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| 17:22 Uhr

Cottbus
Sie helfen im Moment der tiefsten Trauer

Bernd Lattig (l.) hat die Leitung der Notfallseelsorge zum 1. Januar an den Pfarrer Bernd Puhlmann übergeben.
Bernd Lattig (l.) hat die Leitung der Notfallseelsorge zum 1. Januar an den Pfarrer Bernd Puhlmann übergeben. FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. Bernd Lattig hat die Notfallseelsorge in Cottbus und Spree-Neiße 20 Jahre lang geleitet. Jetzt tritt er in die zweite Reihe zurück. Von Andrea Hilscher

Ein Albtraum: Es klingelt nachts an der Tür. Ein Polizist sagt: „Ich habe Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen. . .“ In dieser Sekunde beginnt für Angehörige ein Sturz ins Bodenlose. Wenn sie Glück haben, werden sie aufgefangen – von einem Notfallseelsorger.

Vor 20 Jahren – unter dem Eindruck von Massenkatastrophen wie in Rammstein oder Eschede – ließ die Landesregierung in ganz Brandenburg Kriseninterventionsteams aufbauen, die Angehörigen und Einsatzkräften in schwierigen Situationen beistehen sollen. Der frühere Sozialarbeiter Bernd Lattig hat dieses Team für Cottbus aufgebaut, über 20 Jahre hinweg koordiniert. Er war selbst bei unzähligen  Einsätzen vor Ort. „Jetzt trete ich in die zweite Reihe zurück, übergebe die Leitung in andere Hände“, sagt der 74-Jährige. Als Seelsorger will er allerdings weiter arbeiten – ehrenamtlich, wie auch in den 20 Jahren zuvor.

Derzeit besteht das Team für Cottbus und Spree-Neiße aus zwölf Notfallseelsorgern. Sie stehen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr bereit, um Menschen in Notsituationen beizustehen. „Das können Angehörige sein, die gerade eine Todesnachricht erhalten haben, Menschen, deren Ehepartner plötzlich in der Wohnung verstorben ist oder eben auch Einsatzkräfte, die nach  einem verheerenden Unglück seelischen Beistand brauchen“, erklärt Bernd Lattig.

Alarmiert werden die Seelsorger  über die Leitstelle der Feuerwehr in Cottbus, ihr Einsatz kann von Polizisten und Einsatzleitern im Rettungsdienst angefordert werden. „Grundsätzlich sind wir für jeden Menschen da, der uns braucht“, sagt Lattig. Allein im vergangenen Jahr wurden er und seine Kollegen 87-mal um Hilfe gebeten, 19 Einsätze hat er selbst absolviert. „Da ist manchmal schon die Grenze der Belastbarkeit erreicht“, gibt er zu. Jeder Notfallseelsorger habe so seine eigenen Schwachpunkte. Ihm selbst etwa falle es besonders schwer, Eltern beizustehen, deren Kinder sich mit 17 oder 18 das Leben nehmen. Seinem Kollegen und Nachfolger Bernd Puhlmann hat sich nach einem besonders schweren Unfall der Geruch von Blut und Benzin ins Gedächtnis eingebrannt.

Um diese Erinnerungen zu verarbeiten, vielleicht auch mit vermeintlichem eigenen Versagen umgehen zu können, nehmen die Notfallseelsorger regelmäßig an Supervisionen teil. „Ein harter Job bleibt es trotzdem“, sagt Bernd Puhlmann. Derzeit arbeiten vier Frauen und acht Männer im Team. Sie sind im Hauptberuf Pfarrer oder Psychologen, engagieren sich bei der Feuerwehr oder haben andere Berührungspunkte zu helfenden Berufen.

„Wer sich bei uns bewirbt, muss in mehreren Gesprächen zeigen, ob er ausreichend belastbar ist“, so Bernd Puhlmann. Anschließend nehmen die Bewerber an einer einwöchigen Schulung teil, außerdem sind Praktika bei Polizei und Rettungsdienst sinnvoll. Kommt es zum Einsatz, müssen sich die Seelsorger in die jeweilige Situation einfühlen können. Oft geht es dabei gar nicht um tröstende Worte: Wichtiger sind eine Tasse warmer Tee, eine Umarmung oder einfach das Aushalten von zutiefst emotionalen Momenten. Oft bleiben die Helfer mehrere Stunden bei Angehörigen oder Zeugen, die schreckliche Bilder verarbeiten müssen. Und auch Verursacher von Unglücken können auf den Beistand der Seelsorger zählen.

Marco Mette, Kripochef und Bindeglied zwischen Polizei und Seelsorge: „Es ist ein Segen, dass wir bei der Überbringung von Todesnachrichten oder bei anderen psychisch sehr belastenden Situationen rund um die Uhr auf das Kriseninterventionsteam zurückgreifen können.“ Bernd Lattig zieht sich aus der Leitung des Teams zurück. Menschen in Not will er dennoch weiter beistehen. „Wir werden gebraucht.“ An 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr.