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| 14:57 Uhr

Vortrag in Cottbus
Ostdeutsche und Muslime haben viel gemeinsam

 Naika Foroutan forscht über Benachteiligung von Muslimen und Ostdeutschen.
Naika Foroutan forscht über Benachteiligung von Muslimen und Ostdeutschen. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Die Migrationsforscherin Naika Foroutan hat das Selbstverständnis von Ostdeutschen und Muslimen untersucht. In Cottbus hat sie ihre Studie präsentiert. Das Ergebnis ist überraschend. Von Andrea Hilscher

Sie sind viele: Je nach Zählweise leben in Deutschland zwischen 17 und 25 Millionen Menschen mit ostdeutscher Biografie, hinzu kommen rund fünf Millionen Muslime. Knapp 30 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung gehört also einer der großen und deutlich benachteiligten Minderheiten im Land an.

Die Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan hat sich beiden Gruppen in einer Umfrage gewidmet. Sie wollte herausfinden, was Ostdeutsche und Muslime über ihre Lebenssituation denken – und wie Westdeutsche über beide Gruppen urteilen. Das Ergebnis ist überraschend.

Im Rahmen der Vorlesungsreihe Open BTU hat Foroutan ihre Studie präsentiert und zur Diskussion gestellt. Insgesamt knapp 8000 Datenrückläufe konnte die Forscherin auswerten, etwa dreimal so viel wie man für eine repräsentative Umfrage braucht.

Stereotypen gegenüber Ostdeutschen und Migranten

„Wir wollten herausfinden, welche Stereotypen es gegenüber Ostdeutschen und Migranten gibt“, erklärt sie. Wichtig sei dabei die Frage gewesen, ob die hohe Muslimfeindlichkeit im Osten etwas mit dem Kampf um Anerkennung zu tun habe, den beide Gruppen führen.

„Es gibt bei beiden Gruppen Abstiegsängste, soziale Ungleichheiten und politische Entfremdung“, sagt Naika Foroutan. Beide stünden im Fokus negativer Berichterstattung. „Wir wollen die Gruppen nicht gleichsetzen, dafür sind die Unterschiede zu groß. Aber es gilt, vorhandene Ähnlichkeiten herauszuarbeiten.“

 Junge Mädchen und Frauen mit Kopftuch fallen auf – und lösen offenbar bei vielen Menschen Ängste aus.
Junge Mädchen und Frauen mit Kopftuch fallen auf – und lösen offenbar bei vielen Menschen Ängste aus. FOTO: dpa / Daniel Bockwoldt

Ostdeutsche und Muslime, das sei immer wieder belegt, sind überproportional von Arbeitslosigkeit, Altersarmut und Brüchen in den Arbeitsbiografien betroffen, bei Muslimen sind die Benachteiligungen stärker ausgeprägt als bei den Ostdeutschen. Soweit die Fakten.

Neben diesen Tatsachen gibt es die subjektive Wahrnehmung, die die Forscher abgefragt haben. Sie wollten wissen, wie groß die Zustimmung zu dem Satz ist: „Ostdeutsche/Muslime sehen sich ständig als Opfer“.

Spannendes Ergebnis: In Westdeutschland stimmen rund 40 Prozent der Befragten diesem Satz in Bezug auf beide Gruppen zu. In Ostdeutschland sagen 30 Prozent der Menschen über ihre eigene Gruppe wie auch über Muslime, sie stilisieren sich als Opfer.

Naika Foroutan sagt dazu: „Stereotype über die eigene Gruppe zu übernehmen, ist eine bekannte Methode, sich von ihr zu distanzieren und so eventuell von der dominanten Gesellschaft besser akzeptiert zu werden.“ Ein Beispiel: Frauen, die über Geschlechtsgenossinnenen abwertend als „Weiber“ sprechen, suchen so die Anerkennung von Männern zu gewinnen.

„Ostdeutsche/Muslime distanzieren sich zu wenig von Extremisten“

Die zweite These der Umfrage lautet: „Ostdeutsche/Muslime distanzieren sich zu wenig von Extremisten“. 37,4 Prozent der Westdeutschen sagen, Ostdeutsche distanzieren sich nicht genug vom Extremismus. Über Muslime sagen das 43,3 Prozent der Westdeutschen. Bei den Ostdeutsche finden rund 30 Prozent der Befragten den Satz richtig.

„30 Prozent klingt nicht viel“, so die Wissenschaftlerin.“ Aber in der Sozialforschung gehe man davon aus, dass 30 Prozent in etwa der kritischen Masse entspricht, die es braucht, um politische Umwälzungen in Gang zu setzen.

36,4 Prozent der Westdeutschen (und 30 Prozent der Ostdeutschen) finden außerdem, dass Ostdeutsche noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen sind. Damit werden Ostdeutsche tendenziell ‚migrantisiert‘. Gegen Muslime ist dieser Vorwurf sogar noch stärker: 58,6 Prozent der Westdeutschen (und 66 Prozent der Ostdeutschen) stimmen hier dem Satz vom „nicht angekommen sein“ zu.

„Sind Ostdeutsche/Muslime Bürger zweiter Klasse?“

Spannend auch die Antworten auf die Frage: „Sind Ostdeutsche/Muslime Bürger zweiter Klasse?“ Hier sagen im Osten 35 Prozent der Befragten, der Satz gelte für Ostdeutsche. Bei den Muslimen bejahen ihn 33 Prozent. Für Naika Foroutan ein erstaunliches Ergebnis – ihre Einschätzung nach hätten die Werte viel höher liegen müssen.

„Denn eigentlich müsste es fest im Denken verankert sein, dass es tatsächlich ganz objektive Benachteiligungen gibt.“ So seien 80 Prozent der Elitenposten im Osten noch immer mit Westdeutschen besetzt, bezogen auf ganz Deutschland liegt die Quote der Ostdeutschen in Spitzenpositionen bei gerade einmal drei Prozent.

Im Westen, und auch das ist ein Ergebnis der Studie, gibt es kaum ein Gespühr für diese reale Situation. Dort sagen nur 18 Prozent, dass Ostdeutsche benachteiligt werden, die Benachteiligung von Muslimen wird dagegen von 36 Prozent wahrgenommen.