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| 16:09 Uhr

Aktion
Cottbus setzt sieben neue Stolpersteine

 Der Kölner Künstler und Ideengeber Gunter Demnig wird am Samstag in Cottbus erwartet. Vor zwei Jahren verlegte er in der Stadt bereits Stolpersteine für Moritz und Martha Stenschewski.
Der Kölner Künstler und Ideengeber Gunter Demnig wird am Samstag in Cottbus erwartet. Vor zwei Jahren verlegte er in der Stadt bereits Stolpersteine für Moritz und Martha Stenschewski. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Messingtafeln sollen an das Schicksal jüdischer Familien erinnern. Ideengeber Gunter Demnig kommt in die Lausitz. Von Silke Halpick

Häufig hilft der Zufall bei der Recherche, erzählt Gudrun Breitschuh-Wiehe. Die Grünen-Stadtverordnete ist Mitglied der Arbeitsgruppe (AG) Stolpersteine. 83 Steine, die an das dramatische Schicksal jüdischer Familien in Cottbus erinnern und mahnen sollen, sind bereits verlegt. Sieben neue werden am Samstag hinzukommen.

Einer davon ist für Rudi Czerner gedacht. Der Cottbuser lebte mit seiner Familie in der Bautzener Straße 100. Er flüchtete bereits 1936 nach Palästina. Seine Mutter Anna Czerner und zwei Geschwister wurden hingegen im Oktober 1938 im Rahmen der „Polenaktion“ an die Grenze nach Bentschen/Zbaszyn abgeschoben und von dort ins Ghetto nach Lemberg gebracht. Alle drei starben hier.

Die Spur von Rudi Czerner verlor sich trotz intensiver Recherche, wie Beitschuh-Wiehe erzählt. Erst jetzt kam aus Israel die Nachricht, dass er sich der Palmach, einer jüdischen Untergrundorganisation mit militärischer Ausbildung, angeschlossen hatte, die an der Seite der Alliierten am Syrisch-Libanesischen Feldzug kämpfte. Allerdings kam Rudi Czerner bereits bei der ersten gescheiterten Aktion ums Leben. „Das wurde lange Zeit verschwiegen“, sagt Breitschuh-Wiehe.

Die Idee der Stolpersteine stammt vom Kölner Künstler Gunter Demnig. Er will damit verhindern, dass die während der Nazizeit verhafteten, deportierten und ermordeten Menschen  in Vergessenheit geraten. Die Steine sind zehn mal zehn Zentimeter groß und werden vor dem letzten freiwilligen Wohnort der Opfer verlegt. Passanten sollen quasi mit ihren Augen über die Messingtafeln „stolpern“ und an die Menschen erinnert werden.

In mehr als 300 Orten in Deutschland, Österreich, Ungarn und den Niederlanden gibt es bereits Stolpersteine. Seit dem Jahr 2006 werden sie auch in Cottbus verlegt. Eine eigens gegründete Arbeitsgruppe recherchiert mithilfe des Stadtmuseums und des Stadtarchivs die Schicksale der Familien. Rund 400   Juden gab es in Cottbus.

Verlegt werden die Stolpersteine von Gunter Demnig höchstpersönlich, der sich die Zeit nimmt, für dieses Ereignis  durch die gesamte Bundesrepublik zu fahren. Straff ist auch der Zeitplan in Cottbus. Um 9 Uhr werden vor dem Haus der Familie Goldstein in der Bahnhofstraße 75 die ersten zwei Steine verlegt.

Richard Goldstein war Erbe eines alteingesessenen Speditionsunternehmens und übernahm viele  Emigrationsumzüge, wie Breitschuh-Wiehe berichtet. Im Jahr 1940 flüchtete er mit seiner Frau nach Bratislava, um von dort mit dem Raddampfer „Pentcha“ nach Palästina zu emigrieren. Der Dampfer sank jedoch in der Nähe der Insel Rhodos, die Schiffbrüchigen kamen in ein italienisches Internierungslager. Richard Goldstein starb 1943 im Lager Ferramonti di Tarsia. Seine Frau emigrierte 1944 nach Palästina.

Schon 9.20 Uhr wird der nächste Stolperstein in der Lausitzer Straße 19 verlegt, der an Flora Tischler erinnern soll. Sie wurde 1942 ins Ghetto Warschau deportiert. Weitere zwanzig Minuten später erfolgt die Verlegung der vier Stolpersteine für die Familie Czerner in der Bautzener Straße 100. Anschließend reist Demnig weiter nach Pirna.

„Ermöglicht wird die Verlegung der Stolpersteine durch Spenden“, sagt Breitschuh-Wiehe. 120 Euro kostet die Fertigung eines Stolpersteins. Die Inschrift wird per Hand eingraviert und enthält den Namen, das Geburtsdatum sowie das Datum der Deportation und des Todes. Stolperstein-Paten werden gesucht. Neben Privatpersonen kommen Vereine, Organisationen und Unternehmen infrage.

Für Breitschuh-Wiehe ist es „sehr wichtig“, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Deutliche Kritik übt sie an der Aussage des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, der erst vor Kurzem den Nationalsozialismus als „Fliegenschiss in der Geschichte“ bezeichnet hatte. „Dagegen wehren wir uns ganz massiv“, betont sie.

 Der Kölner Künstler und Ideengeber Gunter Demnig wird am Samstag in Cottbus erwartet. Vor zwei Jahren verlegte er in der Stadt bereits Stolpersteine für Moritz und Martha Stenschewski.
Der Kölner Künstler und Ideengeber Gunter Demnig wird am Samstag in Cottbus erwartet. Vor zwei Jahren verlegte er in der Stadt bereits Stolpersteine für Moritz und Martha Stenschewski. FOTO: Michael Helbig/mih1