ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:36 Uhr

Cottbus
Nicht für immer Opfer bleiben

Corinna Diesner (l.) und Karina Kluge betreuen Opfer schwerer Straftaten in der Region.
Corinna Diesner (l.) und Karina Kluge betreuen Opfer schwerer Straftaten in der Region. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Seit 20 Jahren finden Betroffene nach schweren Verbrechen Hilfe in Cottbus Von Andrea Hilscher

Der Raum ist in ruhigen Farben gehalten, eine schlichte Sitzgruppe lädt zum Entspannen ein. Wer den Weg in die Opferberatung Cottbus findet, braucht das Gefühl, willkommen und geschützt zu sein. Er, oder weitaus häufiger noch: sie ist tatsächlich zum Opfer geworden. Geschlagen oder vergewaltigt vom eigenen Mann, im Kinderheim oder Sportverein sexuell missbraucht, auf der Straße belästigt, angegriffen, verfolgt. „Unsere Klienten haben an Körper und Seele Schaden genommen, und wir sind hier, um ihnen zu helfen“, sagt Karina Kluge, die 20 Stunden wöchentlich als Psychologin für die Opferberatung arbeitet.

Seit 20 Jahren gibt es die Beratungsstelle in Cottbus, eine von sechs Anlaufstellen landesweit, in denen Verbrechensopfer Hilfe finden. Finanziert wird die Arbeit vom Justizministerium im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen Opferschutzes.

Jährlich kommen im Schnitt hundert Menschen in die Beratung, in diesem Jahr waren es bereits 140. „Wir sind am Limit“ sagt Karina Kluge. Denn jeder ihrer Fälle ist anders.

Da ist die Frau aus Elbe-Elster, die in ihrem Laden Opfer eines folgenschweren Angriffs geworden ist. Körperliche Schmerzen kann der Arzt behandeln, die seelischen Wunden aber sitzen tiefer. Scham darüber, zum Opfer geworden zu sein. Die Frage nach der eigenen Schuld. Das Gefühl, dass nichts im Leben mehr so ist wie vor dem Verbrechen.

Da ist der Mann, der auf offener Straße verprügelt wurde. Das Mädchen, das im Sportverein unsittlich berührt wurde. Die Frau, deren Kollegen ihr mit Anzüglichkeiten und Übergriffen das Leben zur Hölle machen.

„Zunächst sagen wir den Opfern, dass alles was sie fühlen, normal ist“, erklärt die Psychologin. „Nach einem Knochenbruch braucht der Körper auch einige Wochen, um zu heilen. Und nach einem seelischen Bruch muss man sich auch Zeit nehmen für die Genesung.“ Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Panikattacken, Depressionen – Verbrechensopfer leiden unter vielfältigsten Symptomen. Manchmal reichen schon wenige Beratungsstunden, um das Leben wieder ins richtige Gleis zu lenken, manchmal braucht es Jahre der psychologischen Beratung.

Viele der Klienten ritzen sich, wollen mit der Selbstverletzung Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen. „Mit  ihnen suche ich nach anderen Möglichkeiten, Spannungen abzubauen und Kontrolle zu erfahren“, sagt Karina Kluge. Manchen Klienten hilft es, Zeitungen zu zerreißen, andere nutzen Schreien im Wald oder laute Musik als Ventil.

Um ein zerstörtes Selbstwertgefühl zu stabilisieren, reichen oft schlichte Fragebögen: Wenn Klienten aufschreiben müssen, welche Menschen in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen, rückt schon das eine schiefe Wahrnehmung gerade.

„Therapeuten mit der Befähigung, Traumapatienten zu betreuen, sind leider selten“, sagt Karina Kluge. Sie hilft mir ihrer Arbeit, Wartezeiten zu überbrücken, falls Verbrechensopfer langwierige Behandlung brauchen.

Einen anderen Aspekt der Opferbetreuung übernimmt Corinna Diesner, die neben Cottbus auch in Senftenberg in der Opferberatung arbeitet. Sie sorgt als Sozialarbeiterin dafür, dass Opfer überhaupt in die Lage versetzt werden, vor Gericht eine Aussage zu machen. „Ich begleite sie zur Polizei und zum Gericht, halte bei Bedarf ihre Hand, sorge für ausreichend Essen und Trinken oder schlicht dafür, dass die Opfer den Tätern nicht auf dem Gerichtsflur begegnen“, sagt Corinna Diesner. Kinder und Jugendliche, schwer traumatisierte Menschen oder Menschen mit Behinderung können diese Art der Unterstützung in Anspruch nehmen, auch Opfer sexualisierter Gewalt haben einen Anspruch auf besonderen Schutz.

„Oft brauchen die Opfer besondere Unterstützung. Therapien, die keine Kasse bezahlt, eine zerstörte Brille, die ersetzt werden muss.“ Die Sozialarbeiterin weiß, welche Fonds in diesen Notfällen greifen. Sie unterstützt bei dem Formulieren von Anträgen, hilft auch Opfern der SED-Herrschaft auf dem Weg der Rehabilitation. Ehemalige Heimkinder, die sexuell missbraucht wurden, gehören ebenso zu ihren Klienten wie Menschen, die im Umfeld von Job, Schule oder Sportverein zum Opfer wurden. „Sexuelle Übergriffe gibt es überall, keine Sphäre ist davon frei“, sagt Corinna Diesner.

 Dennoch ereignen sich über 70 Prozent aller Missbrauchsfälle im familiären Umfeld. Für die Opfer nur schwer zu ertragen – ausgerechnet von geliebten Menschen Leid und Schmerz zu erfahren, löst tiefe Traumata aus.

Genau deshalb arbeitet die Opferberatung eng mit dem Cottbuser Frauenhaus zusammen: Dort finden Frauen und ihre Kinder Schutz vor gewalttätigen Vätern oder Ehemännern. Inzwischen, so die Erfahrung der Beraterinnen, wenden sich auch viele Frauen mit Migrationshintergrund ans Frauenhaus oder die Opferberatung. „Für sie ist es besonders schwer, etwa über eine Vergewaltigung zu sprechen“, erzählt Karina Kluge. In islamisch geprägten Ländern gilt auch eine vergewaltigte Frau als Ehebrecherin.

„Auf der anderen Seite haben wir natürlich auch Migranten, die zu Tätern werden“, sagt die Psychologin. Kommen deren Opfer in die Beratung, muss sie neben ihrer üblichen Arbeit auch noch politisch tätig werden. „Ein Verbrechen, dass von einem Flüchtling begangen wurde, steht immer unter besonderen Vorzeichen“, sagt sie. „Manche Opfer sehen die Zuwanderung tatsächlich als Ursache aller Probleme. Andere wieder nehmen die Ausländer auch dann noch in Schutz, wenn sie zum Gewalttäter werden.“