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| 19:02 Uhr

Lausitzer Notfallseelsorger sichern ein schweres Ehrenamt
Helfer, die Zeit mitbringen

 Im Einsatz oft allein, im Team aber aufgefangen. Notfallseelsorgerin Jana Raack fährt los. Wenn sie danach einen Gesprächspartner brauchen, kann sie sich an ihre  Kollegen Benjamin Kaschula (M.) oder Bernd Puhlmann wenden.
Im Einsatz oft allein, im Team aber aufgefangen. Notfallseelsorgerin Jana Raack fährt los. Wenn sie danach einen Gesprächspartner brauchen, kann sie sich an ihre  Kollegen Benjamin Kaschula (M.) oder Bernd Puhlmann wenden. FOTO: LR / Bodo Baumert
Cottbus. Sie sind da, wenn Menschen sterben, wenn Angehörige, Hinterbliebene oder Einsatzkräfte nach einem Unfall Betreuung brauchen, wenn Menschen sich selbst das Leben nehmen. Notfallseelsorger üben ein schweres Ehrenamt aus. Wie schaffen sie das? Von Bodo Baumert

Montag, 16 Uhr. Bei Benjamin Kaschula meldet sich der Pieper. Die Rettungsleitstelle. „Angehörige nach Exitus“ steht auf dem Gerät. Benjamin Kaschula greift zum Telefon, ruft die Leitstelle an und fragt nach: Was ist passiert? Wo ist der Einsatz? Um wen soll er sich kümmern? Dann packt er die wenigen Sachen, die er braucht, steigt ins Auto und fährt los.

Sieben Tage die Woche, 24 Stunden

Benjamin Kaschula ist Notfallseelsorger, einer von derzeit 14 in Cottbus und Spree-Neiße. Er und seine Kollegen stehen bereit, wenn Polizei, Feuerwehr oder Retter Hilfe brauchen, wenn es nicht mehr nur um medizinische oder technische Rettung geht, sondern um mehr, um Angehörige, Betroffene, Opfer, Täter. „Wir sind für die psychosoziale Betreuung da“, sagt Bernd Puhlmann, ein weiteres Mitglieder des Cottbuser Notfallseelsorge-Teams. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden.

Ein Mann ist gestorben, die Frau (86) lebte mit dem Verstorbenen in der Wohnung – ohne weitere Angehörige in der Nähe. Die Rettungssanitäter haben den Eindruck, sie braucht Hilfe. Deshalb haben sie die Leitstelle informiert, den Notfallseelsorger gerufen. Der Fall ist fiktiv, die Umstände Alltag für die Notfallseelsorger.

 Die Einsatztasche ist immer Einsatzbereit. Darin: Alles, was im Trauerfall helfen kann: Von Zigaretten über Wasser bis zum Taschentuch.
Die Einsatztasche ist immer Einsatzbereit. Darin: Alles, was im Trauerfall helfen kann: Von Zigaretten über Wasser bis zum Taschentuch. FOTO: LR / Bodo Baumert

Fixiert auf das Wesentliche

Benjamin Kaschula ist unterwegs zum Einsatzort. Das Autoradio lässt er bewusst aus, konzentriert sich auf das, was ihn erwarten wird, bereitet sich vor. Vor Ort spricht er zunächst mit den Rettern, macht sich ein Bild der Lage. Dann wendet er sich der Frau zu, für die er gerufen wurde. Er stellt sich vor, versucht ins Gespräch zu kommen. Ab jetzt ist er nur noch auf sie fixiert.

„Der Mensch kennt drei Wege, mit Gefahren umzugehen: flüchten, angreifen, totstellen. Alle drei Möglichkeiten erleben auch wir“, sagt Bernd Puhlmann. Der Notfallseelsorger muss vor Ort sehen, was passiert, muss flexibel sein. „Ich erlebe öfter, dass der Angehörige nur dasitzt und auf ein Bild des Verstorbenen in der Schrankwand starrt“, berichtet Benjamin Kaschula. „Dann setzte ich mich dazu, schaue mit ihm das Bild an. Irgendwann bricht er das Schweigen von sich aus.“ Er hat aber auch schon erlebt, dass ein Angehöriger die Schrankwand zerlegt hat. „Auch das müssen wir dann aushalten“, fügt Bernd Puhlmann hinzu.

Auf alles vorbereitet

Wo andere Retter schweres Gerät auffahren, reicht den Notfallseelsorgern eine Packung Taschentücher, manchmal ein Teddy für Kinder. „Ich habe auch Schokolade, Zigaretten, eine Flasche Wasser dabei“, sagt Benjamin Kaschula. Das ist aber nicht entscheidend. „Unser Werkzeug ist die Zeit“, sagt er. Wo andere Helfer wieder abrücken müssen, bleiben die Notfallseelsorger da. Sie haben keinen Termindruck, sind für ihren Gegenüber da.

 Der Notfallseelsorge-Teddy kommt zum Einsatz, wenn Kinder Hilfe brauchen.
Der Notfallseelsorge-Teddy kommt zum Einsatz, wenn Kinder Hilfe brauchen. FOTO: LR / Bodo Baumert

Im Schnitt zweieinhalb Stunden dauert ein Einsatz, selten unter einer Stunde, sehr viel häufiger deutlich länger. „Wir sind die Zwischenlösung zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht“, erklärt Bernd Puhlmann. Die Krisenhelfer sind für den akuten Fall da, hören zu, beantworten Fragen, geben Anregungen, helfen Angehörige zu informieren oder Abschied zu nehmen.

Abschiednehmen fällt schwer

Gerade das Abschiednehmen fällt Angehörigen oft schwer. „Darf ich meinen Mann noch einmal berühren“, fragt die 86-Jährige verunsichert. „Aber sicher“, sagt Notfallseelsorger Kaschula. Manchmal hat er auch schon den Bestatter gebeten, kurz zu warten, damit Angehörige ihren Verstorbenen noch einmal umarmen können.

Mit Seelsorge im religiösen Sinne muss das nichts zu tun haben, kann aber. „Wir haben in unserem Team Mitglieder aus allen Richtungen, manche kirchlich, andere nicht“, sagt Bernd Puhlmann. Auch bei den Betroffenen kann der Glaube eine Rolle spielen, muss es aber nicht.

Manchmal ist das beste Hilfsmittel auch viel banaler. „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen?“, fragt Bernd Puhlmann beispielsweise, wenn er mit der Polizei eine Todesnachricht überbringt. Der Körper dehydriere, wenn er in eine psychische Ausnahmesituation komme, erklärt er. Da könne ein Schluck Wasser schon helfen. Das Glas wiederum kann Halt geben, im wörtlichen Sinne.

Was braucht der Gegenüber jetzt? Wie lässt sich seine „Selbstwirksamkeit“ stärken? Wo bekommt er Hilfe und Unterstützung her? All das sind Fragen, die den Notfallseelsorger vor Ort beschäftigen. Die Betroffenen erleben sich oft in einer Art Ohnmacht, aus der sie ins Handeln gebracht werden müssen, so Bernd Puhlmann.

Notfallseelsorger brauchen Hilfe

Halt brauchen auch die Notfallseelsorger selbst. Sie sind Krisenhelfer, aber wer hilft ihnen? „Unsere Partner bekommen natürlich mit, wie es uns  geht“, sagt Bernd Puhlmann. Wichtig sei aber auch das Team. Im Kreis der Notfallseelsorger findet sich immer ein Gesprächspartner, der Ähnliches erlebt hat. Regelmäßig trifft man sich zudem zur Supervisison, spricht Fälle im Nachhinein noch einmal durch.

„Ich gehe auf der Rückfahrt das Gespräch immer noch einmal im Kopf durch“ sagt Bernd Puhlmann. Benjamin Kaschula setzt sich zuhause oft noch in den Garten, um abzuschalten, zur Ruhe zu kommen. „Wir müssen die jeweilige Person dann loslassen“, sagt Puhlmann. Die Selbstfürsorge sei – wie bei anderen Helfern – wichtig. Sonst könne man das Ehrenamt nicht lange ausfüllen.

Ein Anruf bei der Leitstelle genügt

Auch die Ausbildung hilft. Bevor Notfallseelsorger ihren Dienst antreten, müssen sie einen Vorbereitungskurs durchlaufen. Erst danach entscheidet die jeweilige Ausbildungs-Teamleitung, ob sie für den Einsatz geeignet sind. „Jeder von uns hat aber auch das Recht, einen Einsatz abzulehnen, egal aus welchen Gründen“, sagt Bernd Puhlmann. Dann springt ein Kollege ein. Oder die Leitstelle fragt im Nachbarkreis an. Denn Notfallseelsorger gibt es in jedem Landkreis, organisiert durch den jeweiligen Katastrophenschutz.

Jeder Einsatz, zu dem ein Notfallseelsorger gerufen wird, ist anders. Wenn es keine Todesnachricht zu überbringen oder einen Angehöriger zu betreuen gilt, kann es auch ein Unfall sein, der Retter, Opfer oder Verursacher an den Rand ihrer Kräfte bringt. „Jeder hat die Möglichkeit, einen Notfallseelsorger anzufordern“, sagt Bernd Puhlmann. Ein Anruf bei der Leitstelle unter 112 genügt. Die Disponenten dort entscheiden dann, ob ein Notfallseelsorger gerufen wird.

Kein Ersatz für Psychologen

Ersatz für den Psychologen oder andere Hilfsdienste sind die Notfallseelsorger aber nicht. „Wir sind im akuten Fall da, bleiben solange wie nötig, fahren dann aber auch wieder“, erklärt Puhlmann.

Das Team Cottbus-Spree-Neiße gibt es seit 20 Jahren. Die Hälfte der Helfer der ersten Stunde ist noch immer dabei. Neue werden aber immer gesucht. Denn die Zahl der Einsätze steigt. Bis zu 90 sind es im Jahr.

Warum nehmen Menschen diese schwer Aufgabe auf sich? „Es ist ein Ehrenamt, das erdet“, sagt Bernd Puhlmann. „Und wenn ich mal in eine solche Situation komme, hoffe ich, dass auch jemand für mich da sein wird.“