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Offene Kirche in Cottbus
Kleine Touristinformation und Ort der Stille

Pfarrer Uwe Weise besucht die ehrenamtlichen Helferinnen am Büchertisch Brigitte Wächter und Ulrike Noack (links).
Pfarrer Uwe Weise besucht die ehrenamtlichen Helferinnen am Büchertisch Brigitte Wächter und Ulrike Noack (links). FOTO: Elsner / LR
Cottbus. St. Nikolai in Cottbus lockt als offene Kirche Jahr für Jahr rund 50 000 Menschen an. Erster Ansprechpartner sind meist die ehrenamtlichen Mitarbeiter am Büchertisch.

Cottbuser schätzen die hier stattfindenden Konzerte und Ausstellungen. Gläubige kommen regelmäßig zum Gebet. Stadtführungen haben zumeist hier ihren Ausgangspunkt. Und vielbeschäftigte Mitmenschen genießen die Momente der Stille hinter ihren Backsteinmauern. Die Cottbuser Oberkirche St. Nikolai ist 365 Tage im Jahr geöffnet. Wieviele Menschen im Jahr der Einladung folgen, konnte bisher nur geschätzt werden. „Und es wurde völlig unterschätzt“, sagt Pfarrer Uwe Weise. Seit zwei Jahren werden die Eintretenden von den ehrenamtlichen Helfern am Büchertisch gezählt. Gottesdienste und Konzerte sind davon ausgenommen. Dennoch ergab die Zählung im Jahr 2016 rund 50 000 Besucher, im vorigen Jahr ist die magische Zahl 50 000 bereits am zweiten Advent erreicht worden.

„Die offene Kirche ist ein besonderer Ort“, so Uwe Weise. „Wer hier eintritt, lässt ganz viel hinter sich.“ Mancher nutzt seine Mittagspause, um hier innezuhalten. Im Sommerhalbjahr besonders beliebt ist die Orgelmusik am Mittag, zu der von Ostern bis Erntedank an jedem Dienstag um 12 Uhr eingeladen wird.

„Viele Menschen genießen einfach die Ruhe oder schütten ihr Herz aus“, sagt Brigitte Wächter, die seit 15 Jahren meist am Montagvormittag am Büchertisch Dienst tut. Gleich ihr sichern unter Leitung von Dorothea Hallmann, Pfarrerin im Ruhestand, und Pfarrerin Johanna Melchior 30 bis 40 Ehrenamtler die Dienste. Geöffnet sind Kirche und Büchertisch im Sommer täglich von 10 bis 17 Uhr und im Winter von 11 bis 16 Uhr.

Die Oberkirche beherbergt mit dem Altar, der 1664 vom Torgauer Künstler Andreas Schulze geschaffen wurde, nicht nur den wertvollsten Kunstgegenstand der Stadt. Sondern auch ihr geheimes Herz, wie Pfarrer Weise betont. Gemeint ist damit das Holzkreuz, an dem Gläubige ein Kerze anzünden, ihre Anliegen in der Not und ihren Dank mitteilen.

Im Gegensatz zu anderen großen Hallenkirchen verfügt die Oberkirche über kein festes Gestühl. Das lasse viele Varianten offen und sorge für größere Lebendigkeit. „Durch ihre Helligkeit wird auch das Vorurteil, Kirchen müssten immer dunkel und überladen sein, auf den Kopf gestellt“, sagt Uwe Weise.

Für viele Gäste der Stadt sind die Diensthabenden am Büchertisch wichtige Ansprechpartner auf der Suche nach Sehenswertem in der Stadt. „Das ist eine kleine Touristinformation“, stellt der Pfarrer fest. „Ich empfehle meist einen Besuch im Branitzer Park, im Staatstheater und im Kunstmuseum oder einen Spaziergang durch die städtischen Parks“, sagt Brigitte Wächter. „Und wer nach dem Spreewald fragt, den schicke ich nach Burg.“ Auch an der Cottbuser Baumkuchenmanufaktur seien Viele interessiert. „Von der Stadt sind die meisten Besucher begeistert“, stellt die 66-Jährige fest. Neben den historischen Bauten haben es ihnen vor allem die Parks angetan.

Hin und wieder schaut auch mal ein Prominenter herein. Gern erinnert sich Brigitte Wächter an die Begegnung mit dem Schauspieler Michael Rotschopf, der unter anderem als Staatsanwalt Dr. Alexander Binz in der Krimiserie „Soko Leipzig“ zu erleben ist. Aber auch für viele Cottbuser, die jetzt anderswo leben, ist ein Besuch in der alten Heimat häufig mit einer Stippvisite in der Oberkirche verbunden. Brigitte Wächter selbst empfindet eine tiefe Verbundenheit mit dem Bauwerk und der Gemeinde. „Ich hatte hier Konfirmation, bin hier getraut worden, habe meine Kinder und auch einen Enkel hier taufen lassen“, sagt sie.

Wie Pfarrer Uwe Weise betont, sind die seelsorgerischen Angebote der Kirche nicht glaubensspezifisch. „Mit der offenen Kirche sind wir für alle Menschen da, die den Weg hierher finden“, sagt er. Wer hierher komme, verankere sich tief in der Zeit. „Denn im 17. Jahrhundert hatten die Menschen die gleichen Nöte. Nur die Verpackung war anders.“