Zuerst war es eher ein Gefühl, das Günter Weigel beschlich. Immer, wenn der 79-Jährige in den vergangenen Monaten mit der Straßenbahn in der Stadt unterwegs war, beobachtete er, wie die Schienenfahrzeuge an Kreuzungen warten mussten. Dabei sollten doch die öffentlichen Verkehrsmittel eigentlich Vorrang genießen. So wurde es jedenfalls in verschiedenen Plänen der Stadt formuliert. Damit sollte den Cottbusern der Umstieg auf Bus und Bahn schmackhaft gemacht werden.

Schließlich wollte es der ehemalige Straßenbahnfahrer genau wissen. So setzte sich Weigel in die Linie 2 und fuhr die Strecke von Sachsendorf nach Sandow ab - eine Stoppuhr in der Hand.

Das Ergebnis ist verblüffend: 13 Mal musste die Bahn auf dem Weg durch die Stadt an Kreuzungen warten. 400 Sekunden kamen dabei zusammen. "Rechnet man geschätzt je zehn Sekunden Verlust für Verzögerung und Beschleunigung hinzu, kommt man locker auf insgesamt elf Minuten Verlustzeit", erklärt Dieter Schuster vom Fahrgastverband ProTram, der das Experiment begleitete. "Und das bei einer fahrplanmäßigen Zeit für die genannte Strecke von 22 Minuten."

Die Linie 4 schnitt während der Testfahrt nicht wesentlich besser ab. Zwischen Sachsendorf und Neu-Schmellwitz musste die Straßenbahn elf Mal an Kreuzungen anhalten und verlor dadurch alleine fünf Minuten - Verzögerung und Beschleunigung noch nicht mit eingerechnet. "Natürlich sind diese Messungen nicht repräsentativ, doch sie zeigen trotzdem eine Tendenz", sagt Dieter Schuster.

Auch Cottbusverkehr spricht von einer unbefriedigenden Situation. "Wir kennen die Probleme", erklärt Geschäftsführer Jörg Reincke. "Die Signalprogrammierung ist einfach mangelhaft", ergänzt er. Dabei sei eine Bevorzugung des ÖPNV wichtig, um die Nachfrage anzukurbeln. Das bedeutet: Steckt die Bahn häufig im Stau, springen die Fahrgäste ab. "Die Pläne, die die Stadt aufgestellt hat, sind gut, nur an der Umsetzung mangelt es", ergänzt Reincke.

Das Problem in dieser Größenordnung sei der Stadt bislang nicht bekannt gewesen, heißt es aus dem Cottbuser Rathaus. Allerdings gebe es Verzögerungen des ÖPNV, die mit dem aktuellen Baugeschehen zu tun hätten.

So konnte zum Beispiel für die Baustellen-Ampel an der Kreuzung Stadtring / Straße der Jugend keine Vorrangstellung der Straßenbahn eingerichtet werden. Auf der anderen Seite schlage das erhöhte Verkehrsaufkommen auf den Umleitungsstrecken, wie zum Beispiel in der Thiemstraße, zu Buche. Es handle sich deshalb nicht um Störungen der ÖPNV-Beschleunigung, sondern um eine Folge des Baustellenverkehrs im Stadtgebiet, so die Verwaltung. Cottbusverkehr-Chef Jörg Reincke will die Gründe von Fachleuten untersuchen lassen, um belastbare Fakten auf den Tisch zu bekommen.

"Im Flugwesen spricht man davon, dass man mit Flugzeugen nur dann Geld verdient, wenn sie in der Luft sind", sagt Dieter Schuster. Auf den Straßenbahnverkehr übertragen, bedeute das, dass die Fahrzeuge in Bewegung sein müssten. "Stillstand kostet Geld", ergänzt er.

ProTram und Cottbusverkehr pochen auch aus einem anderen Grund auf Pünktlichkeit. Nur dann ist es nämlich möglich, kürzere Takte einzuführen. Der Fahrgastverband wünscht sich, dass die Bahnen statt im 15- im Zehn-Minuten-Takt durch die Stadt fahren. "Das ist aber unrealistisch", erklärt Jörg Reincke. Stattdessen könnte aber die Linie 1 vom 20- auf einen 15-Minuten-Takt umgestellt werden, verrät er die Pläne des Unternehmens. Das funktioniert aber nur, wenn die Bahn nicht ständig durch rote Ampeln ausgebremst wird.