Von Andrea Hilscher

Es kommt nur selten vor, dass sich Patienten nach einem Eingriff im Krankenhaus an die RUNDSCHAU wenden, weil sie sich bei Operateur und Klinikteam bedanken wollen. Die Cottbuserin Arlett Anderßen aber hat genau das getan. Vor wenigen Wochen hat sie im Carl-Thiem-Klinikum ihren Sohn Jasper zur Welt gebracht – mit einer neuen Kaiserschnittmethode, bei der die werdende Mutter von der ersten Sekunde an Blickkontakt mit dem Neugeborenen hat.

„Die Mutter war zunächst skeptisch, als wir ihr von der Methode erzählt haben“, erinnert sich Kathrin Neumann, Leitende Hebamme im CTK. Sie habe sich dann in das Thema eingelesen, lange mit der Hebamme gesprochen und sich schließlich entschlossen, die neue Methode auszuprobieren.

Dr. Jörg Schreier, Chefarzt der Frauenklinik, hat den Blickkontakt-Kaiserschnitt in den vergangenen Monaten nach und nach in Cottbus etabliert. „Beim klassischen Kaiserschnitt ist die Frau durch ein Tuch vom eigentlichen Geburtsvorgang abgetrennt, bis plötzlich wie bei einem Zaubertrick der Säugling hinter diesem Vorhang auftaucht“, sagt der Chefarzt. Psychologisch wie physiologisch könne das sowohl für die Mutter wie auch für das Kind Nachteile mit sich bringen.

Erschwerte Bindung: Die ersten Minuten zwischen Mutter und Kind prägen die Beziehung der beiden: Je früher Haut- und Blickkontakt möglich sind, umso enger die Bindung.

Erschwerte Anpassung: Im klassischen geplanten Kaiserschnitt fehlt nicht nur der Mutter die Geburtserfahrung, auch dem Säugling entgehen wichtige Impulse. Bei der normalen Entbindung wird der Brustkorb des Babys im Geburtskanal stimuliert, die spätere Atmung dadurch erleichtert. Nach einem Blasensprung kommt der Säugling in Kontakt mit dem Geburtskanal, was wiederum die Bildung der Darmflora anregt, die entscheidend für die Gesundheit des Babys ist.

„Wir versuchen daher, den Kaiserschnitt dem natürlichen Geburtsvorgang nachzuempfinden“, sagt Dr. Schreier. Wenn möglich, werde auch beim Kaiserschnitt auf einen Blasensprung gewartet, um die spätere Anpassung des Säuglings zu unterstützen. Im Operationssaal wird das Licht gedämpft, das OP-Team ist besonders ruhig, ein einzelner Spot beleuchtet die Szenerie. Der Operateur setzt nur einen kleinen, knapp zehn Zentimeter langen Schnitt.

Die Hebamme animiert die werdende Mutter zum Mitschieben, um ihr ein Gefühl für den Geburtsvorgang zu vermitteln. Der Kopf des Säuglings dehnt die OP-Wunde – die Mutter kann sehen, wie ihr Kind auf die Welt kommt. „Die Wunde sieht sie dabei nicht, auch kein Blut“, versichert Kathrin Neumann. Der Bauch der Mutter und der Körper des Babys versperren den Blick.

„Wie bei einer normalen Geburt legen wir den Säugling dann sofort auf die Brust der Mutter und lassen die Nabelschnur in Ruhe auspulsieren“, erklärt der Chefarzt. Der Vater könne dann die Nabelschnur durchtrennen, bevor das Baby kurz vom Kinderarzt untersucht wird.

Jörg Schreier: „Für das Team war diese Phase zunächst gewöhnungsbedürftig. Wir stehen eben ein paar Minuten rum und warten, bis die neue Familie sich gefunden hat.“ Die positiven Auswirkungen der Methode überzeugen aber nach und nach auch skeptische Kollegen.

Die Vorteile des sanften Kaiserschnitts: Mütter und Väter entwickeln sehr viel schneller eine Beziehung zum Neugeborenen. Der Eingriff verläuft ruhiger als sonst, die Mütter brauchen anschließend weniger Schmerzmittel. Die Stillquote steigt, die Zahl von Kindbettdepressionen sinkt. Auch Wochenbettbeschwerden nehmen ab.

Trotzdem warnt Jörg Schreier davor, den sanften Kaiserschnitt als Option für eine unkomplizierte Entbindung zu sehen, von Wunschkaiserschnitten hält er wenig. „Wir raten auch Frauen mit großen Ängsten, sich zunächst einmal an eine normale Geburt heranzutasten. Oft merken sie dann, dass ihre Befürchtungen überzogen waren.“

Die Kaiserschnittrate im CTK liegt bei unvorbelasteten Müttern bei 17 Prozent, insgesamt bei rund 27 Prozent – das ist weniger als im Bundesdurchschnitt.

Arlett Anderßen kann beurteilen, welche Folgen ein klassischer Kaiserschnitt haben kann. Sie schreibt: „Mein erster Sohn, Bennett, kam vor fünf Jahren auf die Welt. Da ich einen sehr seltenen Befund hatte, musste mein Sohn durch einen Kaiserschnitt auf die Welt kommen. Die OP war klassisch konservativ. Die Frau liegt hinter dem Tuch und sieht ihr Kind erst einige Minuten nach der Geburt. Der erste Kontakt ist zur Hebamme und zum Kinderarzt. Danach hatte mein Mann abnabeln dürfen und erst danach kam es gewaschen und geputzt zu mir, der Mutter, auf die Brust. Der Moment, das Kind zum ersten Mal im Arm zu halten war der schönste Moment der Welt, aber eine Bindung baute ich zum Kind erst schrittweise in den Tagen darauf auf. Letztlich hätten mir die Ärzte jedes Kind auf die Brust legen können, ich hätte es auf den ersten Blick höchstwahrscheinlich immer als meins angenommen.“

Die zweite Geburt erlebte die Cottbuserin völlig anders. Aus Angst davor, dass ihre Kaiserschnittnarbe bei einer normalen Geburt reißen könnte, entschied sie sich zwar wieder für einen Kaiserschnitt, jetzt aber nach der Blickkontakt-Methode.

Sie schreibt: „Den ersten Blickkontakt mit meinem Sohn Jasper als er aus dem Bauch herauskam, werden mein Mann und ich niemals vergessen.“