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| 07:56 Uhr

2. Juni 2018: Tag der Organspende
Organspende – warum reden so wichtig ist

Die Zahl der Organspenden war 2017 in Deutschland auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. 10 000 Menschen warten bundesweit auf ein Organ.
Die Zahl der Organspenden war 2017 in Deutschland auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. 10 000 Menschen warten bundesweit auf ein Organ. FOTO: dpa / Soeren Stache
Cottbus/Saarbrücken. In Brandenburg gab es im Vorjahr 18 Organspender und 399 Menschen auf der Warteliste. Warum so wenig Spenden? Ärzte sagen, es wird oft zu wenig darüber geredet.

In Sachsen waren es 523 Menschen, die ein Organ benötigten, während es im Freistaat nur 50 Organspender gab. Bundesweit haben 2017 mehr als 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan gehofft. Auf eine Niere, das am häufigsten benötigte Organ, warten etwa viermal so viele Menschen, wie es Organe gibt. Durchschnittliche Wartezeit: sechs Jahre. Diesen Samstag ist wieder Tag der Organspende, der seit 36 Jahren jeden ersten Samstag im Juni stattfindet. Es soll für das Thema Organspende sensibilisiert werden.

„Warum tun wir uns in Deutschland immer noch so schwer mit diesem Thema, das Leben retten und verlängern kann, wenn ein anderes zu Ende gegangen ist?“, fragt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in einer Pressemitteilung. Eine zufriedenstellende Antwort darauf hat auch Jens Soukup, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivtherapie und Palliativmedizin sowie Transplantationsbeauftragter des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums, nicht.

Auch für das Cottbuser Krankenhaus war 2017 mit Blick auf die Organspende kein gutes Jahr. So konnte im Klinikum im Vorjahr kein einziges Organ entnommen werden, um es für eine Spende freizugeben. Grund dafür war laut Jens Soukup jedoch nicht, dass Angehörige keine Zustimmung dazu geben wollten, sondern es habe einfach keinen Patienten gegeben, dessen klinischer Zustand so gewesen sei, dass er für eine Organspende infrage gekommen wäre.

Deutschland ist Schlusslicht

Laut DSO bildet Deutschland das Schlusslicht bei den Organspenden. „In 2017 ist die Anzahl der Organspender sogar auf einen Tiefstand der vergangenen 20 Jahre gesunken“, heißt es in einer Pressemitteilung. 797 Organspendern in Deutschland – die Zahl bezieht sich auf postmortale Organentnahmen – konnten 2594 Organe entnommen werden. Dass insgesamt 2765 Organe transplantiert wurden, liegt am grenzüberschreitenden Organaustausch im Eurotransplant-Verbund, zu dem acht europäische Länder gehören.

Organspende-Ausweis
Organspende-Ausweis FOTO: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Kathrin Leistner

Laut dem noch unveröffentlichten Jahresbericht 2017 der Stiftung Eurotransplant sind in Deutschland neun Spender auf eine Million Einwohner gekommen. Damit rutscht Deutschland auf die Position eines Landes ohne ernstzunehmendes Organspendesystem. Die untere Marke liegt bei zehn Spendern pro eine Million Einwohner.

Allerdings: 2018 sieht es schon wieder besser aus. Laut DSO gab im ersten Quartal 261 postmortale Organspenden, im Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum 212. Auch im Thiem-Klinikum konnten seit Jahresbeginn bereits zweimal Spenderorgane entnommen werden.

Wer spenden möchte, muss das auch sagen

Dass es selten zu Organspenden kommt, kann laut Chefarzt Jens Soukup mehrere Gründe haben. Besonders ausschlaggebende Punkte seien aber, dass im Vorfeld oft keine oder nur eine mangelhafte Patientenverfügung verfasst wurde, das Thema Organspende dort gar nicht vorkomme und im Vorfeld auch nicht mit der Familie über das Thema Organspende gesprochen worden sei. Auch Robert Grun, Leitender Oberarzt der Intensivstation und Transplantationsbeauftragter des Seenland Klinikums, macht häufig die Erfahrung, dass Patientenverfügungen nicht eindeutig sind und fügt an: „Ich habe den Eindruck, dass das Thema Organspende nicht häufig besprochen wird.“

Ob mangelhafte Patientenverfügung oder fehlende Bereitschaftsbekundung: In beiden Fällen haben meist die Angehörigen die Bürde, eine Entscheidung zu treffen. Laut Chefarzt Jens Soukup sind diese dann oft hin- und her gerissen, unsicher, ob sie im Sinne des Verstorbenen entscheiden. „Letztlich müssen die Angehörigen ja dann mit ihrer Entscheidung leben.“

Um solche emotionalen Konflikte für Angehörige zu vermeiden, sollten Menschen, die bereit sind Organe zu spenden, diesen Willen Angehörigen gegenüber bekunden oder dies eindeutig in der Patientenverfügung oder mithilfe eines Organspende-Ausweises dokumentieren. Damit finden auch Ärzte eine eindeutige Situation vor.

Außerdem wird auch seit Jahren darüber diskutiert, in Deutschland eine sogenannte Widerspruchslösung einzuführen, wie sie bereits in vielen europäischen Ländern schon Standard ist. Das heißt: Jeder Volljährige ist automatisch Organspender, außer er widerspricht aktiv. Aktuell gilt in Deutschland die Zustimmungslösung. Hier muss jeder Einzelne aktiv seine Bereitschaft zur Organspende bekunden. Laut DSO wäre das Einführen der Widerspruchslösung ein guter, sinnvoller Schritt.

Dialyse kann nur Ersatztherapie sein

­Ulrike Wolf, Fachärztin für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Nephrologie (Lehre der Niere), vom Ambulanten Zentrum für Nieren- und Hochdruckerkrankungen Nephrologicum Lausitz in Cottbus weiß, was für eine Erlösung der Erhalt eines Spenderorgans, einer Spenderniere, sein kann. Dutzende Patienten kommen regelmäßig in die Cottbuser Schwanstraße zur Blutwäsche (Dialyse) – von den 300 Patienten stehen laut Ulrike Wolf 80 auf der Warteliste für ein Organ.

Fünf Stunden dauert die Dialyse, dreimal die Woche muss sie durchgeführt werden. Dialysepatienten dürfen nur wenig trinken, müssen eine Diät einhalten, kämpfen nach der Behandlung oft mit starker Müdigkeit und Schwäche. Wolf: „Wenn Patienten sich zehn Jahre oder länger der Dialyse unterziehen müssen, verändert das die Menschen sehr.“ Einer der Dialyse-Patienten warte bereits seit zwölf Jahren auf ein Spenderorgan.

Auch, wenn die Dialyse eine Ersatztherapie sei, mit der sich ganz gut leben lässt, sagt Ulrike Wolf. Aber ein Spenderorgan sei natürlich das bestmögliche. „Das sind tolle Momente, wenn Patienten nach der Transplantation zu uns kommen und sich freuen: ‚Ich kann wieder pullern’.“

Bereitschaft ist da

Woran es liegt, dass es mittlerweile zu so wenig Organspenden kommt, kann sich die Internistin nicht erklären. Sie habe den Eindruck, dass die Bereitschaft durchaus vorhanden sei. Ihr Gefühl wird von Fakten untermauert. Eine aktuelle bundesweite repräsentative Umfrage von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, dass 84 Prozent der 4001 befragten Personen im Alter von 14 bis 75 dem Thema Organspende positiv gegenüberstehen.

Neben der Tatsache, dass viele ihre Bereitschaft offenbar nicht laut formulieren, gibt es auch noch andere Faktoren. Oberarzt Robert Grun kennt einen ganz einfachen Grund. So komme es durchaus  vor, dass Ärzte nicht an eine Organspende denken. Dies werde dann in der jährlichen Auswertung gemeinsam mit der DSO deutlich.

Axel Rahmel, Medizinischer Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation und Herzspezialist, sieht einen Teil der Verantwortung auch bei den Kliniken in Deutschland. Von den 1200 Kliniken, die zum System Organspende gehörten, hätten sich 700 im Vorjahr kein einziges Mal bei der DSO gemeldet. Dabei sei es schon rechnerisch unwahrscheinlich, dass dort kein Patient als potenzieller Spender infrage gekommen sei. Ein kleiner Lichtblick sei aber, dass die Zahl der Spendermeldungen der Kliniken im Vergleich zum Vorjahr wieder zugenommen habe.

Organspende, sagte Rahmel in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur, sei noch immer zu sehr vom individuellen Engagement einzelner Ärzte in den Kliniken abhängig. Bevor intensivmedizinische Maßnahmen eingestellt würden, sollte immer auch an Organspende gedacht und darüber gesprochen werden. Das sei im Klinikalltag nicht immer der Fall. Das bedeute nicht, dass sich Kliniken bewusst der Organspende verweigerten. Die Ursachen lägen vielmehr in den enormen Leistungsverdichtungen, am Druck auf den Intensivstationen und im Personalmangel. Deshalb wäre es auch wichtig, dass die Transplantationsbeauftragten von anderen Tätigkeiten in einer Klinik freigestellt würden. In Bayern sei das seit 2017 so, mit enormem Effekt: Die Zahl der Organspenden ist um 18 Prozent gestiegen. ⇥mit dpa