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Noch einmal ganz von vorn

Sabine van de Veire unterrichtet ihre Kursteilnehmer täglich in Cottbus und Spremberg. Eine Unterrichtseinheit dauert vier Stunden.
Sabine van de Veire unterrichtet ihre Kursteilnehmer täglich in Cottbus und Spremberg. Eine Unterrichtseinheit dauert vier Stunden. FOTO: Jenny Theiler
Cottbus. "Wir lesen jetzt noch einmal die Wörter, die wir schon kennen und welche, die wir noch nicht kennen", fordert Sabine van de Veire ihre Schüler auf. Die Dozentin gibt zu, dass sie ihren Schülern viel abverlangt. Jenny Theiler

Dennoch scheint die Zusammenarbeit mit den zwölf lernwilligen Flüchtlingen zu funktionieren. Denn ohne ein Sprachzertifikat wird nicht einmal die Suche nach einer Arbeit möglich sein - das haben mittlerweile alle verstanden.

Vor allem die Umlaute bereiten den arabischstämmigen Sprachschülern große Probleme. "Es heißt nicht Stuhle, sondern Stühle", verbessert Sabine van de Veire. Anschließend wird dekliniert, konjugiert und buchstabiert. "Warum sagt man ‚geholfen' und nicht ‚gehilft'", fragt ein junger Syrer. Nur wenige arabische Sätze sind im Unterricht zu hören. Wer eine Frage hat, versucht sie auf Deutsch zu stellen. Sabine van de Veire ist streng, aber herzlich und vor allem geduldig. Die Motivation, im Erwachsenenalter eine neue Sprache zu lernen und noch einmal ganz von vorn anzufangen, rechnet die Dozentin ihren Schülern hoch an. "Man darf nicht vergessen, was sie alles erlebt haben", sagt die Dozentin und verweist auf einen 45-jährigen Afghanen, der seine ganze Familie verloren hat. Er ist der älteste Kursteilnehmer - der jüngste ist 21 Jahre alt. Pünktlichkeit und gegenseitiger Respekt werden bei Sabine van de Veire ganz groß geschrieben. "Es ist schließlich nicht nur unsere Aufgabe, Sprachkenntnisse zu vermitteln. Sie müssen auch die deutsche Lebensart kennenlernen", erklärt die Dozentin.

Unter den zwölf Schülern gibt es nur drei Frauen. "Die Flüchtlingsfrauen mit besonders kleinen Kindern können an den Kursen nicht teilnehmen, weil sie keinen Kindergartenplatz finden. Den finden sie nicht, weil sie nicht arbeiten gehen und sie dürfen nicht arbeiten, weil sie kaum Deutsch sprechen", beklagt die angehende Dozentin Colin Stoy die Situation der Frauen. Eltern, deren Kinder bereits in der Schule sind, haben einen enormen Lernvorteil, da die Kinder sehr schnell Deutsch lernen. Insbesondere syrische Frauen seien beim Deutschlernen sehr fleißig und beginnen, sich allmählich zu emanzipieren. "Die Frauen erkennen, dass auch sie die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, und das spornt sie natürlich an", freut sich Sabine van de Veire.

Im Sommer wurden die ersten Sprachzertifikate an Schüler des Bildungszentrums (Biz) der Industrie und Handelskammer (IHK) Cottbus vergeben. Wer das A2-Zertifikat erreicht hat, darf nun am weiterführenden B1-Kurs teilnehmen. Vielen Flüchtlingen ist die Notwendigkeit eines Sprachzertifikates anfangs nicht klar. "Sie wollen lieber sofort arbeiten gehen und unterschätzen dann die sprachlichen Barrieren", erklärt Sabine van de Veire. 700 Unterrichtsstunden sind vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) für das ersehnte Sprachniveau vorgesehen. Die Trägerschaft für B2-Kurse wurde mittlerweile vom Bamf genehmigt. Laut Sabine van de Veire müssen aber noch einige Vorbereitungen getroffen werden, um auch künftig B2-Kurse im Biz anzubieten.