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| 11:46 Uhr

Pflegefamilien
Hausgemachter Fehlstart für Pflegekinder

FOTO: Fotolia/diy13
Cottbus. Pflegekinder müssen eigene Einnahmen zum Unterhalt beisteuern. Der Staat kassiert Lehrlingsgelder. Lausitzer laufen Sturm dagegen. Von Kathleen Weser

Maik K.* (18) lebt in einer Pflegefamilie in der Lausitz – und ist deshalb benachteiligt. Täglich fährt er in aller Frühe vom Dorf, in dem er seit Kindertagen lebt, zur Ausbildung als Hilfskoch ins nahegelegene Finsterwalde. Mit dem Bus des Kreisgrenzen überschreitenden öffentlichen Nahverkehrs ist der überschaubare Weg trotzdem Stress pur. Denn länger als zwölf Stunden ist der Auszubildende immer unterwegs. Und die Mühe der Lehre, die dem 18-Jährigen alles andere als leicht fällt, zahlt sich nicht aus. Er kann sich selbst nicht einmal den eher symbolischen Mitgliedsbeitrag im Kaninchenzüchterverein leisten. Denn Heim- und Pflegekinder, die einer Beschäftigung nachgehen, müssen mindestens drei Viertel ihrer Einnahmen an das Jugendamt abgeben. Dem jungen Hilfskoch-Lehrling, der das 18. Lebensjahr zwar vollendet hat, aber aus psychischen Gründen noch unselbstständig ist und weiterer Betreuung in der Pflegefamilie bedarf, bleibt nichts.

„Das ist so ungerecht“, sagt Maik K., der sich seine Lebenssituation nicht aussuchen konnte – aber finanziell dafür zur Verantwortung gezogen wird, dass seine leiblichen Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert waren. Seiner in Sachsen lebenden Mutter wurde das Sorgerecht deshalb gerichtlich entzogen. Maik K. kam in ein Heim, später in die Pflegefamilie im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Kontakt zu den leiblichen Eltern hat er nicht.

Im Kindergarten hat Sabine W. den Jungen vor nunmehr fast 15 Jahren gesehen. „Meine Schwester arbeitete in der Einrichtung. Wir hatten etwas zu besprechen. Nur deshalb war ich dort. Das Schicksal des Jungen hat mich so berührt, dass wir uns um die Pflegschaft bemüht haben“, erzählt die Pflegemutter. Sie und ihr Mann haben jeweils eigene Kinder mit in die Ehe gebracht, die schon eigene Wege gingen. Für die Geschwister ist Maik der kleine Bruder. Er gehört zur Familie. Vom Staat allerdings wird er anders behandelt.

Maik K. bekommt in einer geförderten Ausbildung der Bundesagentur für Arbeit ein Ausbildungsgeld von etwas mehr als 200 Euro. Dieses wird Kraft Gesetzes (Paragraf 93, Absatz 1 des Sozialgesetzbuches VIII) „in voller Höhe als zweckgleiche Leistung eingesetzt“. Das heißt: Der Betrag wird der Pflegefamilie vom Pflegegeld abgezogen, als „Anteil der Jugendlichen an den Unterhaltskosten“. Von selbst leistungsfähigen Pflegekindern verlangt der Gesetzgeber also bundeseinheitlich, dass sie sich selbst versorgen. Bei jedem in normalen Familienverhältnissen aufwachsenden Kind, von dem ein Elternteil nicht freiwillig für den Unterhalt aufkommt, wird die Leistungsfähigkeit des Vaters oder der Mutter indes vom Jugendamt regelmäßig überprüft und auch eingefordert. Bis zur abgeschlossenen Berufsausbildung und dem Studium – also bis zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit des leiblichen Kindes.

FOTO: LR

„Bei Pflegekindern holt sich der Staat seine Ausgaben gnadenlos von den unschuldig Betroffenen zurück“, stellt die Pflegemutter sichtlich verbittert fest. Auch das Kindergeld wird vom Jugendamt sofort als Kostenerstattung für die Unterbringung herangezogen. „Wir fragen uns, wie jungen Menschen, die auch als Pflegekinder wie jeder andere Jugendliche ja erst ins Leben starten, beigebracht werden soll, dass sich Arbeit lohnt“, sagt Pflegevater Jörg W. Diese Kinder müssen mit einem schwierigen Start ins Leben klarkommen, den Eltern verschuldet haben, und werden immer weiter bestraft, beklagt er. Es sei daher dringend geboten, dass der Gesetzgeber die Regelungen für das Heranziehen der Jugendlichen für die Kosten ihrer Unterbringung in Pflegefamilien ändert. Darum kämpfen diese bundesweit. Seit Jahren.

Pflegeeltern leisten eine wichtige, verantwortungsvolle Aufgabe. „Das Jugendamt Oberspreewald-Lausitz ist jederzeit auf der Suche nach aufgeschlossenen Familien, die bereit sind, die Erziehung von fremden Kindern vorübergehend oder auch für längere Zeit zu übernehmen“, erklärt Kreis-Sprecherin Sarah Werner. Um das Engagement der Pflegeeltern auch wertzuschätzen, organisiere das Jugendamt seit nunmehr 16 Jahren für Pflegeeltern und -kinder zwischen Lübbenau und Ort­rand Dankeschön-Veranstaltungen, die auch dem Austausch der Pflegeeltern dienten.

„Wir fühlen uns verschaukelt und nehmen an dieser Dankeschön-Veranstaltung schon lange nicht mehr teil“, sagt Pflegemutter Sabine W. Der Kampf um jeden Cent für den Jungen, den sie vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen hat und gut gerüstet ins Leben schicken will, sei zermürbend. Jeder Familieneinkauf werde penibel dokumentiert, der Anteil für Maik vom Hygieneartikel bis zum Fahrgeld errechnet. Unterstützung für Pflegefamilien stellen sich die Lausitzer anders vor.

Die Landkreise sind Bundesgesetzen verpflichtet und passen die Pflegegeldsätze regelmäßig den Em­pfehlungen des Deutschen Vereins an. „Aus hiesiger Sicht sind die Leistungen für den Unterhalt der Kinder angemessen und ausreichend“, schätzt Heidrun Schaaf, Sprecherin des Landkreises Dahme-Spreewald, ein. Sie räumt ein, dass Kinder, die in ihren Herkunftsfamilien leben, möglicherweise finanziell anders ausgestattet seien. Zwischen Eltern mit hohen Einkommen und Eltern im Hartz IV-Bezug gebe es auch Unterschiede. „Die Frage der Kosten der Erziehung stellt eine Aufwandsentschädigung für die Pflegepersonen dar und ist nicht als Gehalt zu betrachten“, erklärt sie.

Das ist den Pflegeeltern klar, betont Sabine W. Sie und ihr Mann kämpfen allein für den Pflegesohn.

*Namen bekannt