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| 17:34 Uhr

Unterlagen vergessen
Kiekebusch verpasst eine Wahl

 Der Ortsvorsteher von Kiekebusch Lutz Stompler staunt selbst darüber, dass die Wahlunterlagen nicht eingereicht wurden.
Der Ortsvorsteher von Kiekebusch Lutz Stompler staunt selbst darüber, dass die Wahlunterlagen nicht eingereicht wurden. FOTO: LR / René Wappler
Den Einwohnern des Dorfes entgeht am 26. Mai das wichtige Votum zum Ortsbeirat.

Der Ortsbeirat von Kiekebusch hat es versäumt, seine Unterlagen für die Kommunalwahl einzureichen. Damit fehlt dem Dorf ab Mai ein Gremium, das seine Interessen gegenüber der Stadt Cottbus vertritt.

Ein Staubsauger parkt in einer Ecke des Gemeindebüros. Ortsvorsteher Lutz Stompler räumte allerdings schon zu Jahresbeginn richtig auf. Er erklärte den Mitgliedern des Bürgervereins, dass er zur Wahl im Mai nicht mehr antreten wird. Das versicherte er auch den Feuerwehrleuten aus Kiekebusch. Er übergab ihnen die Wahlunterlagen, wie er es früher immer getan hatte. Dann  vertraute Lutz Stompler darauf, dass alles seinen geregelten Gang nehmen wird.

So erinnert er sich am Schreibtisch des Gemeindebüros. Und er stellt fest, dass er auch mit seinen 75 Jahren immer noch etwas Neues lernt. Denn der Ortsbeirat von Kiekebusch hat seine Unterlagen nicht eingereicht, anders, als es Lutz Stompler erwartete.  Das bestätigt der stellvertretende Wahlleiter. „In Kiekebusch ist die Wahl des Ortsbeirats am 26. Mai abgesagt, da bei uns keine Vorschläge eingetroffen sind“, sagt Andreas Pohle. „Ein neuer Termin muss innerhalb von sechs Monaten angesetzt werden.“ Bis zu diesem Zeitpunkt gäbe es also keinen Ortsbeirat in Kiekebusch, obwohl Mitglieder dafür vorhanden wären. „Weil wir glücklicherweise am 1. September noch eine Landtagswahl vor uns haben, werden wir versuchen, dann beides für die Einwohner zu kombinieren“, erklärt er. An einen ähnlichen Fall wie in Kiekebusch kann er sich nicht erinnern.

Frist endete am 21. März

Als letzter Termin vor dem Ablauf der Frist galt der 21. März. An jenem Donnerstag ahnte Lutz Stompler nach eigenen Worten bereits, dass eben nicht alles seinen geregelten Gang nehmen wird. Denn da habe er erfahren, dass die Unterlagen noch nicht verschickt seien.

Seit 15 Jahren arbeitet er im Ortsbeirat von Kiekebusch mit. Nach so langer Zeit kennen einen alle, wie er sagt. Das habe ihm durchaus geholfen. Zu den Erfolgen des Ortsbeirats zählt er den jahrelangen Kampf um einen Anschluss ans Erdgas, der schließlich gelang. Für die Sicherheit der Kinder, die in Dissenchen zur Schule gehen, haben die Mitglieder erreicht, dass auf der Hauptstraße ein zeitweiliges Tempolimit gilt.

Lutz Stompler bezeichnet sich selbst nicht als Ortsvorsteher, sondern als Bürgermeister. Darin schwingt auch ein gewisser Stolz mit. Kiekebusch betrachte sich halt immer noch als Dorf, nicht nur als einen Ortsteil von Cottbus. Umso mehr ärgert er sich darüber, dass der Wahlleiter keine Unterlagen erhalten hat.

Sein Amt will er niederlegen, weil er sich einer Krebstherapie unterzieht. Mit so einer Krankheit könne er nicht eine gesamte nächste Legislaturperiode planen, sagt er.

Neue Sorgen bahnen sich an

Daraus erwachsen allerdings neue Sorgen. Sie deuten auch auf die Probleme hin, die viele Dörfer in der Lausitz ereilen. Ein jüngerer Nachfolger findet sich nicht, wie Lutz Stompler zu bedenken gibt. Auch die fünf Mitglieder des bestehenden Ortsbeirats zeigen sich nach seinen Worten ratlos, sobald die Frage aufkommt, wer das Gremium künftig leiten soll.

Ein Student der Universität Potsdam untersuchte im Jahr 2011 genauer, wie die Altersstruktur der Ortsbeiräte aussieht. „Starke Ortsteile für Brandenburg?“ heißt das Arbeitsheft, das Lukas Rottnick damals veröffentlichte, So steche hervor, „dass sich vor allem Ältere als Repräsentanten ihres Ortsteils engagieren“, schrieb er. Die Mehrheit der Befragten hatte demnach das 55. Lebensjahr bereits erreicht, 35 Prozent gaben darüber hinaus an, nicht mehr berufstätig zu sein. „Dies weist auf zweierlei hin“, stellt der Autor fest. „Zum einen ist es nicht mehr berufstätigen Menschen offenbar eher möglich, Zeit für ehrenamtliches Engagement aufzubringen.“ Zum anderen lasse die Altersstruktur den Schluss zu, dass jüngere Anwohner sich weniger mit ihrem Ort identifizieren oder anderen Formen von Engagement den Vorzug geben.

Lutz Stompler hat nach eigenem Bekunden nie in einer Partei mitgearbeitet, auch nicht zu DDR-Zeiten. Trotzdem sieht er in seinem Einsatz für Kiekebusch einen politischen Auftrag. Zwar habe ein Ortsbeirat gegenüber der Stadt nur eine beratende Funktion. Doch eine solche Stimme sei wichtig für die Einwohner. So richtet er sich darauf ein, dass er seinen Schreibtisch wohl erst im September räumen wird. Das sei er seinem Dorf schuldig.

Zwei Wahlen bleiben im Plan

Immerhin können die Einwohner von Kiekebusch am 26. Mai trotzdem an zwei Wahlen teilnehmen, denen für die Stadtverordnetenversammlung und das Europaparlament. Nur die dritte Wahl, die der Ortsbeiräte, bleibt den Einwohnern vorenthalten. Darüber ärgert sich Lutz Stompler. Umso mehr, weil es in seinen Augen aus reiner Vergesslichkeit so kommt.

 Der Ortsvorsteher von Kiekebusch Lutz Stompler staunt selbst darüber, dass die Wahlunterlagen nicht eingereicht wurden.
Der Ortsvorsteher von Kiekebusch Lutz Stompler staunt selbst darüber, dass die Wahlunterlagen nicht eingereicht wurden. FOTO: LR / René Wappler