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| 18:41 Uhr

Cottbus
Was war die DDR-Solidarität wert?

Im Cottbuser Menschenrechtszentrum ist seit Mittwoch in einer neuen Ausstellung dieses Foto zu sehen. Es zeigt junge Vietnamesinnen im Wohnheim Cottbus im Jahr 1989. Die Mehrzahl der Ausländer in der DDR waren Vertragsarbeiter aus dem asiatischen Land.
Im Cottbuser Menschenrechtszentrum ist seit Mittwoch in einer neuen Ausstellung dieses Foto zu sehen. Es zeigt junge Vietnamesinnen im Wohnheim Cottbus im Jahr 1989. Die Mehrzahl der Ausländer in der DDR waren Vertragsarbeiter aus dem asiatischen Land. FOTO: Peggy Kompalla
Cottbus. Im Menschenrechtszentrum Cottbus ist eine neue Ausstellung zum Umgang mit Fremden in der DDR zu sehen. Eine Diskussion offenbart verschiedene Ansichten. Von Peggy Kompalla

Zum internationalen Tag gegen den Rassismus ist am Mittwochabend im Cottbuser Menschenrechtszentrum die Ausstellung „Die verordnete Solidarität – der Umgang mit Fremden in der DDR“ des Archivs Bürgerbewegung Leipzig eröffnet worden. Die 16 Tafeln werfen Schlaglichter auf die Solidaritätsdoktrin des DDR-Staates und im Widerspruch dazu auf den Umgang mit den Ausländern. Allein die Debatte von Podium und Publikum am Mittwochabend zeigt, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen der Menschen sind. Zeitzeugen und betroffene Exilanten kommen teils zu anderen Einschätzungen als die Historiker. So wird an dem Abend immer wieder auch die Formulierung „verordnete Solidarität“ in Frage gestellt.

Dr. Steffen Alisch forscht als Historiker seit Jahren zu Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit in der DDR. Er führt in das Thema mit seiner Einschätzung ein: „Solidarität war ein zentraler Begriff der DDR-Ideologie, mit der jeder Bewohner ständig zu tun hatte. Sie war aber nicht viel mehr als ein Label.“ Das macht auch die Ausstellung deutlich.

Demnach war entgegen der Parolen für Internationalismus und Völkerfreundschaft ein enger Kontakt mit Ausländern in der DDR nicht erwünscht. „Hinter der Fassade der Weltoffenheit herrscht gegenüber Fremden Misstrauen seitens der SED und ihrer Sicherheitsorgane auf der einen Seite und der Bevölkerung auf der anderen Seite“, heißt es in der Ausstellung. Es gab zwar „Politemigranten“, Vertragsarbeiter und ausländische Studenten. Doch selbst im letzten DDR-Jahr, 1989, mit der höchsten Ausländerzahl von 191 200 Menschen, lag ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur bei einem Prozent. Die DDR war der Einschätzung der Historiker zufolge eine geschlossene, monokulturelle Gesellschaft. Reisen ins Ausland waren streng reglementiert, so dass ein zwischenmenschlicher Austausch mit fremden Nationen nur sehr eingeschränkt möglich war. „Die Völkerfreundschaft ist somit für die Bevölkerung eine nicht mental erlebbare Erfahrung, sondern eine abstrakte Größe“, heißt es in der Ausstellung.

Genau diese Einschätzung zweifeln die Besucher am Mittwochabend immer wieder an. Gerlinde Zickert ist die Leiterin der Sachsendorfer Oberschule in Cottbus und hat im Jahr 1976 als junge Lehrerin chilenische Schüler betreut. „Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem, was die Menschen von staats wegen getan haben und wie sie sich in ihrem beruflichen und persönlichen Leben verhalten haben“, sagt sie und bekennt: „Der Begriff verordnete Solidarität gefällt mir nicht. Das habe ich so nicht empfunden.“

So sieht es auch Patricia Fuentealba. Sie kam in den 70er-Jahren mit ihrer Familie nach Cottbus, weil ihr Vater nach dem Putsch im Jahr 1973 politisch verfolgt war. „Wir sind hier offen aufgenommen worden“, erzählt sie. „Unsere Eltern bekamen eine Wohnung, einen Beruf, ich ging in die Schule. Alles ohne Verpflichtungen. Die Leute waren nicht gezwungen, zu uns gut zu sein. Sie waren es, und wir sind immer noch hier.“

Ein Mittzwanziger im Publikum sympathisiert offen mit der DDR. Die Kontrolle und Überwachung durch die Stasi seien damals nicht schlimmer gewesen als heute, erklärt er überzeugt. Genauso positiv sind für ihn die Solidaritätsaktionen besetzt. Darauf entgegnet Pfarrer Burkhard Behr etwas entnervt: „Ich habe für die amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis Altstofffe gesammelt. Auf die Idee wäre ich als Zehnjähriger nie gekommen.“ Er fügt an: „Solidarität ist mir durch die DDR fremd geworden als Wort. Das war ganz klar verordnet. Ich musste erst später lernen, das Solidarität eigentlich etwas Gutes ist.“

Diskussion im Menschenrechtszentrum zur verordnete Solidarität in der DDR mit Gerline Zickert, Leiterin der Sachsendorfer Oberschule, Exilantin Patricia Fuentealba, Gedenkstättenleiterin Sylvia Wähling und Historiker Dr. Steffen Alisch (v.l.).
Diskussion im Menschenrechtszentrum zur verordnete Solidarität in der DDR mit Gerline Zickert, Leiterin der Sachsendorfer Oberschule, Exilantin Patricia Fuentealba, Gedenkstättenleiterin Sylvia Wähling und Historiker Dr. Steffen Alisch (v.l.). FOTO: Peggy Kompalla