ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:11 Uhr

Naiv und mutig gegen das System

Sie diskutierten über den folgenschweren Wahlbetrug: Dr. Peter Ulrich Weiß, Dr. Maria Nooke, der Beigeordnete Lothar Nicht, Pfarrer Christoph Polster und Ulrike Poppe (v.l.n.r.).
Sie diskutierten über den folgenschweren Wahlbetrug: Dr. Peter Ulrich Weiß, Dr. Maria Nooke, der Beigeordnete Lothar Nicht, Pfarrer Christoph Polster und Ulrike Poppe (v.l.n.r.). FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Der Protest gegen manipulierte Wahlergebnisse im Mai 1989 als Auftakt zur Revolution. Unter diesem Motto haben am Montagabend in Cottbus Bürgerrechtler und Wissenschaftler diskutiert. Sven Hering

Peter Ulrich Weiß von der Berliner Humboldtuni hat in den vergangenen Jahren viele Akten gewälzt. Folgende Episode ist ein Ergebnis seiner Recherche: Als am Abend des 7. Mai 1989 in Cottbus die Wahllokale schlossen, hatte der Oberbürgermeister und Vorsitzende des städtischen Kreiswahlausschusses Erhard Müller ein Problem. Das Problem war eine Zahl: 1500. Über 1500 Cottbuser oder 1,8 Prozent aller Wähler hatten sich gegen die Einheitsliste der Nationalen Front ausgesprochen. Das waren so viele wie noch nie in der Bezirksstadt. Damit war für Müller klar, dass es zum Konflikt kommen musste - mit der ersten Sekretärin der SED-Kreisleitung. Nicht etwa, weil das Ergebnis die örtlichen Machtverhältnisse in Frage stellte. Sondern weil die abgegebenen Nein-Stimmen dreimal höher waren als ihn eben jene erste Sekretärin als verbindliche Vorgabe der SED-Bezirksleitung mitgeteilt hatte. Waren nicht aber auch 98,2 Prozent ein gutes Ergebnis? Müller griff zum Telefon und trug der Kreissekretärin seine Bedenken vor. Doch am anderen Ende der Leitung war die Antwort kurz und bündig: 0,6 Prozent Nein-Stimmen. Mehr geht nicht.

Was nun geschah, liest sich in den späteren Strafrechtsakten wie folgt: Die Angeklagten begaben sich dann in ein Nebenzimmer und begannen mit der Eintragung des vorläufigen Endergebnisses. Dabei fälschten sie die Anzahl der tatsächlichen Gegenstimmen für einen Teil der Wahlbezirke soweit, dass sich dadurch nur 560 Gegenstimmen statt der tatsächlichen Anzahl von mindestens 1500 Stimmen ergab. Die unterschlagenen Gegenstimmen wurden jeweils den gültigen Ja-Stimmen zugerechnet.

Das Fazit von Peter Ulrich Weiß lautet: "Die machtbesessene SED-Führung sah im Wahlbetrug den einzigen Überlebensweg."

Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster gehörte damals zu denen, die den Betrug aufgedeckt haben. Er war mit seinen Mitstreitern der Umweltgruppe bei den Auszählungen dabei. Noch am Wahlabend sei ihnen klar geworden, dass die offiziell verkündeten Ergebnisse nicht stimmen konnten, berichtete er.

Auch Maria Nooke, heute Vize-Direktorin der Gedenkstätte Berliner Mauer, beobachtete die Auszählung besonders aufmerksam - in Forst. Als sie zu deutlich nachfragte, wurde sie schließlich aus einem Wahllokal ausgesperrt. Wie Polster machte Maria Nooke die eigenen Beobachtungen später öffentlich. Ungeachtet der Gefahren, die noch immer drohten.

"Wir waren ausgestattet mit einer Portion Naivität und Mut, aber auch mit dem festen Willen, das nicht länger hinzunehmen", erklärte Polster in der Veranstaltung, die als exzellenter Geschichtsunterricht für die junge Generation taugte, von dieser aber nicht besucht wurde.

"Die Kinder und teilweise die Enkel der Aktivisten von damals sind heute wahlmündig", erklärte Moderatorin Ulrike Poppe, die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. "Wenn wir die Erinnerung wachhalten, machen wir gleichzeitig deutlich, welch hohes Gut freie und geheime Wahlen sind", ergänzte sie.