Saul" selbst fürs Rahmenprogramm abgelehnt habe.

Welche Türen sich jetzt für Urs Rechn öffnen, will Matthias Loehr wissen. "Du musst jetzt in Hollywood bleiben und versuchen, den Fuß in die Tür zu setzen", hätten ihm viele Leute geraten. Aber wie sollte das gehen - ohne Geld? Da ereignete sich die glückliche Fügung, dass der Oberrabbiner von Beverly Hills den Cottbuser bat, bei ihm zu übernachten. "Er hat mir auch eine Agentin besorgt", berichtet Rechn. "Und jeder hat mich als Oscar-Winner begrüßt." Ihm sei das peinlich gewesen und er habe stets richtiggestellt: "Nein, der Film hat den Oscar gewonnen, nicht ich. Doch der Rabbi habe darauf bestanden: Du warst das.

Urs Rechn hat die Lacher auf seiner Seite, als er fortfährt: "Als ich dann in Deutschland sagte, ich habe den Oscar gewonnen, wurde ich sofort zurechtgewiesen: Nicht Du, der Film."

Was die Chancen angeht, hat Rechn nach eigenen Worten "eine Ahnung, dass es jetzt vielleicht anfängt". Von einer Hauptrolle in "Kommissarin Heller" und einem Kinofilm, für den ab Ende August/Anfang September gedreht werden soll, ist die Rede. Außerdem habe er "ein paar Castings in großen Studios" hinter sich, sei aber zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Es sieht so aus, als ob die Hartnäckigkeit des "Cottbuser Jungen" belohnt wird. Seiner Heimatstadt stellt er ein hervorragendes Zeugnis aus: "Cottbus ist eine wunderschöne Stadt mit Anziehungskraft, tollen Menschen und einer großartigen Architektur." Allerdings mache er hier wie überall im Land "eine merkwürdige Distanz zur eigenen Geschichte" aus. Und rät: "Jeder sollte nach etwas suchen, das die Stadt nach vorn bringt. Und wenn er versucht, den schönsten Garten zu haben." Die Tendenz "Ist mir scheißegal, was der Nachbar macht" habe es vor 20 Jahren noch nicht gegeben.

Immerhin könnten Kultur und Kunst daran etwas ändern. Urs Rechn: "Angefangen hat es damit, dass die Leute am Feuer saßen und Geschichten erzählt haben. Daraus hat sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt."

Wäre nur noch anzumerken, dass nach der Veranstaltung die Frage laut wurde, warum kein Vertreter der Rathausspitze im Publikum zu entdecken war. Wäre es nicht angebracht gewesen, dem Cottbuser Oscargewinner ganz offiziell zu gratulieren und für das zu danken, was er für Cottbus geleistet hat?