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| 13:31 Uhr

Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft
Zwischen Tourismus und Identität

 Diskussion bei der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft im Cottbuser Stadtmuseum.
Diskussion bei der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft im Cottbuser Stadtmuseum. FOTO: Ingrid Hoberg
Cottbus. Die Niederlausitzer Gesellschaft rückt den 200. Geburtstag von Theodor Fontane ins Blickfeld der Heimatforschung. Von Ingrid Hoberg

Die Fontane-Ausstellung in Neuruppin ist gerade eröffnet, die Sonderausstellung zu Theodor Fontane und Carl Blechen in der Gutsökonomie von Schloss Branitz ebenso – im Jahr des 200. Geburtstags des märkischen Dichters und Reiseschriftstellers hat auch die Niederlausitzer Gesellschaft für Geschichte und Landeskunde ihren Fokus auf Fontane gelenkt. Die Vorträge während der Frühjahrstagung, die am Samstag im Cottbuser Stadtmuseum stattfand, widmeten sich literarischen Landschaftsreisen.

Alfred Roggan sprach über „Fontane und das wendische Brandenburg“. Christian Friedrich und Volkmar Herold haben Fontane und Pückler als Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts betrachtet. Michael Lange berichtete, wie Fontane 1859 in der „Preußischen Zeitung“ seinen Besuch in Lübbenau erlebt und dann dargestellt hatte. Gekürzte Texte gingen später in die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein. Ralf Gebuhr befasste sich mit der Familiengeschichte des Schriftstellers Ehm Welk, der von 1935 bis 1940 in Lübbenau lebte, und der dichterischen Darstellung der Spreewaldlandschaft.

Einen anderen Ansatz fand Burghard Ciesla – der Historiker beschäftigte sich mit dem Buch „Spreewaldfahrten“ von Landolf Scherzer, das mit Bildern des Cottbuser Pressefotografen Erich Schutt gestaltet wurde. Das Buch, das im Jahr 1975 beim Greifenverlag zu Rudolstadt erschienen war, besitzt inzwischen Kult-Status auf dem Buchmarkt. Wie Burghard Ciesla ausführte, hatte der Autor schon damals die Licht- und Schattenseiten des Tourismus thematisiert, aber auch den Einfluss von Industrialisierung, Kohlebergbau und Großflächenbewirtschaftung durch die Landwirtschaft kritisch betrachtet. Zu den Tagungsteilnehmern zählte mit Dieter Kahl ein Zeitzeuge. „Ich war einer der Interviewpartner, mit denen Landolf Scherzer damals gesprochen hat“, meldete er sich in der Diskussionsrunde zu Wort. Er sei bis zur Wende Abteilungsleiter im Institut für Kraftwerkstechnik Vetschau und in der Umweltforschung tätig gewesen. Die Umweltthematik kristallisierte sich schon damals als Schwerpunkt gesellschaftlicher Prozesse heraus.

Wie Burghard Ciesla berichtete, gab es vonseiten der Bezirksleitung der SED Bemühungen, den zeitkritischen Text von Landolf Scherzer zu verhindern. In der kurzen politischen Tauwetter-Periode um 1975 sei trotz des massiven Widerstands der Parteiführung des Bezirks Cottbus die Veröffentlichung des Buches gelungen. Vielleicht hätten dazu auch die Fotos von Erich Schutt beigetragen, die von mancher Seite als zu idyllisch kritisiert wurden – das könnte aber auch ein geschickter Schachzug der Autoren gewesen sein, um den kritischen Text durchzubekommen.

Unter dem Motto des Fontane-Zitats „Der Spreewald – ein landschaftliches Kabinett-Stück“ erläuterte Stadtmuseums-Chef Steffen Krestin die nächste Sonderausstellung im Haus, die im Mai eröffnet wird. „Was verbindet uns mit Fontane? Er war nicht in Cottbus“, stellte er fest. Die Spreewaldreise von 1859 sei der Ausgangspunkt. „Was hat das mit uns heute zu tun?“, diese Frage müsse sich ein Museum stellen. Originale sollen zum Sprechen gebracht werden, um zu zeigen, was Ende des 19. Jahrhunderts in der Region auch durch bürgerschaftliches Engagement entstanden sei. Während Fontane, der durch seine Reiseliteratur die Neugier auf Neues weckte, noch teuer reisen musste, wurde es nach dem Bau der Bahnstrecke Berlin – Görlitz erschwinglicher. Der Wandel im Geschichtsbild über das wendische Land soll ebenso thematisiert werden wie der expansive Landschaftsumbruch in der DDR. Die Begleiterscheinungen des modernen Tourismus gab es für Fontane noch nicht. Er habe den Alltag und die Lebensweise der Wenden beschrieben.

Zum Abschluss der Tagung schlug Alexandra Kmak-Pamirska mit ihrem Vortrag „Der Tourismus im Spreewald – Sorben und Wenden“ den Bogen zur „Touristifizierung“. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sorbischen Institut Bautzen arbeitet an dem Projekt „Touristifizierung ethnischer und kultureller Minderheiten in Polen und Deutschland von 1870 bis zur Gegenwart“. Sie berichtete über die ersten Reiseführer Ende des 19. Jahrhunderts, über die Bedeutung der Trachten für die Attraktivität der Region bis hin zur gegenwärtigen medialen Darstellung des Spreewalds. „Alles, was für Touristen geschaffen wurde, ist touristifiziert – so wie in anderen Regionen auch.“

Es sei ein schwieriger Prozess zwischen touristischer Erwartung und eigener kultureller Identität, stellte Steffen Krestin als Resümee fest. „Viele Antworten stehen noch aus.“ Die Bedeutung der Region mit der sorbischen/wendischen Tradition werde in der alltäglichen Arbeit berücksichtigt, verwies er auf das Wendische Museum in der Mühlenstraße. Und er ermunterte, die Museen der Region zu besuchen. So bereitet das Museum Schloss Lübben für das zweite Halbjahr eine Fontane-Ausstellung vor. Und in Spremberg gibt es im Niederlausitzer Heidemuseum zur Sonderausstellung „Kein unbeschriebenes Blatt“ am 25. April um 18 Uhr eine „Stunde der Poesie“ mit Andreas Peter aus Guben.

 Diskussion während der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft.
Diskussion während der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft. FOTO: Ingrid Hoberg
 neu Diskussion während der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft im Cottbuser Stadtmuseum.
neu Diskussion während der Frühjahrstagung der Niederlausitzer Gesellschaft im Cottbuser Stadtmuseum. FOTO: Ingrid Hoberg