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Opferperspektive warnt vor Rechten

Das "Chekov" wurde überfallen – während hier Absolventen der Medizinischen Schule ihren Abschluss feierten.
Das "Chekov" wurde überfallen – während hier Absolventen der Medizinischen Schule ihren Abschluss feierten. FOTO: Helbig/mih1
Cottbus/Spree-Neiße. Cottbus und der Spree-Neiße-Kreis bleiben die Schwerpunkte rechtsextremer Gewalt im Land Brandenburg: Das teilt die Opferperspektive mit, deren Mitarbeiter die verfügbaren Daten für das Jahr 2016 gesammelt haben. Demnach zeugen 41 rechte Angriffe in Cottbus davon, "dass eine militante rechte Szene versucht, den öffentlichen Raum der Stadt zu dominieren", wie Geschäftsführerin Judith Porath berichtet. René Wappler /

Die Berater der Opferperspektive beobachten zudem, wie sich in Guben eine gut organisierte Nachwuchsszene herausbildet. In Spremberg bietet sich nach ihren Worten mittlerweile ein differenzierteres Bild.

Zu den dokumentierten Delikten zählt ein Überfall in Guben: Sechs maskierte Personen drangen laut Polizei im August in ein Gartengrundstück ein, wo sie mit einem Baseballschläger und einer Eisenstange auf drei Jugendliche einschlugen. Als die Polizeibeamten kurz darauf drei der Täter fassten, fanden sie bei ihnen zwei Messer, einen Baseballschläger und eine Schreckschusspistole.

In Cottbus versuchen Neonazis nach Angaben der Opferperspektive, "ihren Machtanspruch mit Gewalt auf die gesamte Stadt auszudehnen". Dabei stützten sie sich auch auf die organisierte Fanszene des FC Energie Cottbus. Die Chronik der Opferperspektive führt als Beispiel den Überfall auf den Jugendclub "Chekov" im September 2016 an. Ungefähr 20 Vermummte bewarfen demnach Gäste einer Party mit Flaschen. Eine Frau kam nach einem Schlag ins Gesicht ins Krankenhaus.

Das Aktionsbündnis Nazifrei warnte erst im Januar dieses Jahres nach einem nächtlichen Aufmarsch einer Gruppe von Rechtsextremen in der Cottbuser Innenstadt: Dieses Ereignis dürfe nicht als Einzelphänomen betrachtet werden. Es sei "Ausdruck einer rechten Eskalationsstrategie, die sich aus einem in der Gesellschaft weitverbreiteten Fremdenhass" speise. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) erklärte zum rechten Aufmarsch: "Solche Leute mit ihrem Hass, ihren einfachen Botschaften und ihrem Auftreten sollen nicht das Bild von Cottbus bestimmen." Er weigere sich, einige dieser Leute als Fans des FC Energie Cottbus zu bezeichnen. "Wahre Fans sind andere."

In Spremberg kam es zu Beginn des Jahres 2016 nur vereinzelt zu rechtsextremen Attacken. Die Berater der Opferperspektive erklären sich diesen Umstand aus der Tatsache, dass in diesem Zeitraum mehrere Gerichtsprozesse gegen Straftäter aus der Neonaziszene stattfanden. Gegen den 23-jährigen Martin G., bereits früher wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und weiterer Delikte verurteilt, verhängte das Cottbuser Amtsgericht eine mehrjährige Freiheitsstrafe: Die Richterin sah es als erwiesen an, dass er einem Mann in Spremberg den Schädel eingeschlagen und ihn auf diese Weise lebensgefährlich verletzt hatte. Der Täter selbst wies vor Gericht darauf hin, dass ihn eine "nationalsozialistische Gesinnung" präge. Allerdings weisen die Berater der Opferperspektive darauf hin, dass die Zahl rechtsextremer Attacken in Spremberg im Jahresverlauf wieder stieg. Demnach wurden Teilnehmer einer "Ende Gelände"-Demo im Mai in mindestens sechs Fällen bedroht. Im Dezember besuchten zwei afghanische Asylbewerber eine Diskothek. Auf dem Heimweg hielt ein Auto neben ihnen, zwei Männer stiegen aus und schlugen auf sie ein. Judith Porath von der Opferperspektive stellt fest: "Bedrohlich viele Menschen in Brandenburg haben keine Hemmungen, ihren rassistischen Ansichten im Alltag gewalttätig Ausdruck zu verleihen."