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Klimawandel
Neue Diskussion um CCS-Technik

Einst ein Vorzeigeprojekt in der Lausitz: die Pilotanlage zur CCS-Technik in Schwarze Pumpe. Im Jahr 2014 war sie zunächst stillgelegt und anschließend nach Kanada verkauft worden.
Einst ein Vorzeigeprojekt in der Lausitz: die Pilotanlage zur CCS-Technik in Schwarze Pumpe. Im Jahr 2014 war sie zunächst stillgelegt und anschließend nach Kanada verkauft worden. FOTO: dpa / Arno Burgi
Cottbus. Weltweit wachsen Bestrebungen, in den nächsten Jahren aus der Kohleenergie auszusteigen. Um kurzfristig den Ausstoß von CO2 und Gefahren für das Weltklima zu mindern, könnte die in Deutschland fast totgesagte CCS-Technologie wieder belebt werden. Die Lausitz war hier einst Vorreiter. Von Simone Wendler

Auf der Weltklimakonferenz in Bonn erklärten in dieser Woche 18 Staaten, in den nächsten Jahren aus der Kohleenergie aussteigen zu wollen. Eines dieser Länder war Kanada. Dazu soll zunächst der Kohlendioxidausstoß von Kraftwerken verteuert und ab 2030 in Kanada nur noch Kraftwerke mit CCS-Technologie betrieben werden, kündigte die Umweltministerin des Landes an. Kanada setzt damit offenbar auf eine Technologie, bei deren Entwicklung Deutschland mit Projekten in Brandenburg lange europaweit Vorreiter war, bevor das politische Aus dafür kam. CCS bedeutet Abscheidung und unterirdische Verpressung des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) aus Verbrennungsprozessen. Dabei kann es sich um Abgase aus verschiedenen Quellen handeln: Kraftwerke mit fossilem Brennstoff, Zement- ,Stahl- oder anderer Schwerindustrie.

„Weltweit wird an 17 großen Projekten dazu gearbeitet“, bestätigt Professor Reinhard Hüttl, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam. Und er versichert, dass sich die CCS-Technologie sicher handhaben lässt, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Diese  Gewissheit nimmt er aus einem im Herbst abgeschlossenen Forschungsprojekt seines Institutes in Ketzin.

In Ketzin erforschten Mitarbeiter des Potsdamer Geoforschungszentrums zwischen 2008 und 2013 die Speicherung von CO2 in Sandstein.
In Ketzin erforschten Mitarbeiter des Potsdamer Geoforschungszentrums zwischen 2008 und 2013 die Speicherung von CO2 in Sandstein. FOTO: Ralf Hirschberger / dpa

In dem Ort nordwestlich von Potsdam wurden von 2008 bis 20013 rund 67 000 Tonnen Kohlendioxid in eine gut 600 Meter tiefe poröse und wasserführende Gesteinsschicht gepresst. Mit vielen Probebohrungen wurde überwacht, wie sich das Gas im Untergrund verhielt. Die Tonschicht über dem Speicher und die Bohrung zum Einpressen des Gases erwiesen sich als dicht.

Es kam auch nicht zu einem Verdrängen salzhaltigen Wassers aus dem Untergrund, was eine Trinkwassergewinnung gefährden könnte. „Wir haben auch nachgewiesen, dass das Gas jederzeit aus dem Untergrund zurückgeholt werden kann“, so Professor Hüttl. Rund 1500 Tonnen sehr reinen Kohlendioxids, die in Ketzin eingelagert wurden, stammten aus einer CCS-Pilotanlage in Schwarze Pumpe.

Nach fünf Jahren erfolgreichem Betrieb am Kraftwerk Schwarze Pumpe unter dem damaligen Eigentümer Vattenfall war die Anlage 2014 stillgelegt und später nach Kanada verkauft worden. Unter dem Druck massiven Bürgerprotestes und unterschiedlicher Interessen der Bundesländer war 2012 ein CCS-Gesetz verabschiedet worden, das jedem Bundesland die Möglichkeit gab, auf seinem Territorium eine Einlagerung zu verhindern.

Vattenfall gab deshalb seine Pläne auf, in Jänschwalde für 1,5 Milliarden Euro ein Demonstrationskraftwerk mit CCS-Technik zu bauen. 180 Millionen Euro bewilligte Fördermittel der EU blieben in Brüssel. Eine Weiterentwicklung der Technologie in Deutschland, für die Vattenfall bereits 100 Millionen Euro investiert hatte, war damit beendet.

Auch das Geoforschungszentrum Potsdam, das nach dem Versuchsspeicher in Ketzin in Sachsen-Anhalt ein Demoprojekt im industriellen Maßstab geplant hatte, kam damit nicht mehr zu Zuge. „Wenn wir das Demo-Projekt hätten umsetzen können, dann wären wir heute einen deutlichen Schritt weiter“, bedauert Hüttl. Denn das Thema CCS und CCU (die stoffliche Verwertung abgeschiedenen Kohlendioxids) bestimmt immer mehr Diskussionen angesichts der zunehmenden Gewissheit, nur mit einer Reduzierung des weiteren CO2-Ausstoßes die Erderwärmung nicht ausreichend begrenzen zu können.

Anfang November hat die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in einem Papier eine neue Debatte in Deutschland zum Einsatz von CCS und CCU als Optionen zur Decarbonisierung der Industrie gefordert. Angesichts des Klimaabkommens von Paris und der deutschen Klimaschutzziele erscheine es „dringend geboten, die Chancen und Risiken des Einsatzes von CCS und CCU im Rahmen einer umfassenden Strategie“ zu prüfen.

Die Technologien seien technisch machbar, problematisch seien vor allem die politische und gesellschaftliche Akzeptanz. Und die Zeit dränge angesichts von mindestens zehn Jahren Vorlaufzeit bis zu einem breiten Einsatz. Es müsse auch geklärt werden, für welche Industrie CCS vorrangig genutzt werden soll. In Deutschland gehe es dabei bisher vor allem um die Zement- und Schwerindustrie, so Professor Hüttl – ehemals Inhaber des Lehrstuhls für Bodenschutz und Rekultivierung an der BTU Cottbus. Weltweit werde das Thema jedoch auch im Zusammenhang mit Kohlekraftwerken diskutiert. Hunderte neue Kohlekraftwerke seien zur Zeit weltweit im Bau, so Hüttel: „Global werden wir nicht so schnell aus der Kohle herauskommen.“