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Nachwuchs gesucht: 1392 freie Stellen

Egal, welche Branche, egal, ob Handwerk oder Handel – in der Lausitz gibt es mehr Lehrstellen als Bewerber.
Egal, welche Branche, egal, ob Handwerk oder Handel – in der Lausitz gibt es mehr Lehrstellen als Bewerber. FOTO: dpa
Cottbus. 18 Dachdecker, zwölf Maurer, 24 Elektroniker, 28 Anlagenmechaniker und zwölf Bäcker werden laut der Handwerkskammer Cottbus aktuell für eine Ausbildung gesucht – und das ist nur ein kleiner Auszug. "Insgesamt knapp 300 Lehrstellen sind derzeit noch frei", weiß Martina Schaar, Teamleiterin Berufsausbildung von der Akademie des Handwerks. Michèle-Cathrin Zeidler und Jenny Theiler

"Vor allem im Bau und Ausbau sowie im Nahrungsmittelgewerbe wird auch nach dem eigentlichen Ausbildungsstart noch Nachwuchs gesucht." Für das neue Lehrjahr sind im Handwerk bereits 555 Berufsausbildungsverträge abgeschlossen worden, das sind neun Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. "Und das sind noch lange nicht alle, es gehen täglich neue Verträge bei uns ein", erzählt Schaar.

Auch in diesem Jahr gibt es dabei wieder Berufe, die bei den Schulabgängern sehr beliebt sind. "Wenig Passungsprobleme zeichnen sich, wie in den Vorjahren, beim Kfz-Mechatroniker ab", weiß Martina Schaar. Auch Tischler, Zahntechniker und Augenoptiker seien Ausbildungsberufe, die relativ schnell besetzt werden können.

"Wer jetzt ins Handwerk einsteigt, hat gute Chancen, was die eigene Karriere und das Einkommen anbelangt", stellt die Ausbildungsexpertin klar. "Viele Unternehmen übernehmen nach der Ausbildung ihre Lehrlinge." Zudem sei die Nachfrage nach Handwerkern und Handwerksleistungen enorm hoch und der Handwerker selbst ist am Markt eine begehrte Fachkraft.

Da noch viele Stellen frei sind, haben Last-Minute Bewerber gute Chance, eine Stelle zu ergattern. "Wer noch keinen Berufsausbildungsvertrag in der Tasche hat, sollte nicht aufgeben, sondern aktiv werden", ermutigt Martina Schaar. Ein Einstieg in eine Berufsausbildung sei auch nach dem offiziellen Start am vergangenen Montag möglich: "Wir empfehlen allen Unversorgten sich an die passgenaue Besetzung der HWK zu wenden."

Auch die Agentur für Arbeit vermeldet im Agenturbezirk Südbrandenburg noch 1392 unbesetzte Ausbildungsplätze. Von den insgesamt 3521 Ausbildungsanwärtern, die seit dem 1. Oktober 2016 bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind, haben 837 Bewerber noch keine passende Stelle gefunden, wie Anja Wierik, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Cottbus, mitteilt. Vor allem im Einzelhandel und in der Gastronomie ist der Bedarf an Auszubildenden besonders hoch. Händeringend werden aktuell 72 Köche und 62 Restaurantfachkräfte gesucht. "In der Regel sind auch Bewerbungen nach dem 30. September noch möglich", sagt Anja Wierik. Ab Oktober würden allerdings nur noch sehr wenige Einstellungen erfolgen: "Irgendwann können die Bewerber einfach nicht mehr den bereits behandelten Stoff in der Berufsschule aufholen."

Weiterhin sind auch auf der Ausbildungsbörse der Industrie- und Handelskammer Cottbus noch zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt. So werden 23 Fachkräfte für Möbel-, Küchen und Umzugsservice gesucht, 16 Bankkaufmänner sowie jeweils 14 Servicefachkräfte für Dialogmarketing, Kraftfahrzeugmechatroniker und Elektroniker. "Nach wie vor haben die Betriebe vor allem mit dem Mangel an geeigneten Bewerbern zu kämpfen", sagt Robert Kaltschmidt von der Industrie- und Handelskammer Cottbus. Dies spiegelt auch die diesjährige DIHK-Ausbildungsumfrage wieder: Demnach konnte jeder dritte Betrieb in Deutschland im vergangenen Jahr seine Lehrstellen nicht besetzen. "Die wesentlichen Gründe für den Bewerbermangel liegen in der Demografie und dem langjährigen Trend zum Studium", weiß Robert Kaltschmidt. Selbst Vattenfall und die LEAG konnten laut RUNDSCHAU-Informationen in diesem Jahr erstmals nicht alle Stellen besetzt.

Aufgrund dieser Entwicklung stemmen sich die Ausbildungsunternehmen auch gegen den Azubimangel. "Rund 80 Prozent der Betriebe bieten Ausbildungschancen für Leistungsschwächere und 40 Prozent geben selbst Nachhilfe", zeigt Robert Kaltschmidt das Engagement der Unternehmen auf. Auch die IHK sieht aktuell noch gute Chancen für Bewerber und hat ein paar Tipps. "Lehrstellenbewerber sollten sich nicht nur auf einen Traumberuf konzentrieren, sondern nach Alternativen suchen", sagt der Experte und gibt weiterhin zu bedenken: "Wer den passenden Beruf finden möchte, der sollte die eigenen Stärken und Schwächen kennen und prüfen, ob diese auch zum Wunschberuf passen". Außerdem sollte jede Bewerbung gründlich vorbereitet werden. "Neben den einschlägigen Regeln - ordentliche Bewerbungsmappe, ordentliches Outfit, Pünktlichkeit - bedeutet dies vor allem eines: Immer gut informiert zu sein über den jeweiligen Betrieb und Beruf." Wer sich die Mühe macht, das Anschreiben auf die Lehrstelle zuzuschneiden, punkte mit Engagement.